Phantom von Heilbronn"Geschlampt und dumm angestellt"

Sind die Ermittler bei der Suche nach der vermeintlichen Serienmöderin verunreinigten Wattestäbchen aufgesessen? Der Kriminalbiologe Mark Benecke hält das für wahrscheinlich

ZEIT ONLINE : Die meistgesuchte Verbrecherin Deutschlands, das "Phantom von Heilbronn", das eine Polizistin erschossen haben soll und in fünf weitere Mordfälle, Einbrüche und andere Taten verwickelt sein soll, ist womöglich nur ein Hirngespinst. DNS-Spuren an rund 40 Tatorten in Europa soll die Mörderin hinterlassen haben. Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll glaubt aber nun, dass verunreinigte Wattestäbchen der Spurensicherung die Ermittler auf die falsche Spur geführt haben. Woher stammt das Erbgut auf den Stäbchen?

Mark Benecke : Es ist gut vorstellbar, dass es von einer Mitarbeiterin der Herstellerfabrik kommt. Die braucht sich nur einmal am Kopf zu kratzen, selbst wenn sie Handschuhe trägt, und schon sind die Wattestäbchen, die aus der Maschine kommen, voll mit ihrer DNA. Außerdem kann es sein, dass in der Herstellerfabrik Erbgutproben ausgelaufen sind und die Stäbchen verunreinigt haben. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber denkbar. Vielleicht hat die Firma Blindtests gemacht, um zu schauen, wie rein die Stäbchen sind. Dabei wird keine komplette DNA verwendet, sondern nur Stückchen, die aus irgendeinem Labor bestellt werden. So könnte das Phantom noch nicht einmal eine Firmenmitarbeiterin sein, sondern das Erbgut könnte von irgendeiner Testprobe stammen.

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ZEIT ONLINE : Was für Stäbchen werden bei der Spurensicherung verwendet?

Benecke : Das sind spezielle Stäbchen, die einzeln verpackt sind. Sie sind mit einer Art Pfropfen verschlossen und befinden sich in einer Hülse. Das Stäbchen darf natürlich nicht die Wände der Hülse berühren, selbst das kann zu Verunreinigungen führen. Wattestäbchen zu verwenden ist die häufigste Methode beim Spurensammeln am Tatort. Damit werden hauptsächlich Blut, Sperma und Speichelreste aufgenommen und selten auch Kot oder Urin.

ZEIT ONLINE : Wie kann es nun sein, dass über Jahre hinweg immer die gleiche Spur an verschiedenen Tatorten gefunden wird?

Benecke : Es kann sein, dass eine Mitarbeiterin des Wattestäbchenherstellers seit Jahren schlampig arbeitet und die Behörden ihre Stäbchen seit Jahren dort einkaufen. Oder die Mitarbeiterin war einmal vor Jahren nachlässig und die Firma hat eine große Menge Wattestäbchen produziert, die seitdem dort auf Halde liegen. Die DNA-Spuren bleiben über die Zeit ja erhalten. Eine andere Erklärung wäre, dass es das "Phantom" wirklich gibt. Das ist immer noch nicht auszuschließen. Zwar halte ich das für nicht sehr wahrscheinlich, weil mehrere Leute behaupten, eine Frau wäre bei einigen der Taten nicht dabei gewesen. Aber auch Zeugen irren sich. Nichtsdestotrotz, auch mein erster Gedanke war: Entweder stammen die DNA-Spuren von den Handschuhen der Ermittler oder eben von den Stäbchen.

ZEIT ONLINE : Wieso ist es niemandem aufgefallen, dass die Wattestäbchen möglicherweise schon vorher kontaminiert waren?

Benecke : Mir ist das absolut rätselhaft. Wenn wir Spuren am Tatort abreiben, kommt das Stäbchen sofort zurück in die Hülle oder die Probe wird getrocknet. Dann nehmen wir grundsätzlich und ohne jede Ausnahme ein zweites unbenutztes und verpacktes Wattestäbchen und machen auch davon einen genetischen Fingerabdruck zum Vergleich mit der abgeriebenen Probe. Ich habe es noch nie erlebt, das diese Blindprobe nicht gemacht wird. Das ist das erste, was jeder in diesem Beruf lernt. Und spätestens da muss auffallen, dass etwas nicht stimmt. Wenn so was nicht auffällt, hängt es vielleicht mit politischem Druck zusammen. Den Sachverständigen hat man möglicherweise so sehr ins Gewissen geredet, dass viele eine selektive Wahrnehmung entwickelt haben. Immer wenn sie wieder die gleichen Spuren gesehen haben, ist ihnen das Phantom in den Kopf gestiegen. Das wäre natürlich ein schwerer kriminalistischer Fehler.

Leserkommentare
  1. .... ist es nicht merkwürdig, dass ausgerechnet jetzt, in so einem heiklen Fall, eine Polizistin wurde regelrecht hingerichtet, ein verschmutztes Wattestäbchen schuld sein soll, dass man noch keine Ergebnisse hat. Vielleicht habe ich es irgendwo überlesen, aber was ist aus dem Kollegen geworden, der schwer verletzt wurde, konnte er keine Angaben zum Tathergang machen? Wer hat interesse daran, eine solche Tat zu vertuschen, eine ganze Mordkommission in die Irre zu leiten.....
    Das ganze Geschehen dort ist recht merkwürdig...

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    ...merkwürdig. Polizisten werden, genau wie Täter massiv von den Medien beeinflußt.

    Die ständigen, schlampigen, teilweise abenteuerlichen Ermittlungsmethoden, die uns allabendlich im Fernsehen vorgeführt werden, müssen ja letztendlich zu laxer Disziplin führen.

    ...merkwürdig. Polizisten werden, genau wie Täter massiv von den Medien beeinflußt.

    Die ständigen, schlampigen, teilweise abenteuerlichen Ermittlungsmethoden, die uns allabendlich im Fernsehen vorgeführt werden, müssen ja letztendlich zu laxer Disziplin führen.

  2. ...merkwürdig. Polizisten werden, genau wie Täter massiv von den Medien beeinflußt.

    Die ständigen, schlampigen, teilweise abenteuerlichen Ermittlungsmethoden, die uns allabendlich im Fernsehen vorgeführt werden, müssen ja letztendlich zu laxer Disziplin führen.

    Antwort auf "DNA-Spuren..."
  3. Schlampigkeit als einzige Begründung? Na, Na ... das läßt tief blicken.

    Und zwar auf das generelle Verständnis des Testverfahrens.

    Es ist durchaus möglich, daß viele Beteiligte von einer so tiefen Testgläubigkeit verfallen sind, daß sie den Kontrolltest gar nicht ernst nehmen. Siehe Doping-Test. Regelmäßig werden "Dopingsünder" in der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt, bevor die B-Probe ausgewertet ist.

    Es fällt auf, daß bisher niemand zu den möglichen statistischen Fehlern 1. Art und 2. Art (falsche Ablehnung und falsche Annahme) Stellung genommen hat. Um eine sorgfältige Darstellung des Testverfahrens haben alle Befragten einen großen Bogen gemacht. Es ist keineswegs so, daß die Hypothesentest in ihrer inneren Logik so unproblematisch sind.

    Wenn z.B. ein Experte schreibt, dass eine Verunreinigung zu 100 % ausgeschlossen werden kann, ist nur eines zu 100 % richtig. Der Experte ist kein Experte.

    Jeder, der mit einem Fertigungsprozeß zu tun hat, weiß, daß 100 % ige Sicherheit nicht möglich ist. Wenn diese Sicherheit so definiert wird, liegt das an der akzeptierten Toleranzgrenze. Da bei Wattestäbchen nur eine zerstörende Prüfung möglich ist, kann allenfalls mit Wahrscheinlichkeiten gearbeitet werden. Eine Verunreinigung kann nur mit wahrscheinlichkeitsbasierten Hypothesentests ausgeschlossen werden. Eine völlige Sicherheit ist völlig ausgeschlossen.

    Wenn der Fehler mit den Wattestäbchen zusammenhängen sollte, wurde wahrscheinlich die Toleranzgrenze nicht an die massive Ausweitung der Tests angepaßt.

    Sagen wir der Test wurde so kallibriert, daß allenfalls 1 von 100.000 Stäbchen fehlerhaft ist. In einer Zeit, in der die Tests nur ergänzend angewandt wurden mag das ausgereicht haben. In der heutigen Zeit der Massentests reicht diese Kallibrierung nicht mehr aus.

    Damit erhebt sich der Verdacht, ob das Phantom nicht auch in anderen Zusammenhängen aufgetaucht ist.

    Fazit
    Wenn sich das Phantom auf das Testverfahren zurückführen läßt, läßt dieses Ergebnis einen sehr beunruhigenden Rückschluß auf die massenhafte Verbreitung des Testverfahrens zu.

    Die Forderung, daß Fließbandmitarbeiter gentechnisch erfaßt werden sollen, weckt Erinnerungen an Big Brother.

    Was waren das noch für Zeiten als sich die Menschen gegen die Volkszählung und einen maschinenlesbaren Personalausweis wehrten. Aber damals waren die Folgen der fast lückenlosen Verfolgung noch 20 Jahre näher.

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    Dazu möchte ich noch ergänzen:
    Das Geschehen zeigt, wie wichtig eine fundierte mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung ist, um in einer von Hochtechnologie durchdrungenen Welt verantwortungsvoll handeln zu können. Ist diese nicht vorhanden, dann ist blinde "Experten"-Gläubigkeit die Folge, mit der Gefahr, im Endeffekt Rattenfängern auf den Leim zu gehen.
    Den Beamten und Richtern in der deutschen Justiz und im deutschen Polizeiapparat ist eine solche Bildung natürlich gänzlich unbekannt, die sie in die Lage versetzen könnte, ihre Methodiken kritisch zu beurteilen. Da wunderts nicht, dass den Damen und Herren jahrelang nicht auffällt, dass sie nichts anderes messen als Rauschen.

    Dazu möchte ich noch ergänzen:
    Das Geschehen zeigt, wie wichtig eine fundierte mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung ist, um in einer von Hochtechnologie durchdrungenen Welt verantwortungsvoll handeln zu können. Ist diese nicht vorhanden, dann ist blinde "Experten"-Gläubigkeit die Folge, mit der Gefahr, im Endeffekt Rattenfängern auf den Leim zu gehen.
    Den Beamten und Richtern in der deutschen Justiz und im deutschen Polizeiapparat ist eine solche Bildung natürlich gänzlich unbekannt, die sie in die Lage versetzen könnte, ihre Methodiken kritisch zu beurteilen. Da wunderts nicht, dass den Damen und Herren jahrelang nicht auffällt, dass sie nichts anderes messen als Rauschen.

    • Rolf53
    • 27.03.2009 um 9:25 Uhr

    vielen Dank für dieses sehr sachliche und informative Interview.

    Mir ist nur die Überschrift zu reißerisch. Sie verfehlt somit den Inhalt des Interviews. Sie verunglimpft die Polizei.

    Sehr häufig wird nach Straftaten gefragt, warum die Polizei diese nicht verhindert habe. Andererseits werden zum Teil schon mit krimineller Energie und falsch verstandenem Liberalismus polizeiliche Ermittlungen behindert und Täter geschützt. Kein Unschuldiger soll von der Polizei zur Tat befragt werden. Der tatsächliche Täter soll aber sofort gefaßt werden, am besten noch vor der Tat. Bei der Prävention soll aber nur der Täter und kein anderer beobachtet werden, obwohl es vor der Tat keinen Täter gibt.

    Keiner sollte beabsichtigen, Ordnungskräfte zu verunglimpfen. Dadurch werden Angriffe des Mobs auf Ordnungskräfte hervorgerufen, Ordnung und soziales Zusammenleben zerstört sowie Faustrecht und Selbstjustiz gestärkt.

    • Fokko
    • 27.03.2009 um 10:14 Uhr

    Es ist ein alter Hut, dass man das sieht, was man sehen will. Das ist auch in der Wissenschaft und bei ihrer praktichen Anwendung nicht anders. Deswegen stützen die Ergebnisse von Experimenten auch zuverlässig die Paradigmen, die man bei ihrer Ausarbeitung hatte.

    Fokko
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    Fantasy-Blog: http://fokko.wordpress.com

    • Atan
    • 27.03.2009 um 10:21 Uhr

    Auch die Zeit hatte, soweit ich mich erinnere, der "spannenden Story" des "Phantoms" bereits eine umfangreiche Berichterstattung gewidmet, in der bereits, nur ganz am Rande die Überlegung eines reinen Laborartefakts behandelt wurde. Schon die ganz normale Logik sollte jedem Journalisten an der fragwürdigen Theorie des "allgegenwärtigen Superverbrechers" zweifeln lassen, der international an allen möglichen, völlig unzusammenhängenden Tatorten auftaucht.
    Wenn man allerdings die Wahl zwischen der tollen Geschichte vom "Phantom" oder aber der viel plausibleren vom Laborfehler hat, geht wahrscheinlich bei 99% der REporter der Verstand genauso so flöten wie in einem hierarchischen Polizeiapparat, wo kein Kriminalist mehr mit logischen Argumenten kommen darf, wenn sich die Führungsebene mal auf eine Linie festgelegt hat.

  4. Wenn das stimmt, ist der deutschen Polizei in der Welt-Kriminalgeschichte ein Platz sicher: Als die dämlichsten Trottel der Welt.
    Der Leiter der Kommission sagt das sei keine "Ermittlungspanne" sondern nur ein "Rückschlag". Haahaaahaaa. Ich lach mich tot.
    Dummheit reicht wohl nicht, da muss der Herr gleich noch eine Portion Dreistigkeit hinterherschieben. Gratulation.

  5. 8. CSI

    Die haben wohl alle zuviel CSI geguckt!?
    Das ist ein typisches Beispiel für Technikgläubigkeit. Wenn das Labor sagt, der oder der sei es gewesen, wird das einfach geglaubt.
    Heute ist aber ein ein Geständnis kein Geständnis mehr. Siehe Holzklotz-Mord bei Oldenburg.

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