Kunst Das sexuelle Leben der Tracey E.Seite 2/2
Auf die Spitze getrieben hat sie diese beiden Seiten ihrer Kunst in einer Performance im Jahre 1996: Nach traumatischen Erlebnissen im Zuge zweier Abtreibungen, war sie mit sich selbst und ihrer Kunst in eine Sackgasse geraten. "Teil einer emotionalen Selbstauflösung" nennt sie es. Um gegen ihre Versagensängste anzukämpfen und wieder einen Zugang zur Kunst zu finden, ließ sie sich für zwei Wochen in einen Galerieraum in Stockholm einsperren. Sie schlief, trank, aß und zeichnete auf engstem Raum und ließ sich dabei über 16 Weitwinkel-Linsen vom Publikum beobachten. Heraus kamen 14 Gemälde, 78 Zeichnungen, Körperabdrücke auf Papier und Fotografien. Der Raum wurde in der Retrospektive nachgebildet.
Emins Arbeiten sind persönliche Auseinandersetzungen mit Gefühlen wie Trauer, Scham, Selbsthass, Liebe und sexueller Begierde, mit denen sie auch den Betrachter konfrontiert. Das kann zu Wut, Entsetzen und Unverständnis führen, wie es die Installation My Bed bewirkte, die damals, bei der Turner-Ausstellung 1999, für einen Skandal sorgte. Oder Sensibilität und Verständnis schaffen, wenn es um Emins traumatische Erlebnisse nach Vergewaltigungen, Demütigungen und Abtreibungen geht.
Manche Arbeiten sind etwas leichter und humorvoller wie etwa das Video Why I never became a Dancer ( Wieso ich nie eine Tänzerin wurde ) oder Emins Kurzprosa „Essen ist nicht unbedingt meine Stärke“. Die Geschichte, in der Emin schildert, dass Fischstäbchen und Tomatensoße auf Brot die beste Grundlage für einen Wodkarausch abgeben, ist in dem Buch Strangeland enthalten, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Die autobiografische Textsammlung enthält prosaische und poetische Texte, die in ihrer Authentizität, Offenheit und Radikalität sehr an Charles Bukowski erinnern.
Diese lesenswerten Geschichten in Verbindung mit der gut konzipierten Werkzusammenstellung geben einen tiefen Einblick in das Leben einer Künstlerin, deren Werk nicht unabhängig davon zu verstehen ist. Sie öffnen den Blick dafür, dass Emins Schaffen nicht nur Provokation, sondern auch Sensibilität verkörpert.
Tracey Emin. 20 Jahre, 19.3.-21.6. 2009, Kunstmuseum Bern.
Tracey Emin. Magazin, Begleitheft zur Ausstellung, hrsg. v. Kunstmuseum Bern, 192 S., CHF 20.
Tracey Emin, 2009: Strangeland, Blumenbar Verlag, 240 S., 17,90 Euro.
- Datum 20.03.2009 - 16:43 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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