G-20 aus Chiles Sicht Chiles Angst vor dem Protektionismus
Kein anderes Land der Welt hat so viele Freihandelsabkommen abgeschlossen wie Chile. Nun stellen die Folgen der Finanzkrise die Globalisierungspolitik infrage

© Martin Bernetti/AFP/Getty Images
Die Sewell-Kupferminensiedlung bei Santiago, 1906 gegründet und 2140 hoch gelegen, ist inzwischen UNESCO-Weltkulturerbe
Chile ist in Lateinamerika bislang durch seine solide Wirtschaftsführung aufgefallen. Das Land hat sich den Bibelspruch vom Sparen in den fetten Jahren, um in den mageren Jahren davon zu zehren, zu Herzen genommen. Oder, wie man heute sagt: Es hat konjunkturdämpfende Maßnahmen ergriffen.
Wie die übrige Region, so hat auch Chile von den jüngsten Preissteigerungen für Rohstoffe, besonders den Rekordpreisen für Kupfer, profitiert. Das konjunkturdämpfende Verhalten wurde der Regierung teilweise aufgezwungen, weil sie es aus Furcht vor einer dadurch ausgelösten, massiven Inflation nicht riskieren konnte, die unverhofften Gewinne in Umlauf zu bringen. So konnte Chile rund 22 Milliarden US-Dollar, was den Exporteinnahmen von sechs Monaten entspricht, in einem Staatsfonds ansparen – ein Polster, das dem Land jetzt, im Schock der internationalen Krise, sehr zugutekommt.
Was die Führungskreise in Regierung und Wirtschaft nun besonders fürchten, ist der Protektionismus. Kein anderes Land der Welt hat so viele Freihandelsabkommen abgeschlossen wie Chile. Es zählt 54 führende Nationen in Asien und Europe, darunter auch die EU und die USA, zu seinen Vertragspartnern, und Chiles internationaler Handel macht 60 Prozent seines BIP aus. Der dynamischste Bereich der chilenischen Wirtschaft, in dem auch die besten Löhne gezahlt werden, hängt mit dem Außenhandel zusammen. Nun geht die Angst um, dass der Protektionismus die ohnehin schon gesunkene Nachfrage noch weiter abnehmen lassen könnte.
Ebenso beunruhigend ist auch die zweite Sorge, dass ausländische Investitionen zurückgehen oder gar ganz versiegen könnten. Die Mineralienexporte beispielsweise beruhen zum Großteil auf ausländischen Bergbauunternehmen. Weniger oder gar keine Investitionen aus dem Ausland würden geringeres Exportwachstum und weniger Arbeitsstellen bedeuten und darüber hinaus auch den Verlust von Technologietransfer nach sich ziehen.
Bereits in den 70er Jahren war Chile eine wichtige Versuchsanstalt für jene neoliberale Politik, die später in vielen Ländern zur Anwendung kam. Die vollständige Deregulierung der Finanzmärkte und die systematische Einschränkung der Rolle des Staates begannen unmittelbar, nachdem Augusto Pinochet dem Land 1973 seine brutale Unterdrückungsherrschaft aufgezwungen hatte. Nach den Anleitungen von Milton Friedman und dem Wirtschaftskonzept der Chicagoer Schule hatten die chilenischen Technokraten Schocktaktiken eingesetzt. Dabei machte sich Chile die Kriterien seiner komparativen Vorteile zunutze, um sich von einer geschützten zu einer weit geöffneten Wirtschaft zu entwickeln. Viele seiner damals noch in den Kinderschuhen steckenden Wirtschaftszweige verschwanden von der Bildfläche, während Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte wuchsen und gediehen.
Das vorschnell deregulierte Finanzsystem brach im Jahr 1982 spektakulär zusammen und der enorme Schuldenberg der privaten Banken wurde - wer hätte es gedacht - vom Staat aufgefangen. Hier hat sich in vieler Hinsicht im Voraus abgespielt, was jetzt dem internationalen Bankensystem widerfahren ist. Die chilenische Lösung zur Frage einer praktischen Nationalisierung der Banken war die Einführung von “A”- und “B”-Aktien. Aktionäre der Gruppe “A”, die ehemaligen Inhaber der Geldinstitute, erhielten keine Dividenden, bis nicht den Aktionären der Gruppe “B” ihre Verluste voll erstattet waren, was ungefähr 15 Jahre gedauert hat.
Seitdem hat es im chilenischen Bankenwesen immer Einschränkungen gegeben. Der Fluss spekulativer Finanzmittel war längst durch Mindestreserveanforderungen eingedämmt worden, und bei der privaten Altersversorgung gibt es Höchstgrenzen bezüglich der Beträge, die im Ausland investiert werden können. Mit der Wiederherstellung der Demokratie im Jahr 1990 begann die Wiedergutmachung einiger der besonders eklatanten Ungerechtigkeiten, jedoch wurden die wesentlichen Merkmale der bisherigen Wirtschaftspolitik des offenen Handels und insbesondere die Tatsache, dass Chile die niedrigsten Zollschranken in der Region hat, nicht verändert. Chile kann sich nun zweier gegensätzlicher Rekorde rühmen: Das Land war in Bezug auf die Armutsbekämpfung erfolgreicher als alle anderen in der Region und es zählt zu den Nationen mit der größten Ungerechtigkeit in der Welt.
Wie auch Chile, ist das übrige Lateinamerika zurzeit in einer besseren Position als bei anderen Gelegenheiten, um dem Abschwung standzuhalten. Dank der jüngst sehr hohen Preise für Rohstoffe – insbesondere Soja, Weizen, Zellstoffholz, Öl, Gas und Eisen – konnte Lateinamerika Reserven anhäufen. Nun geht es darum zu verhindern, dass die reichen Volkswirtschaften die Krise auf diese Region übertragen, indem sie Kredite und Investitionen in den Schwellen- und Entwicklungsländern versiegen lassen.
Die G20 berät am 2. April über die Zukunft der Weltwirtschaft. Welche Wünsche und Erwartungen haben diejenigen Länder, die nicht am G20-Gipfel teilnehmen können? Wir haben dazu Stimmen eingesammelt. Ein Projekt des Global Policy Institute der London Metropolitan University und dem Londoner Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung.
- Datum 24.03.2009 - 12:59 Uhr
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