Wirtschaftskrise Die sächsische Falle
Sie setzten alles auf Hightech. "Silicon Saxony" boomte. Nun steht in Dresden Qimonda vor dem Aus, in Leipzig zittern die BMW-Zulieferer. Hat Sachsen sich verzettelt?
Der Mann steht am Straßenrand, er sagt: "Qimondianer heulen nicht." Mit dem rechten Fuß schießt er einen kleinen Klumpen Dreck in Richtung Fahrbahn. "Irgendein Asiat wird uns schon kaufen, verdammt." Gerade hat der Mann erfahren, dass Brüssel nicht helfen wird. EU-Wirtschaftskommissar Günter Verheugen habe die Bittsteller aus Sachsen mal wieder abblitzen lassen, hieß es im Radio.
Der Klumpen fliegt unbemerkt unter die vorüberfahrenden Autos. Manchmal hupt ein Lkw-Fahrer, reckt die Faust aus dem Fenster und ruft "Kämpft weiter, Leute!", oder etwas Ähnliches, der Mann und seine Kollegen können es nicht genau verstehen, die Sätze gehen unter im Verkehrslärm. Die Königsbrücker ist eine der großen Dresdner Ausfallstraßen, sie führt direkt an dem Werk vorbei, auf das sie hier so stolz waren: Qimonda Dresden, Hersteller von Speicherchips. 3200 Arbeitsplätze. Hochtechnologie. Weltniveau. Manche sprachen vom "Leuchtturm des Ostens". Jetzt ist Qimonda insolvent.
Deshalb stehen der Mann und seine Kollegen hier. Immer mittwochs. Machen Getränke heiß, entzünden Feuer, entrollen Plakate. Auf einigen sind wankende Leuchttürme zu sehen, auf anderen sind sie schon eingestürzt. Qimonda ist auch ein Symbol des Niedergangs einer Region: Mikroelektronik in Dresden, Automobilindustrie in Leipzig. Zulieferfirmen, Forschungseinrichtungen. Sachsens Leuchttürme.
Am Zaun des Umspannwerks hinter den Qimonda-Leuten hängen Fotos. Von ihnen, ihren Kindern, ihren Hobbys. "Jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht", steht darüber. "Das Motto kommt aus der Belegschaft", sagt Andreas Friedrich, der die Aktion betreut, seit 1995 bei Qimonda arbeitet und viele Kollegen mit eingestellt hat. Friedrich ist Gruppenleiter, 54, groß gewachsen, mit einem Gesicht, das schon deshalb freundlich wirkt, weil jeder andere Ausdruck nicht zu seinem sächsischen Akzent passen würde.
"Der Reinraum ist das Herz von Qimonda. Wie ein Menschenherz darf es nicht aufhören zu schlagen", sagt Friedrich, während er weiße Plastüberzieher auf seine Straßenschuhe schiebt. Dazu Mantel und Haarhaube, die jeder tragen muss, der einen Blick ins Allerheiligste werfen will: den Reinraum, wo die Schaltkreise gefertigt werden. Ganz in Weiß gekleidete Gestalten bevölkern ihn, einzig die Augen sind unbedeckt. Wer hier arbeitet, darf zwei Stunden vor Schichtbeginn keine Zigarette mehr geraucht haben. Den Maschinen im Reinraum sind höchstens 100 Staubpartikel pro Kubikmeter zuzumuten. Normale Stadtluft enthält eine Billion Partikel pro Kubikmeter.
"Seit der Inbetriebnahme 1995 wurden diese Maschinen nie völlig abgeschaltet", sagt Andreas Friedrich. "Aber noch wichtiger als die Produktion ist die Weiterentwicklung der Technologie." Deshalb arbeiten rund ein Drittel der mehr als 3000 Qimondianer in der Entwicklung: Deutsche aus allen Teilen des Landes, Briten, Inder, Chinesen. Ingenieure, Physiker, IT-Experten.
- Datum 24.03.2009 - 14:25 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Ein wenig hat mich das schon gewundert, dass zu diesem - aus meiner Sicht - wichtigen Artikel, keine Kommentare registriert worden sein sollen. Es geht hier ja um viel, nicht nur um Arbeitsplätze und Existenzen sondern vor allem um das sogenannte Sächsische Erfolgsmodell nach der Vereinigung ... quasi ein politisches und wirtschaftliches Alleinstellungsmerkmal im ansonsten schwierigen Umfeld.
Warum kommentiert hier also niemand? Lethargie? Frustration? Angst?
Wir haben hier Ende des Sommers Landtagswahlen und neben der - seit Ende März - schlechter gewordenen wirtschaftlichen Lage der Unternehmen, sind eine Reihe von latenten politischen Skandalen hinzugekommen. Zuvörderst natürlich der Sächsische Anchorman Stanislaw Tillich. Nach jetziger Sachlage hat der Sächsische Ministerpräsident zwei Parlamente vorsätzlich getäuscht hinsichtlich seiner Verstrickungen mit dem DDR-Regime und täuscht auch die Bevölkerung hinsichtlich der wirtschaftlichen Situation im Freistaat.
Als Sachse muss ich nämlich zur Kenntnis nehmen, dass wir hier im Freistaat gar keine nennenswerten Probleme haben. Wir sind von der Krise nämlich nicht wirklich betroffen; zumindest verkünden dies unisono Staatskanzlei, Sächsische CDU und die Sächssischen Staatsanwaltschaften, die trotz Korruptionsskandal und Mrd-schwerer Sächssicher Landesbank-Defizite alle Verfahren gegen Landes- und Kommunalpolitiker sowie Geschäftsführer öffentlicher Banken und Beteiligungen niederschlagen, zumindest wenn diese ein SPD oder CDU-Parteibuch innehaben.
Der zweite Sächsische Problembär - der Sächsische Justizminister Mackenroth ist derweil in diverse juristische und politische Skandale verstrickt (u. a. Kloodeckel-Gate). Auffallend hier: Die Parteiabhängigen Leitmedien (insbesondere der MDR, Sächsische Zeitung und LVZ, DNN) schweigen die Sächsischen Katastrophen publizistisch tot. Stattdessen prasseln jeden Tag auf den Sächsischen Leser neue Erfolgsmeldungen und Wohltaten der Staatsregierung ein. Tenor: Wir können stolz auf Sachsen, unsere Regierung und die sie tragenden Parteien sein. Zumindest mit Blick auf Kommunal-, Europa- und Landtagswahl!
Der Freistaat steht in den nächsten Monaten vor einer machtpolitischen Zäsur. Der Biedenkopf-Tillich´schen CDU ist es über fast zwei Jahrzehnte gelungen, eine förderpolitische Chimäre aufzubauen. Die Wirtschaftsdaten im Freistaat sind ziemlich schlecht, Abwanderung und Vergreisung nach wie vor hoch ... aber Stani, wie er sich hier nennen lässt, posiert auf dem Parteitag der Sächssichen CDU als Sächsischer Barack Obama erklärt den SPD-Koalitionspartner für inkompetent und prognostiziert eine absolute Mehrheit für die CDU. So sieht nackte politische Angst aus!
Hier in Sachsen geht diese Angst um - nicht nur bei Qimonda und BMW-Zulierferern sondern bei den Statthaltern der Macht in Kommunen und Landkreisen. Auf wundersame Weise haben in Sachsen nämlich in CDU und SPD alte DDR-Kaderstrukturen überlebt - dank mrd.-schwerer Subventionen, die vielfach in dubiose Kanäle geflossen sind und deren Profiteure zumeist ein Parteibuch oder gelegentlich einen italienischen Pass haben.
Es geht hier in Sachsen weniger um die o. g. Unternehmen und deren Mitarbeiter sondern um eine spezifische antidemokratische Form der Machtausübung. Das machtpolitische Geschäftsmodell Sachsens steht vor dem Aus und davor haben Tiefensee, Tillich und Genossen Angst ... .
Ulrich Ingenlath,
ehem. MA Stadt Leipzig Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung
(bfb-Eigenbetrieb der Stadt Leipzig / BMW-Ansiedlung)
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