Emsdetten "Lasst uns in Ruhe trauern!"

Emsdetten durchlebt ein Trauma zum zweiten Mal: Der Amoklauf in Winnenden wühlt auch die Stadt auf, in der Bastian B. im November 2006 seine frühere Realschule stürmte

Christoph Rensing ist freundlich. Der Pfarrer versteht das wieder aufgeflammte Interesse an seiner Gemeinde. Darüber reden möchte er aber nicht. Nicht über seine seelsorgerische Tätigkeit in Emsdetten. Nicht über die Nachwehen des 20. November 2006, dem Tag, an dem ein 18-Jähriger seine frühere Realschule stürmte und mit Rohrbomben und Gewehren 37 Menschen verletzte und anschließend sich selbst tötete.

Auch Karola Keller, die Schulleiterin der damals betroffenen Geschwister-Scholl-Schule, wimmelt Presseanfragen ab, so gut es geht. Journalisten aus ganz Europa hätten sich um Interviews mit ihr bemüht, sagt sie. Sie halte aber nichts von Schulleitern, die bei Anne Will diskutieren, die im Fernsehen Details aus dem Schullalltag preisgeben.

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Sie bevorzuge es, nach innen zu arbeiten, sagt die Schulleiterin. Sie wolle dort helfen, wo es nötig ist, anstatt auf die "Befindlichkeitsschiene" zu springen, wie sie es nennt. Sie wolle nicht alle paar Tage über die Fortschritte in der Trauerarbeit berichten. Zwar gebe es durchaus Maßnahmen an ihrer Schule seit dem Amoklauf, wie neue Programme gegen Mobbing und einen verstärkten Austausch mit der Polizei. Aber darüber könne man sich auf der Homepage der Schule informieren.

Das Schweigen der Autoritäten diene dem Schutz der Schüler und Angehörigen, sagen Pfarrer und Rektorin. Es sei eine "grundsätzliche Haltung", die von allen in der Stadt geteilt werde: Alte Wunden sollen nicht wieder aufgerissen werden. Die Eltern, Schüler und Gemeindemitglieder seien dankbar, dass man versuche, sie abzuschirmen und ihre traurigen Erinnerungen nicht öffentlich diskutiere.

Auch die Lokalzeitung hält sich daran. Am Tag nach dem Amoklauf in Winnenden schrieb der Chef der Emsdettener Volkszeitung eine Stellungnahme: Sein Blatt verzichte bewusst darauf, im Archiv herumzuwühlen und noch einmal die Fotos von 2006 zu veröffentlichen. Viele Leser hätten sich dafür sehr bedankt.

Die Psychologen aus Emsdetten sind jetzt in Winnenden im Einsatz, um ihre Erfahrungen weiterzugeben. Aber öffentlich möchten die Emsdettener Bürger den Menschen in Winnenden keine Tipps geben. Aus Gründen der Pietät und aus Selbstschutz, wie eine Lehrerin sagt: Ihre Schüler und sie selbst würden momentan die schlimmen Tage von damals noch einmal durchleben. Manche, die sich eigentlich schon drei Schritte nach vorn bewegt hätten, seien nun wieder zwei Schritte zurückgefallen, sagt sie mit belegter Stimme. Ob sie auch sich selbst damit meint, ist nicht ganz klar.

Leser-Kommentare
  1. ... Herr Schlieben. Hätte man sich ja nicht vorher denken können ...

  2. > Neben Schock und Trauer sei vor allem ein Gefühl in den ersten Tagen nach der Bluttat ausgeprägt gewesen, berichtet einer: der Zorn auf die Medien. Die Horden von Fotografen und Boulevardjournalisten, die sich nach so einem Unglück einquartieren und Kinder zum Seelenstriptease auffordern, seien doch wirklich das Allerletzte. <

    Den letzten Satz kann ich nur unterschreiben. Es grenzt teilweise an Perversität was sich die Presse erlaubt. Es geht nicht um Berichterstattung sondern um Sensations-Präsentation mit möglichst vielen Details. Was Leidtragenden zugemutet wird ist Terror.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

  3. wieso wollen die Emsdettener in ruhe trauern? soweit ich weiß is damals nur der täter zu tode gekommen.
    das in emsdetten keiner ein interview geben will, ok, ihr gutes recht, ob das allerdings nen eigenen Kommentar erfordert bezweifle ich. emsdetten is damals glimpflich aufgegangen, darüber sollte jeder froh sein, nicht mehr und nicht weniger.

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