Jörg Berger kennt die Bundesrepublik ebenso gut wie die DDR. Jeweils die Hälfte seines Lebens verbrachte der heute 64-jährige ehemalige Fußballtrainer in Ost und West. Nach seiner Flucht im März 1979, also heute vor dreißig Jahren, erwarb er sich das Image eines Retters. Viele abstiegsbedrohte Bundesligavereine vertrauten seinen Motivationskünsten. Seit sechs Jahren muss sich Berger einer ganz anderen Herausforderung stellen: Er kämpft gegen den Krebs.

Auch dies kommt in seiner kürzlich im Rowohlt Verlag erschienenen Autobiografie "Meine zwei Halbzeiten. Ein Leben in Ost und West" zur Sprache. Ein Buch, das die komplexen deutsch-deutschen Befindlichkeiten zur Zeit des Kalten Krieges gefühlvoll und präzise spiegelt und sich damit deutlich abhebt von den üblichen Memoiren deutscher Sportheroen. Bergers Erzählungen bieten einen intimen Einblick in die Ängste und Zwänge eines freiheitsliebenden Menschen, der sein Leben in der DDR gestalten möchte, aber am Kontrollwahn des Staates scheitert und zur Flucht getrieben wird.

Der junge Berger will sich nicht gängeln lassen. Privat führt er Mitte der 70er Jahre ein unstetes Leben mit wechselnden Frauenbekanntschaften. In Freundschaft hat er sich von seiner Frau getrennt. Für die Stasi wird er damit jedoch zum Unsicherheitsfaktor. Schließlich bekleidet er als Trainer der DDR-Juniorennationalmannschaft einen verantwortungsvollen Posten, der üblicherweise mit Westreisen verbunden ist.

Berger aber darf auf Weisung der Partei nicht mehr reisen. Die Anwerbung als Inoffizieller Mitarbeiter, die ihm vom Ministerium für Staatssicherheit als vermeintlicher Ausweg angeboten wird, lehnt er ab. "Man hat mich danach unter Druck gesetzt, dass ich wieder heiraten sollte", erinnert sich Berger. "Ich war in einer Situation, wo ich gesagt habe: ’So kannst du nicht die nächsten dreißig Jahre weiterleben!’ Ich wollte mein Leben selbst in die Hand nehmen."

Völlig überraschend erhält Berger 1979 die Erlaubnis, die Juniorennationalmannschaft nach Jugoslawien zu begleiten. Sofort steht für ihn fest: Von dieser Reise wird er nicht in die DDR zurückkehren. Am schwersten fällt der Abschied von Ron, seinem achtjährigen Sohn. Wird er ihn jemals wiedersehen? Ein letztes Mal besucht Jörg Berger seine Eltern in der Leipziger Nordstadt, nur der Mutter erzählt er von seinem Vorhaben, heimlich auf dem Dachboden. Beide weinen. Weil die Mutter als Rentnerin schon öfters im Westen war, gibt sie dem Sohn einen Ratschlag mit auf den Weg: "Glaube nicht, dass die da drüben auf dich warten."

Als der Zug aus Belgrad die österreichische Grenze überquert, lehnt sich Berger aus dem Fenster und schreit seine Freude heraus. Seine Flucht ist geglückt. Doch schon kurz nach der Ankunft in der Bundesrepublik folgt die Ernüchterung. Der Deutsche Fußballbund (DFB) gibt sich im Fall Berger reserviert. Auf keinen Fall möchte der größte Sportverband der Bundesrepublik in den Verdacht geraten, als Fluchthilfeorganisation zu agieren und damit die ohnehin angespannten deutsch-deutschen Sportbeziehungen weiter zu belasten. Der erfolgreiche frühere DDR-Auswahltrainer soll außerdem erst mal seinen Trainerschein machen, fordert der DFB herablassend. Trotz allem macht er bald Karriere in der Bundesliga, immer häufiger taucht sein Name in der Presse auf.

Für die Staatssicherheit ist Bergers Erfolg eine Provokation. Nach ihrem Verständnis ist er ein "Sportverräter", ein Verbrecher, der seine sozialistische Heimat im Stich gelassen hat. Berger fühlt sich beobachtet, er spürt, dass ihn die Stasi auch im Westen verfolgt. Kurz nach seiner Flucht wird er auf offener Straße angesprochen. Die beiden Fremden sind hauptamtliche Mitarbeiter des MfS. Sie fordern Berger auf, nach Schweden zu reisen, dort würde seine Mutter auf ihn warten. Doch Berger wittert die Falle: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Mutter das wollte. Heute weiß ich, wenn ich in Schweden gewesen wäre, hätte man versucht, mich in die DDR zurückzuführen." Gewissheit über das Maß der Überwachung erhält Berger erst nach dem Mauerfall beim Einblick in seine Stasiakte. Mindestens einundzwanzig Inoffizielle Mitarbeiter hatte die Mielke-Behörde auf ihn angesetzt, davon mehr als die Hälfte im Westen.

Zwei seiner engsten Freunde haben ihn über Jahre ausspioniert, darunter Bernd Stange, der als treuer Informationslieferant des MfS in den 80er Jahren bis zum Nationaltrainer der DDR aufsteigt. Nach der Wende ist niemand der alten SED-Führungskader auf Berger zugekommen. Auch Wolfgang Riedel, der 1979 die Delegation in Jugoslawien leitete, hat sich nie bei ihm entschuldigt. Wie die Stasiakte des Buchautors belegt, hatte sich Riedel unmittelbar nach der Flucht an Bergers Fersen geheftet, mit dem Ziel, ihn noch vor der Grenze abzufangen.

Nach dem Mauerfall macht Riedel Karriere beim DFB. Als Schatzmeister trägt er bis 2004 die Verantwortung für die Finanzen des Nordostdeutschen Fußballverbands. Für seine besonderen Verdienste wird ihm die DFB-Ehrennadel in Gold verliehen. Auch einen altbekannten DDR-Dopingarzt hat Berger nach dem Mauerfall wiedergetroffen: Dr. Hans Jörg Eißmann, Anfang der 90er Jahre tätig als Dopingkontrolleur im Auftrag des DFB. Berger wirft ihn hochkant aus der Kabine. Bis heute hat es der DFB versäumt, seine DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Defizit, das Bergers verdienstvolle Autobiografie schonungslos benennt.