Kunst Das sexuelle Leben der Tracey E.
Tracey Emin ist ein Enfant terrible und ein Liebling des Kunstbetriebs. In Bern eröffnet nun eine Retrospektive auf „20 Jahre“ Schaffen der Künstlerin. Dabei sind neben ihren frühen radikal sexuellen Werken auch neue, sanftere Arbeiten zu sehen
Es gilt das ungeschriebenes Gesetz, ein Werk – sei es in Kunst, Literatur, dem Film oder der Musik – nicht aus seinem Schöpfer heraus zu verstehen. Bei den meisten Künstlern muss oder kann man diesem Gesetz auch folgen, ist das Werk völlig unabhängig von Lebenserfahrungen zu verstehen. Anders bei Tracey Emin: Ihre Kunst erklärt sich nicht nur in besonderem Maße aus ihrer Biografie heraus. Emin ist ihr eigenes Kunstwerk. Sie entäußert sich über ihre Kunst, stülpt ihr Inneres buchstäblich nach außen. Ihre Arbeiten – Videos, Raum-Installationen, Zeichnungen, bestickte Stoffe, Texte – sind stets selbstbezogen, persönlich, intim, nackt und vor allem sexuell.
1999 wurde Emin für den wichtigen britischen Turner-Preis nominiert und mit ihrer provokanten Installation My Bed schlagartig weltberühmt. Die Künstlerin hatte ihr benutztes Bett ausgestellt, um das herum sie Kondome, Zigarettenkippen, Tampons und benutzte Unterwäsche verteilt hatte. Das Kunstmuseum Bern widmet der Ausnahmekünstlerin nun eine Retrospektive. 20 Jahre heißt die Schau, die zuvor im schottischen Edinburgh und in Málaga in Spanien zu sehen war.
Wie ihre Kollegen Damien Hirst, Sarah Lucas oder die Brüder Jake und Dinos Chapman gehört die 45 Jahre alte Künstlerin zu den Young British Artists, eine Bezeichnung, die der britische Kunsthändler Charles Saatchi prägte. Die gelungene Retrospektive bietet nun in elf Räumen einen gleichermaßen umfassenden wie differenzierten Einblick in das Schaffen der provokanten Künstlerin. Ein Ausstellungsführer hilft klug und knapp, einen ersten Zugang zu den jeweiligen Exponaten zu finden. Den Auftakt der Schau macht nun nicht etwa das berühmte Bett. Die Ausstellung beginnt mit Arbeiten aus den Jahren 2004 und 2005, darunter weiße, bestickte Stoffe, die stärker als andere Arbeiten romantisch und zart wirken. "Ich werde älter", sagte Emin dazu vor der Eröffnung.
Zu sehen ist ferner die monumentale Holzskulptur It’s not the Way I want to die, eine Art Achterbahn aus Metall und Bauholz, die auf Emins Herkunftsort, dem Ausflugsstädtchen Margate an der britischen Südost-Küste, und ihre auf Vergnügen ausgerichtete Jugend anspielt. Gleich darauf folgt eine ungewöhnliche Art von Curriculum Vitae, die Videoprojektion Cunt Vernacular, zu Deutsch: „Fotzenslang“. Es sind unter anderem diese Exponate, deretwegen die Kuratorn den Besuch der Ausstellung für Jugendliche unter 16 Jahren nur in Begleitung von Erwachsenen erlauben.
Tracey Emins Kunst dominiert der Sex. Im Zentrum stehen der Körper, die Sexualität, die Lust, die Ausbeutung durch die eigene wie durch andere Personen. Zeichnungen, Videos, Briefe, Gedichte, Essays, Textilarbeiten, Fotografien, Performances: Überall ist Emins Körper – und mit ihm die Seele – in seiner intimsten Sphäre präsent, wird dar- und bloßgestellt. Emins Kunst ist Exhibitionismus, über den sie nicht nur sich selbst, sondern auch das voyeuristische Bedürfnis des Betrachters befriedigt.
Auf die Spitze getrieben hat sie diese beiden Seiten ihrer Kunst in einer Performance im Jahre 1996: Nach traumatischen Erlebnissen im Zuge zweier Abtreibungen, war sie mit sich selbst und ihrer Kunst in eine Sackgasse geraten. "Teil einer emotionalen Selbstauflösung" nennt sie es. Um gegen ihre Versagensängste anzukämpfen und wieder einen Zugang zur Kunst zu finden, ließ sie sich für zwei Wochen in einen Galerieraum in Stockholm einsperren. Sie schlief, trank, aß und zeichnete auf engstem Raum und ließ sich dabei über 16 Weitwinkel-Linsen vom Publikum beobachten. Heraus kamen 14 Gemälde, 78 Zeichnungen, Körperabdrücke auf Papier und Fotografien. Der Raum wurde in der Retrospektive nachgebildet.
Emins Arbeiten sind persönliche Auseinandersetzungen mit Gefühlen wie Trauer, Scham, Selbsthass, Liebe und sexueller Begierde, mit denen sie auch den Betrachter konfrontiert. Das kann zu Wut, Entsetzen und Unverständnis führen, wie es die Installation My Bed bewirkte, die damals, bei der Turner-Ausstellung 1999, für einen Skandal sorgte. Oder Sensibilität und Verständnis schaffen, wenn es um Emins traumatische Erlebnisse nach Vergewaltigungen, Demütigungen und Abtreibungen geht.
Manche Arbeiten sind etwas leichter und humorvoller wie etwa das Video Why I never became a Dancer ( Wieso ich nie eine Tänzerin wurde ) oder Emins Kurzprosa „Essen ist nicht unbedingt meine Stärke“. Die Geschichte, in der Emin schildert, dass Fischstäbchen und Tomatensoße auf Brot die beste Grundlage für einen Wodkarausch abgeben, ist in dem Buch Strangeland enthalten, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Die autobiografische Textsammlung enthält prosaische und poetische Texte, die in ihrer Authentizität, Offenheit und Radikalität sehr an Charles Bukowski erinnern.
Diese lesenswerten Geschichten in Verbindung mit der gut konzipierten Werkzusammenstellung geben einen tiefen Einblick in das Leben einer Künstlerin, deren Werk nicht unabhängig davon zu verstehen ist. Sie öffnen den Blick dafür, dass Emins Schaffen nicht nur Provokation, sondern auch Sensibilität verkörpert.
Tracey Emin. 20 Jahre, 19.3.-21.6. 2009, Kunstmuseum Bern.
Tracey Emin. Magazin, Begleitheft zur Ausstellung, hrsg. v. Kunstmuseum Bern, 192 S., CHF 20.
Tracey Emin, 2009: Strangeland, Blumenbar Verlag, 240 S., 17,90 Euro.
- Datum 20.03.2009 - 16:43 Uhr
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