Trauerfeier für Amok-Opfer "Nichts ist mehr, wie es war"

Tiefe Trauer beherrscht Winnenden am Tag des Gedenkens. Bundespräsident Köhler erinnert an die schrecklichen Folgen der Tat

Trauerfeier  in Winnenden, Gedenken an die Opfer des Amoklaufes

Trauerfeier in Winnenden, Gedenken an die Opfer des Amoklaufes

Tausende Kirchenglocken haben am Samstag in ganz Württemberg die zentrale Trauerfeier eingeläutet, bei der hunderte Trauergäste der 15 Opfer des Amoklaufs von Winnenden gedachten. Sichtlich bewegt erinnerte Bundespräsident Horst Köhler an die schrecklichen Folgen des Amoklaufs. «Nichts ist mehr, wie es war», sagte er beim Staatsakt im Anschluss an den ökumenischen Gottesdienst in der Kirche St. Karl Borromäus vor 900 Trauergästen. «Ja, viele von uns vergehen vor Schmerz. Aber solange wir einander trösten können, ist unser Leben nicht trostlos. Ja, wir können keinen Sinn in dieser Tat erkennen. Aber solange es Menschen gibt, die uns brauchen und auf die wir achten, solange wir eine Aufgabe haben, ist unser Leben nicht sinnlos.»

Bei der Ansprache vor der Trauergemeinde, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger und viele andere Spitzenpolitiker, stockte Köhlers Stimme mehrmals, wurde brüchig, er war sichtlich um Fassung bemüht. Er dankte den Polizisten für ihr rasches Eingreifen während des Amoklaufs. «Wir haben großen Respekt vor der Tapferkeit der örtlichen Polizeibeamten, die hier in Winnenden mit hohem persönlichem Risiko noch Schlimmeres verhindert haben.» Das rasche Eingreifen sei auch eine Konsequenz aus früheren Amoktaten gewesen.

Anzeige

Zum Abschluss seiner Rede sagte der Bundespräsident: «Liebe Trauernde, meine Frau und ich, wir wünschen Ihnen Kraft und Zuversicht. (...) Ganz Deutschland trauert mit Ihnen. Sie sind nicht allein.»

Zuvor hatte der evangelische Landesbischof Frank Otfried July auf die christliche Hoffnung für die Opfer und für den Amokläufer verwiesen: «Wir schweigen auch den Täter dieser furchtbaren Mordtaten (...) nicht tot», sagte July. Abgeschieden von den Opfern werde auch sein Leben vor Gott gestellt. Nach Ansicht des katholischen Bischofs Gebhard Fürst ist es zehn Tage nach dem Amoklauf noch zu früh, Rezepte für künftiges Verhalten zu formulieren. «Jetzt ist die Zeit zum Weinen, zum Klagen, zum Trauern», sagte Fürst in seiner Predigt.

In einem bewegenden Moment wurde jeder Name der Opfer einzeln vorgelesen. Zwei Jugendliche brachten eine Kerze mit dem Vornamen durch den langen Mittelgang der Kirche nach vorn, zündeten sie an und stellten die Kerze zusammen mit einer gelben Rose auf den Altar.

Zu Beginn des Staatsaktes zitierte Astrid Hahn, Rektorin der Albertville-Realschule, Martin Luther King: «I have a dream - Ich habe einen Traum». Zum Zeichen ihrer Anteilnahme trugen viele Schüler schwarze T-Shirts, auf denen dieser Satz in grüner Farbe gedruckt war. Mit Blick auf die Opfer sagte die Schulleiterin: «Auch diese Menschen, die aus unserer Mitte gerissen wurden, hatten einen Traum. Dann kam der 11. März 2009.» Zum Zeichen legten Jugendliche acht Projektarbeiten der Schule, darunter ein Gesteck mit gelben Sonnenblumen, vor den Altar. Am Ende der rund zweistündigen Trauerfeier kamen alle Besucher aus den Kirchbänken und nahmen sich bei den Händen.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 21.03.2009 um 15:10 Uhr

    Vorneweg: Es wurde nicht der Täter geehrt oder in den MIttelpunkt gestellt. Seine Motive oder Antriebe wurden hier nicht öffentlich erforscht.
    Vielleicht stand im Mittelpunkt Winnenden. Wie in der ganzen Zeit seit dem 11. März. Wenneda stand in meiner Stuttgarter Gossenkindheit für "Psychiatrie" - ein Wort, das wir damals gar nicht kannten und deshalb durch Demütigerendes ersetzten. Gelegentlich benutzten wir es denn auch, um andere zu demütigen.
    Dass die Stadt nun von Times bis New York Times für anderes steht, auch für Entsetzen, Trauer, Mitgefühl, Würde und Respekt. Dass die gesamte Staatsprominenz sich aufmachte, um vor Ort Respekt zu bezeugen. Das kann vielleicht helfen, außer den jetzigen auch ältere Wunden zu heilen.
    Aber die Trauerfeier selbst machte auch etwas anderes sichtbar: die Religion und ihre Rituale sind vielen Menschen bereits vollkommen fremd, haben bei vielen die Macht verloren, das Leben rückzubinden und zu bestimmen. Und zu trösten.
    Und es wurde auch sichtbar, wodurch diese alten, hohler werdenden Rituale vielleicht teilweise ersetzt werden könnten: durch die Macht der Prominenz - was ja bereits nach dem Tod von Lady Di sichtbar wurde.
    Ob man dies nun gut findet oder nicht, die Medizin der Kunst wirkt stärker, wenn ein prominentes Ensemble Respekt erweist. Bei der Gächinger Kantorei kommt hinzu, dass sie Wurzeln in religiöser Rückbindung hat, also für unsere Übergangszeit optimal passt.
    Die Medizin von Staat und Gesellschaft wirkt ebenfalls desto stärker, je prominenter sie verabreicht wird. Die ehrlichen Tränen eines Präsidenten wirken stärker als die eines Partei-Kreisvorsitzenden.
    All dies ersetzt nicht die Präsenz, den Trost, das Schweigen, die Berührung durch die Menschen vor Ort, die Nachbarn, Freunde, Betreuer. Aber es fügt eine Dimension hinzu.
    Man sollte dies nicht unterschätzen.
    Ich habe mich auch kurz gefragt, ob das nicht genau die Aufmerksamkeit bringen würde, die sich solche Täter angeblich wünschen. Die konkrete Ausgestaltung der Trauerfeier hat mich dann aber vom Gegenteil überzeugt. Ich glaube, hier wurde ein Zeichen gesetzt, das tief geht. Und es war gut, dass das Fernsehen bundesweite Teilname ermöglichte. Ich hätte mir gewünscht, alle Sender hätten ihre Endlos-Sinnlos-Schleifen unterbrochen und wären auf irgedeine Art dem Anlass gerecht geworden. Aber man kann den Verantwortlichen menschliche Reife nicht verordnen. Wir müssen mit den Wracks leben, die sich in manchen Bereichen anmaßen, unser Leben zu bestimmen.
    Gerade deshalb aber war es umso wichtiger, dass die Politik und die ARD zeigten, dass es anders geht. Vielleicht kommen dadurch auch andere wieder zur Besinnung und erinnern sich an unsere traditionellen gesellschaftlichen Rituale von Trauer, Besinnung und Neuanfang. Und achten in Zukunft wieder darauf, dass beispielsweise Weihnachten, Karfreitag, Ostern usw. über ihre religiöse Bedeutung hinaus eine wichtige Funktion haben könnten, die nicht durch den allgegenwärtigen F.....-, Sauf-, Schieß-, Laber- und Zynismus-Trash eingemüllt werden sollte.

    Antwort auf
  1. Ich empfinde diesen ganzen Medienhype als Geschmacklosigkeit sondersgleichen.

    Kurz nach der Tat saßen diejenigen, die so schön redeten in ihren Amtstuben und taten das was sie immer tun. Es war kein Innenminister, keine Kanzlerin und kein Präsident vor Ort. Es gab keine Mitleidsbekundung im kleinen Kreise. Ein Putin, ein Chaves und ein Jiabao wären gekommen, sofort. Auch ein Sarkozy und ein Brown.

    Es gab aber eine Inszenierung der Betroffenheit und das mit vollem Programm! Denkt keiner an die Hinterbliebenen, die sich das Spektakel stundenlang über sich ergehen lassen müssen? Gibt es in ein paar Jahren einen Erinnerungsevent wie in Erfurt?

    Liebe Regierende, lasst das bitte in Zukunft es ist geschmacklos auf dem Rücken dieser armen Menschen sich selbst zu inszenieren wenn sie nicht handeln wollen.

    Ja, es ist Wahljahr und die Schützen stellen zwei Million potentielle Wähler da. Da können sie anders, gerade das bürgerliche Lager, ich weiß...

    _____________________________________________________
    Sie werden Deutschland nie regieren - Sie nicht!
    (Gerhard Schröders wahre Worte)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ehrlich gesagt bin ich irgendwie traurig. Nicht allein der Opfer, sondern der Wahlkampfveranstaltung wegen, zu der man die Trauerfeier aus meiner Sicht umfunktioniert hat. Und natürlich waren's wieder einmal die Killerspiele, die einen jungen Menschen zu einem Verbrecher mutieren ließen. Die Frage, ob großkalibrige Waffen und mehrere Tausend Schuß Munition in einem Privathaushalt auch weiterhin gelagert werden dürfen, kann man nicht diskutieren und will es auch nicht. Und zwar nicht aus Rücksicht auf die Opfer, sondern lediglich aus Rücksicht auf die anstehende Bundestagswahl - in der es die Union sich nicht erlauben kann, die Rechtskonservativen zu verprellen. Und erste Drohungen aus dieser Richtung sind ja schon laut geworden. Schließlich ginge es ja auch in diesem Fall um "Freiheit oder Sozialismus".

    Mein Fazit: alles ist noch viel erbärmlicher und ekelerregender, als ich es anfangs je für möglich gehalten hätte.

    Ehrlich gesagt bin ich irgendwie traurig. Nicht allein der Opfer, sondern der Wahlkampfveranstaltung wegen, zu der man die Trauerfeier aus meiner Sicht umfunktioniert hat. Und natürlich waren's wieder einmal die Killerspiele, die einen jungen Menschen zu einem Verbrecher mutieren ließen. Die Frage, ob großkalibrige Waffen und mehrere Tausend Schuß Munition in einem Privathaushalt auch weiterhin gelagert werden dürfen, kann man nicht diskutieren und will es auch nicht. Und zwar nicht aus Rücksicht auf die Opfer, sondern lediglich aus Rücksicht auf die anstehende Bundestagswahl - in der es die Union sich nicht erlauben kann, die Rechtskonservativen zu verprellen. Und erste Drohungen aus dieser Richtung sind ja schon laut geworden. Schließlich ginge es ja auch in diesem Fall um "Freiheit oder Sozialismus".

    Mein Fazit: alles ist noch viel erbärmlicher und ekelerregender, als ich es anfangs je für möglich gehalten hätte.

  2. Ehrlich gesagt bin ich irgendwie traurig. Nicht allein der Opfer, sondern der Wahlkampfveranstaltung wegen, zu der man die Trauerfeier aus meiner Sicht umfunktioniert hat. Und natürlich waren's wieder einmal die Killerspiele, die einen jungen Menschen zu einem Verbrecher mutieren ließen. Die Frage, ob großkalibrige Waffen und mehrere Tausend Schuß Munition in einem Privathaushalt auch weiterhin gelagert werden dürfen, kann man nicht diskutieren und will es auch nicht. Und zwar nicht aus Rücksicht auf die Opfer, sondern lediglich aus Rücksicht auf die anstehende Bundestagswahl - in der es die Union sich nicht erlauben kann, die Rechtskonservativen zu verprellen. Und erste Drohungen aus dieser Richtung sind ja schon laut geworden. Schließlich ginge es ja auch in diesem Fall um "Freiheit oder Sozialismus".

    Mein Fazit: alles ist noch viel erbärmlicher und ekelerregender, als ich es anfangs je für möglich gehalten hätte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hepo
    • 22.03.2009 um 13:07 Uhr

    Offen gestanden befremdet mich dieser Interpretation der gestrigen Trauerfeier und sie mißachtet m. E. völlig, dass Angehörige, Freunde, Mitschüler, Lehrer, Helfer und Betreuer, Schulleitung diese Trauerfeier mitgestaltet haben. So weit ich weiß, ist man dem Wunsch der Angehörigen nachgekommen und hat dem Gottesdienst einen größeren Raum gegeben als dem sogenannten "Staatsakt". Es gab Angehörige und Betroffene, die nicht teilgenommen haben. Unüblich war auch, dass zuerst der Gottesdienst stattfand und erst danach die staatlichen Vertreter ihre Ansprachen gehalten haben. Warum können wir diese Trauerfeier nicht einfach einmal so nehmen, wie sie gedacht war? Nämlich als ein Zeichen der Anteilnahme und ein gemeinsames Gedenken der Opfer. Eben nicht einfach sofort zur Tagesordnung überzugehen, sondern der Trauer und dem Schock Ausdruck geben.

    Die Symbolik für den Täter keine Kerze anzuzünden und ihn nicht namentlich zu nennen bedeutet für mich, dass er vor seiner Tat womöglich ein "Ausgeschlossener" war und er sich selbst durch seine Tat noch weiter von der Gemeinschaft entfernt hat. Man hat ihn eben nicht zum Opfer gemacht. Er ist und bleibt der Täter. Und die Gründe für seine Tat werden wir ohnehin nie schlüssig erklären können.

    Jeder, der sich mit dem Tod schon auseinandergesetzt hat, weiß, dass Trauer individuell ist, ihre Zeit braucht und jeder muß seinen eigenen Weg finden mit dem Verlust weiterleben zu können. In unserer Gesellschaft wird Trauer und Trauerarbeit ohnehin viel zu sehr tabuisiert. Und wenn, wie in Winnenden geschehen, dieser Trauer Raum gegeben wird, vermutet man sofort eine Wahlkampfveranstaltung dahinter. Wie schon gesagt: für mich sehr befremdlich.

    • Hepo
    • 22.03.2009 um 13:07 Uhr

    Offen gestanden befremdet mich dieser Interpretation der gestrigen Trauerfeier und sie mißachtet m. E. völlig, dass Angehörige, Freunde, Mitschüler, Lehrer, Helfer und Betreuer, Schulleitung diese Trauerfeier mitgestaltet haben. So weit ich weiß, ist man dem Wunsch der Angehörigen nachgekommen und hat dem Gottesdienst einen größeren Raum gegeben als dem sogenannten "Staatsakt". Es gab Angehörige und Betroffene, die nicht teilgenommen haben. Unüblich war auch, dass zuerst der Gottesdienst stattfand und erst danach die staatlichen Vertreter ihre Ansprachen gehalten haben. Warum können wir diese Trauerfeier nicht einfach einmal so nehmen, wie sie gedacht war? Nämlich als ein Zeichen der Anteilnahme und ein gemeinsames Gedenken der Opfer. Eben nicht einfach sofort zur Tagesordnung überzugehen, sondern der Trauer und dem Schock Ausdruck geben.

    Die Symbolik für den Täter keine Kerze anzuzünden und ihn nicht namentlich zu nennen bedeutet für mich, dass er vor seiner Tat womöglich ein "Ausgeschlossener" war und er sich selbst durch seine Tat noch weiter von der Gemeinschaft entfernt hat. Man hat ihn eben nicht zum Opfer gemacht. Er ist und bleibt der Täter. Und die Gründe für seine Tat werden wir ohnehin nie schlüssig erklären können.

    Jeder, der sich mit dem Tod schon auseinandergesetzt hat, weiß, dass Trauer individuell ist, ihre Zeit braucht und jeder muß seinen eigenen Weg finden mit dem Verlust weiterleben zu können. In unserer Gesellschaft wird Trauer und Trauerarbeit ohnehin viel zu sehr tabuisiert. Und wenn, wie in Winnenden geschehen, dieser Trauer Raum gegeben wird, vermutet man sofort eine Wahlkampfveranstaltung dahinter. Wie schon gesagt: für mich sehr befremdlich.

  3. Die Trauer hilft uns, uns aus dem Schock des Schreckens zu lösen und ein würdiges Andenken zu pflegen, das den lebenden und getöteten Opfer gerecht wird. Trauer ist keine Gelegenheit, sich in den Vordergrund zu spielen, sie wird sonst zur Farce.
    Wir sind auf Gefahren in unserer Mitte aufmerksam gemacht worden, die uns nicht gleichgültig lassen können angesichts der nun sichtbaren Folgen. Eine der wichtigsten Aufgaben jetzt wird sein, die gefährlich klaffenden Lücken in der Menschlichkeit unserer Gesellschaft ernst zu nehmen und keine Zeit zu verlieren, sie vor allem da zu schließen, wo Kinder und junge Menschen in akuter Gefahr schweben. Weitere "Zeitbomben" können bereits kurz vor der verheerenden "Zündung" sein. Aufmerksamkeit und Mitgefühl können uns am ehesten verraten, wo bereits die nächste Gefahr droht. Das verantwortungslose sensationslüsterne Ausschlachten beliebiger Details offenbart eine blamable Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern und weiteren noch drohenden Gefahren. Die Sensationsgier kann diesen entscheidenden Funken zum Zünden bringen, bevor wir die drohende Gefahr ausfindig machen konnten.

  4. War ja zu erwarten, dass einige die Trauerfeier politisch ausschlachten (Kommentare 3 und 4).
    Bleibt also festzuhalten:

    1. Ministerpräsidnet Oettinger, Innenminister Resch und Kultusminister Rau waren natürlich am 11. März vor Ort.

    2. Merkel und Köhler haben nach dem Gottesdienst/Staatsakt mit den Familien gesprochen.

    3. Wenn Merkel oder Köhler gleich nach Winneden gereist wären, hätten Sie das nicht als Wahlkampf empfunden? Warum sollten Bundespolitiker das, sie können dort "praktisch" nichts tun. Mir persönlich ist es allemal lieber, die Politikerkaste sitzt zwei Stunden still (endlich einmal still!) in der Kirche und denkt über das Geschehene nach, als dass ein Politiker nach dem anderen angerauscht kommt und irgendetwas Sinnloses ins Mikrofon babbelt. Ich fand das während der Oderflut ganz grauenhaft und verlogen.

    4. Zu Kommentar 1, der tatsächlich etwas Wichtiges anspricht: Den medialen Hype.
    Ich finde, der Trauergottesdienst ist unproblematisch. Hier standen die Opfer im Mittelpunkt, es war unaufgeregt und insgesamt durchdacht. Man darf so etwas auch im Fernsehen übertragen und die Bevölkerung mittrauern lassen.
    Ansonsten war der Medienhype allerdings unerträglich. Man muss da von „medialer Verwahrlosung“ sprechen, also das, was man Jugendlichen so gerne vorwirft. Wenn die Medien eine Stadt so belagern und Menschen nicht trauern lassen, wenn mit Teleobjektiven in Friedhöfe fotografiert wird, wenn bei jedem Gespräch ein Reporter danebensteht, wenn die ARD kritisiert wird, weil sie ein wenig zu spät dran war, wenn alles in Endlosschleifen und Endlossonderseiten wiederholt wird etc. stimmt etwas ganz und gar nicht. Was die journalistische Nicht-Ethik betrifft kann man Winneden mit Gladbeck vergleichen. Das Ganze ist schamlos gegenüber den Opfer und es reizt neue Täter. Welcher 17-jährige schafft es denn sonst auf den Titel des „Spiegel“? Hier ist dringend mediale Abrüstung nötig. Wenn es die Medien nicht selbst tun, werden es irgendwann Gesellschaft und Staat machen. Wollen die Medien das? Man kann notfalls auch große Gebiete für Kameras absperren, da soll sich keiner täuschen.

    • Kometa
    • 22.03.2009 um 7:37 Uhr

    Mein Dank an die Verantwortlichen in W. und wo auch (aus Schule, Kultur und Politik)!

    Eine würdige Feier! Ohne dummes oder dreistes Pathos.

    Danke für die Symbole und Texte, die man überall, besonders eben in Schulen, vortragen und diskutieren kann.

    Ja: auch dass der Mörder T. erwähnt wurde, ist christlich-anständig.

    *

    P.S. nach einer makabren Meldung:

    Dass ein gewählter Selbstpotentat wie MP Beck-Keck in seiner politischen Verantwortungslosigkeit - die Nachricht kam heute morgen um 8 Uhr - keine Veränderungsmöglichkeiten in Deutschland sieht, sollte ihn veranlassen, in der scham- und bodenlosen Versenkung der Un- oder Nichtswürdigkeit zu verschwinden.

    • Hepo
    • 22.03.2009 um 13:07 Uhr

    Offen gestanden befremdet mich dieser Interpretation der gestrigen Trauerfeier und sie mißachtet m. E. völlig, dass Angehörige, Freunde, Mitschüler, Lehrer, Helfer und Betreuer, Schulleitung diese Trauerfeier mitgestaltet haben. So weit ich weiß, ist man dem Wunsch der Angehörigen nachgekommen und hat dem Gottesdienst einen größeren Raum gegeben als dem sogenannten "Staatsakt". Es gab Angehörige und Betroffene, die nicht teilgenommen haben. Unüblich war auch, dass zuerst der Gottesdienst stattfand und erst danach die staatlichen Vertreter ihre Ansprachen gehalten haben. Warum können wir diese Trauerfeier nicht einfach einmal so nehmen, wie sie gedacht war? Nämlich als ein Zeichen der Anteilnahme und ein gemeinsames Gedenken der Opfer. Eben nicht einfach sofort zur Tagesordnung überzugehen, sondern der Trauer und dem Schock Ausdruck geben.

    Die Symbolik für den Täter keine Kerze anzuzünden und ihn nicht namentlich zu nennen bedeutet für mich, dass er vor seiner Tat womöglich ein "Ausgeschlossener" war und er sich selbst durch seine Tat noch weiter von der Gemeinschaft entfernt hat. Man hat ihn eben nicht zum Opfer gemacht. Er ist und bleibt der Täter. Und die Gründe für seine Tat werden wir ohnehin nie schlüssig erklären können.

    Jeder, der sich mit dem Tod schon auseinandergesetzt hat, weiß, dass Trauer individuell ist, ihre Zeit braucht und jeder muß seinen eigenen Weg finden mit dem Verlust weiterleben zu können. In unserer Gesellschaft wird Trauer und Trauerarbeit ohnehin viel zu sehr tabuisiert. Und wenn, wie in Winnenden geschehen, dieser Trauer Raum gegeben wird, vermutet man sofort eine Wahlkampfveranstaltung dahinter. Wie schon gesagt: für mich sehr befremdlich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was man von den Hinterbliebenen und den Opfern hält, wurde ja dadurch deutlich, dass die 'Hohe Politik' es nicht für nötig empfunden hat, pünktlich zu erscheinen.

    Was man von den Hinterbliebenen und den Opfern hält, wurde ja dadurch deutlich, dass die 'Hohe Politik' es nicht für nötig empfunden hat, pünktlich zu erscheinen.

  5. Was man von den Hinterbliebenen und den Opfern hält, wurde ja dadurch deutlich, dass die 'Hohe Politik' es nicht für nötig empfunden hat, pünktlich zu erscheinen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hepo
    • 22.03.2009 um 17:03 Uhr

    Da gebe ich Ihnen Recht. Auch mir ist das aufgefallen. Dennoch, das hat nichts mit Wahlkampf zu tun. Im Gegenteil, das zeichnet kein gutes Bild über "unsere Staatsvertreter".

    Und auch wenn ich persönlich in den kirchlich-religiösen Ritualen eines Gottesdienstes und in der Kirchensprache keinen Trost finde, so respektiere ich doch, wenn dies andere Menschen tun. Vielmehr ist es bemerkenswert, dass Angehörige, Freunde und Mitschüler der Opfer und Betroffenen der Trauerfeier ihre eigene Botschaft gegeben haben, so dass beispielsweise ein so erfahrener Redner wie Herrn Köhler um seine Fassung ringen musste. Ich möchte das würdigen.

    • Hepo
    • 22.03.2009 um 17:03 Uhr

    Da gebe ich Ihnen Recht. Auch mir ist das aufgefallen. Dennoch, das hat nichts mit Wahlkampf zu tun. Im Gegenteil, das zeichnet kein gutes Bild über "unsere Staatsvertreter".

    Und auch wenn ich persönlich in den kirchlich-religiösen Ritualen eines Gottesdienstes und in der Kirchensprache keinen Trost finde, so respektiere ich doch, wenn dies andere Menschen tun. Vielmehr ist es bemerkenswert, dass Angehörige, Freunde und Mitschüler der Opfer und Betroffenen der Trauerfeier ihre eigene Botschaft gegeben haben, so dass beispielsweise ein so erfahrener Redner wie Herrn Köhler um seine Fassung ringen musste. Ich möchte das würdigen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service