Mord und Quote (3) Blöde neue Verbrecher-Welt
Die deutschen Krimi-Macher tun sich schwer mit der modernen Technik, mit Cyber-Cops und DNA-Analysen. Statt im Labor und am Rechner zu ermitteln, flüchten die TV-Kommissare in die Provinz
Ein Krimi-Symposium in Wiesbaden. Zwei Milieus treffen aufeinander. Die Zuhörer sind heute die, die normalerweise das größte Publikum haben: die Drehbuchautoren und Regisseure, die in Deutschlands erfolgreichstem TV-Genre arbeiten. Sie tragen Rollkragenpullover, Dreitagebärte oder geflochtene Zöpfe. Manchen sieht man an, dass sie am Vorabend in den Weinkellern Wiesbadens versackt sind.
Die Vortragenden sind die, deren Arbeit die Krimimacher inszenieren: echte Polizisten und Terrorfahnder. Sie wirken an diesem Vormittag wesentlich ausgeschlafener. Am Laptop und mit Schaubildern referieren sie über neue Ermittlungsmethoden und Trends der Kriminalistik. Die Autoren und Regisseure machen sich Notizen.
Einer mit Halstuch und Sonnebrille meldet sich. Er hat eine Frage an den Polizisten: "Hat der DNA-Test nicht inzwischen längst den Fingerabdruck ersetzt?" Udo Angerkamp, der ein Lehrbuch über Fingerabdrücke geschrieben hat, wiegt den Kopf: Jein. Die DNA-Analyse sei zwar oft präziser, dauere aber wesentlich länger. Aber das sei typisch für TV-Krimis, tadelt der Tatortexperte seine Zuhörer: Sie würden die Ermittlungen nur allzu häufig verkürzt darstellen, was dann technisch fragwürdig sei.
Das Symposium widmet sich dem Bereich, in dem die Kriminalität zuletzt am stärksten gewachsen ist: dem Internet. Peter Stamm hat 2006 eine Sondereinheit "Cyber-Crime" gegründet. Seine Cyber-Cops laufen Streife im Dschungel Internet. Dass sie damit überfordert sind, räumt der BKA-Mann ein, als ein Regisseur fragt, ob die Polizei Jugendforen hinsichtlich potentieller Amokläufe durchforste. Stamms Antwort: "Vergessen sie's!" Allein wer "Bombe" als Suchbegriff bei Google eingebe, erhalte elf Millionen Einträge.
Obwohl Stamm sich Mühe gibt, die neue Verbrechensdimension plastisch zu skizzieren, so richtig fesseln kann er sein Publikum nicht. "Schädlings-Software", "Trojaner", "DDos-Angriffe" – den Regisseuren schwirren nach ein paar Stunden Vortrag die Ohren. Die technische Sprache, die winzigen Icons auf dem Bildschirm, all das ist doch viel weniger sexy als die klassischen Kapitalverbrechen, scheinen sie zu denken.
Niki Stein zum Beispiel, Autor etlicher Tatort -Folgen. Obwohl er zu den Avantgardisten seiner Branche zählt, wird er vermutlich auch in Zukunft keinen Internet- oder Labor-Krimi inszenieren. Er sagt: "Die neuen Technologien machen den Krimi technokratischer – und somit langweiliger". Natürlich biete die Welt nach dem 11. September packende neue Stoffe, aber meist seien es eher die kleinen Zeitungsnotizen, die ihn auf Themen bringen: Der Mord in der Nachbarschaft, das Familien-Drama in der Großstadt, das fessele ihn und die Zuschauer mehr als die internationale Terror-Fahndung.
- Datum 25.03.2009 - 17:18 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Erst ist "24" diese böse gewaltverherrlichende Serie in der gefoltert wird um Verbrechen aufzuklären, und dann das Paradebeispiel für die spannende Darstellung der aktuellen, realitätsnahen Ermittlungsweise ! Na toll !
Der deutsche Krimi ist "unendlich" bemüht, die Leiden dieser Welt einzufangen, politisch korrekt versteht sich. Nachdem der Fernsehzuschauer die Tagesschau hinter sich hat, wo ihm nicht nur gezeigt wurde, wie die Welt auf unsere hehren Moralvorstellungen pfeift, sondern wo uns diese auch noch einmal im Schnellgang vorgebetet wurden, wird die Lektion von 20.00-20.15 Uhr dann, in einem Kriminalfall verpackt, vertieft. Mit Verlaub, im Fersehen der DDR war das nicht anders. Wie wohltuend ist es dann, wenn sonntags ab 22.00 Uhr schließlich ein familienintakter britischer Kommisar in einem spannenden Spiel einen schlicht eifersüchtigen oder habgierigen Mörder zur Strecke bringt, ohne Seitenhiebe auf Migranten, Nazis, Banker oder ähnliche Verfemte der Gesellschaft.
Ebenso wohltuend ist Ihre Beschreibung und passt selbst auf Methode Hill.
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Vielleicht liegt es auch an den Sehgewohnheiten. Jüngere haben meiner Erfahrung nach weniger Probleme mit den schnellen Schnitten und den knappen Dialogen mit kurzen Sätzen. Mir kommt bei diesen Filmen die Geschichte einfach zu kurz. Und das es auch technisch auf dem neuesten Stand unterhaltsam und spannend im ruhigeren Format zugehen kann, zeigt der Filmm, der Staatsfeind Nr. 1 und seinerzeit Wargames.
Aber alles spielt für Deutschland eigentlich keine Rolle. Der ständige Anspruch nach Tiefgang, meistens verbunden mit dem oberflächlichen Anreißen der Probleme, verhindert vor allem eins: die gute Geschichte. Was im nördlichen und angelsächsischen Raum möglich ist, nämlich beides zu verbinden, scheint in Deutschland überwiegend als schier unauflösbarer Widerspruch zu gelten.
Ist es nicht lustiger, wenn deutsche und amerikanische Krimis ganz verschieden voneinander sind? Wenn man hier anfinge, etwas möglichst perfekt nachzubasteln, das anderswo Erfolg hat, könnte doch wirklich nichts herauskommen als eine Imitation, der jeder das Original vorziehen wird. (Und die Imitationen der neueren amerikanischen Entwicklungen scheinen diee Überlegung ja zu bestätigen).
Und wundert es jemanden, wenn Menschen sich für Konflikte zwischen Menschen interessieren? Bei typischen internetbasierten Verbrechen begegnen sich häufig Verbrecher und Opfer überhaupt nicht. Damit fehlt ein dramatisches Element.
Vielleicht leben auch mehr Menschen in ("gefühlt") kleinstädtischen/kleinbürgerlichen Milieus, als sich das Mitarbeiter der ZEIT vorstellen können, und genießen Milieukrimis als künstlerische Verarbeitung der Enge des Milieus. Aber vor allem ist ein Krimi in einem solchen Milieu das denkbar stärkste Kontrastprogramm zu den amerikanischen Krimis, die nun einmal nur als Original überzeugend wirken. Wie oben gesagt: Es lohnt sich nicht, hier etwas zu machen, wenn es nicht spezifisch anders ist, als was anderswo gemacht wird.
So richtig exakt aufschlüsseln kann ich es gar nicht: Mir gefallen aber die englischen Krimi-Serien sehr gut. Die Schauspieler sind gut, die Milieu-Schilderungen sind sehr detailreich, die Schnitte sind gekonnt eingesetzt. Nichts gegen den Bullen aus der Provinz - er kommt sowieso mit einem Augenzwinkern daher. Aber Moorse - mit seiner "gebrochenen Persönlichkeit" und andere Ermittler - und Ermittlerin! - sind voller Leben. Und mit einem Hauch Morbidität.
Wallander und sein bandscheibengeschädigter Kollege aus Skandinavien gefallen mir auch. Hier wird - die Frauen wird's freuen - auch eine Gleichberechtigung der Geschlechter dargestellt, die nicht erzwungen und aufgesetzt erscheint. Sondern eher die Realität darstellt.
Meine "Helden" in der Tatort-Serie waren Klaus Schwarzkopf (Kiel) und Hans-Jörg Felmy (Essen). Nicht perfekt, eher mit Empathie ausgestattet. Aber immer ohne Holzhammer. Ja, sogar der allererste Tatortermittler, Trimmel (Hamburg) hatte etwas rührend-hilfloses, obwohl er nun eigentlich sogar ein Rauhbein war. Zuweilen wirkte er ein wenig "überspielt" - aber das kann durchaus am Konzept der Serie gelegen haben. Der Tatort-Kommissarin vom Bodensee merkt man m.E. wohltuend die langjährige Theatererfahrung an. Ansonsten werden hier ebenfalls schöne Milieu-Studien freigelegt. Manchmal wünschte ich mir, Walsers Fliehendes Pferd würde mal kurz durch die Kulissen galoppieren...
Verfilmte Krimis müssen m.E. nicht die Wirklichkeit 1:1 ins Wohnzimmer projizieren, sie sollten unterhalten. Vielleicht sogar auf eine spannende Weise.
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