Amoklauf, Amstetten, Abwrackprämie und Attentäter, die neue, alte Kabarettsendung der ARD presste fast alle Themen der vergangenen Woche in 45 Minuten. Nur ein Konflikt fehlte: der Streit um den Namen Scheibenwischer. Was hätte der Konflikt um die deutsche Fernsehlegende doch für eine großartige Kabarettnummer abgegeben!

Dieter Hildebrandt, Kabarettist im Ruhestand, begehrt gegen seinen Nachfolger Mathias Richling auf. Er verbietet dem Sender, für den er jahrzehntelang gearbeitet hat, den Namen Scheibenwischer weiter zu verwenden. Schließlich habe Richling den Ruf der Sendung beschmutzt, weil er die Kasper aus der Comedy-Fraktion als Gäste einladen wolle. Unpolitischen Klamauk dürfe es unter der Marke Scheibenwischer nicht geben. Der Possenreißer schlägt zurück, beschimpft den ergrauten Vorgänger über die Medien als Parteigänger der SPD. In Interviews beharken sich die beiden wie einst Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß im Bundestag – nur auf niedrigerem Niveau. Großartiger Stoff, voller Dynamik, Tragik und Komik.

Doch im Satire Gipfel, wie der Scheibenwischer nun heißt, spielte die Auseinandersetzung keine Rolle. "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine neue Satiresendung gewonnen", ulkt Mathias Richling. Warum die Sendung einen neuen Namen trägt, erwähnt er nicht. Stattdessen startet er einen hektischen, verhaspelten verbalen Sprint. Kalauer, Stammtisch-Witze und ganz viel Trulala: Bahnchef Mehdorn. Ja, der habe von den Spitzeleien in seinem Konzern gewusst. Bleibe dennoch in Amt. Und nun will er auch noch an die Spitze von Märklin.

Kurzatmig geht es weiter: Altkanzler Schröder mache Geschäfte mit dem Holocaust-Leugner Ahmadineschad, "Geschäfte, Geschäfte, die Kohle muss rollen". Die Kohle? Rollen? Dann die Sterbehilfe: "Wer sterben will, sollte sich an eine deutsche Schule begeben." Im Publikum klatschen nur einige Unverdrossene.

Scheibenwischer war einmal. Das Produkte ihren Namen ändern, kommt vor. Aus Raider wurde Twix, ohne dass es dem Schokoriegel geschadet hätte. Der Sänger Sean Combs, der zunächst als Puff Daddy seine Karriere begann, wechselte so oft seinen Namen, dass heute kaum noch jemand weiß, wie er heißt – dennoch verkauft er erfolgreich Mode und Musik. Doch der Scheibenwischer war eine deutsche Fernsehinstitution.

Nach der Tagesschau, dem Tatort, der Sportschau und dem Fest der Volksmusik gehörte der Scheibenwischer zu den bekanntesten Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Konservative Politiker hassten das Kabarettformat. Bayern verbannte den Scheibenwischer einst aus seinem Dritten Programm. Auslöser des Kultur-Kreuzzuges gegen das Kabarett waren einige Sätze von Lisa Fitz nach dem Gau von Tschernobyl. Sie fragte, ob man Opas Leiche jetzt noch so einfach auf den Friedhof bringen könne? Nachdem er so verstrahlt sei, müsse er vielleicht auf eine Sonderdeponie.

Der Scheibenwischer kratzte ständig an den sogenannten Grenzen des öffentlichen Geschmacks. Er und seine Gäste provozierten die Anhänger der Union und der FDP und hielten den Sozialdemokraten einen Spiegel vor. Der Satire Gipfel ist weniger politisch - und weniger unterhaltsam. Das lag in der ersten Sendung auch an einem überraschend schlechtem Richling. Der 55-Jährige wirkt ohne seinen früheren Partner Bruno Jonas hilflos. Jonas, der eigentliche Erbe Hildebrandts, verließ vor Kurzem das Team. Er brauchte nie ein Wort-Maschinengewehr, um das Publikum erst zum Grinsen zu bringen und dann dafür zu sorgen, dass das Lachen im Halse stecken bleibt.

Statt Bruno Jonas agierte nun Ingolf Lück als Richlings Kompagnon. Ja, der Ingolf Lück, der Comedian von Sat.1 und kabel eins. Sein Thema: die Abwrackprämie. Dass die anderen drei Gäste, Frank Lüdecke, Matthias Seling und Philipp Weber, dazu als Automechaniker an einer Schrottkarre werkelten, erinnerte an den Humor von Florian Silbereisen. Der blonde Barde steckt die Wildecker Herzbuben für die Feste der Volksmusik  in Ballett-Tutus und erklärt seinen Zuschauern dann, das sei witzig. WITZIG!

Ingolf Lück signalisierte im seriösen grauen Anzug: Ich mache hier keine Comedy, ich mache KABARETT. Dabei war Lachen im Kabarett nie verboten! Wo blieben der Wortwitz, der hintergründige Humor, deftige Zoten à la Mitternachtsspitzen wenigstens? Die ersten 20 Minuten der Sendung waren zum Abgewöhnen.

Kabarettistische Qualität kam mit Philipp Weber und Matthias Seling. Weber spottete über den Terror-Opi Bin Laden, der mit Kalaschnikow über der einen und Dialyse-Gerät über der anderen Schulter mit dem Rollator über den Hindukusch zuckelt. Elegant spannte er den Bogen von Terroristen zu Anlage-Attentätern. "Früher mussten die Amerikaner ihre Häuser vor Verbrechern schützen, heute gehören die Häuser den Verbrechern."

Wenige solcher Glanzpunkte konnte Richling bieten. Er kopierte die erfolgreichere Konkurrenz vom ZDF, Neues aus der Anstalt. Doch das neue Konzept ging nicht auf. Wie gute Comedy aussehen kann, zeigte ausgerechnet Oliver Pocher direkt im Anschluss an den Satire Gipfel in Schmidt und Pocher. Das hatte zwar ebenfalls nichts mit Kabarett zu tun, war aber wenigstens richtig witzig.