Kulturförderung "Dubai ist eher wie You Tube"

Der ehemalige Direktor der Berliner Opernstiftung über Kulturförderung, Kunst in Zeiten der Krise und sein aktuelles Großprojekt "Kultur in Dubai"

Wie man die fremde Identität aus dem Westen mit den eigenen nomadischen Ursprüngen verbindet, ist die Leitfrage für sinnvolle Kulturförderung in Dubai

ZEIT ONLINE: Seit zwei Jahren arbeiten Sie als Kulturmanager der Regierung hier in Dubai. Die Immobilienkrise hat auch die Golfregion erreicht. Was müsste jetzt getan werden?

Michael Schindhelm: Die Art und Weise, wie dieses Land geführt wird, müsste stärker der Führung eines Startup-Unternehmens gleichen. Es gibt eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, wie dieses Land geführt wird, und der Aufgabe, dieses Land in seiner globalen Komplexität nachhaltig zu etablieren. Die Managementformen ähneln denen eines Unternehmens, das es schon seit Jahrzehnten gibt. Siemens würde wahrscheinlich ähnlich funktionieren. Aber Dubai ist nicht Siemens, Dubai ist eher You Tube.

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ZEIT ONLINE: Was bedeutet das konkret?

Schindhelm: Es müsste in größerem Maße auf Teamarbeit gesetzt werden, die Hierarchien müssten flacher sein. Es wäre gut, wenn es eine neue Art der Kooperation zwischen den Einheimischen und den ausländischen Vertretern gäbe. Ich glaube, dass in der ersten Phase der Entwicklung Dubais die internationale Expertise sehr wichtig war. Deswegen sind viele Dinge sehr schnell entstanden. In einer zweiten Phase ist genau das Gegenteil hinzugekommen: Die Sorge der Emirati, die Kontrolle über ihr eigenes Land zu verlieren. Das Ergebnis ist, dass fast alle Unternehmen heute von Einheimischen geleitet werden. In einer bestimmten Phase war das wichtig. Ich glaube aber darüber hinaus, dass die Krise, in der wir uns jetzt befinden, nur durch eine Kombination aus der Phase eins und der Phase zwei zu bewältigen ist. Die Expertise von beiden Seiten ist jetzt vonnöten.

ZEIT ONLINE: Was ist das dringlichste Problem?

Schindhelm:  Dubai muss die Wende von der Hardware zur Software schaffen. Dubai hat sich lange als ein Bau-Entwicklungsprojekt verstanden. Inzwischen ist Dubai jedoch in weiten Teilen eine entwickelte Stadt. Die Krise schlägt sich vor allem in der Hardware, den Gebäuden, nieder. Es entstehen Überkapazitäten. Zu den wirtschaftlichen Herausforderungen kommen neue soziale Herausforderungen. Gleichzeitig leben in der Stadt heute schon so viele Menschen wie in Hamburg. Man kann Arbeitslosigkeit zum Beispiel nicht einfach exportieren. Künftig wird es verstärkt auch darum gehen, öffentliche Räume zu schaffen, in denen die Menschen, die in dieser Stadt leben, einen kulturellen Austausch pflegen können.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Teil Ihrer Aufgabe als Kulturmanager der Regierung?

Schindhelm:  Wir sind weniger dafür zuständig Gebäude zu bauen, als uns Gedanken zu machen, wozu Gebäude eigentlich da sind? Welche Inhalte sollen sie haben, welches Profil? Wofür brauchen wir Museen? Wer ist das Publikum? Wie vermittelt man so etwas hier?

ZEIT ONLINE:  Und?

Schindhelm:  Man schafft Rahmenbedingungen dafür, dass Kunst stattfinden kann. Meine persönliche Aufgabe ist es, für kulturelle Bildung in der Stadt zu sorgen, für Ausstellungsräume, Theater. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass so etwas wie die Kunstmesse nicht nur ein kommerzieller Anlass ist, sondern dass sie einen Mehrwert schafft. Der kulturelle Mehrwert der  Art Dubai ist das Global Art Forum, wo sich internationale Kunstschaffende über die Kunst in der Gegenwart mit den Vertretern aus der Region austauschen. Es geht darum, Schritt für Schritt eine kulturelle Infrastruktur zu schaffen, um die Initiative von Künstlern und Organisationen zu entwickeln.

ZEIT ONLINE: Ein Großteil der Einwohner von Dubai kommt aus anderen Ländern. Die Emirati stellen gerade mal fünf bis zehn Prozent. Besitzen die Emirati eine kulturelle Identität?

Schindhelm:  Das ist einer der zentralen Fragen für die künftige Entwicklung. Während wir uns in Europa fragen müssen, wie integrieren wir Ausländer, lautet sie hier gerade anders herum: Wie integrieren wie die Einheimischen in diesen Prozess? Das kann nur gelingen, indem man zunächst einmal den Fokus auf ihre eigene kulturelle Entwicklung lenkt. Sie sind die Menschen, die das entscheidende Kapital darstellen – mit ihrem eigenen Leben, ihrer Kultur. Die emiratische Kultur ist die beduinische Kultur. Und hier treffen sich möglicherweise das Traditionelle und das Globale, weil alle anderen die hier leben ebenfalls Nomaden sind, Nomaden von heute.

ZEIT ONLINE: Die Stärkung dieser Kultur, läuft das nicht auf eine Kulturgeschichtsschreibung hinaus, die zurück statt nach vorne blickt?

Schindhelm:  Dubai hat eigentlich keine Geschichte, aber hoffentlich viel Zukunft für einen wachsenden Ausschnitt der Weltgesellschaft, vor allem aber der arabischen und islamischen Länder. Dubai entsteht in einer der sicherheitspolitisch schwierigsten Konfliktzonen. Für die Kultur bedeutet das, eine sukzessive Annäherung an global verfügbare Ausdrucksformen zu finden und darunter die richtige für Dubai. Während wir in Europa in Museen Vergangenheit archivieren, versuchen wir hier die Gegenwart einzufangen, weil sie in Dubai in besonders dramatischer Weise flüchtig ist. Sich damit auseinanderzusetzen in Form von Film, Fotografie, bildender Kunst, Theater, das zu fördern, sollte der wesentliche Aspekt von Kulturförderung sein.

Das Interview führte Markus Zinsmaier .

 
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