re:publica 2009 Demokratisch, hip, radikal

Am Mittwoch startet in Berlin die Web2.0-Konferenz "re:publica". Dann kämpfen die Blogger wieder für ihre Schwarmintelligenz und geißeln den Absolutismus der Journalisten

bloggen-republica

140 Zeichen aus Westminster Abbey: Selbst die Berichterstattung über royale Events wie die Feier zum 60. Geburtstag des Commonwealth findet inzwischen auch bei Twitter statt

Ein neues Feindbild breitet sich aus in Deutschland – das des Journalisten. "Der Totalitarismus ist ein Glück dank Web 2.0 vorbei", jubelt ein gewisser Ste, hinter dem sich allerdings auch eine Frau verbergen könnte. Das geschlechtsneutrale Twitter schimpft im grammatikalischen und orthografischen Rausch: "Diese bebrillten Stars zwischen Papierrolle und Buchstaben, diese Holzmedienbeweihräucherer – sind das Ängstlichste was ich jeh erlebt habe! Infos über Twitter und per Blog, ist das spannendste was gibt. Weil es ändert ständig sein Gesicht und Inhalte! Und sind stets der Aktuellen Lage weit voraus!" Jens notiert: "Das hilflose Gestrampel von Gatekeepern. So egal am Ende." Lyf stellt fest: "Die Medien beginnen ihre Macht zu verlieren. Es wird halt nicht mehr alles geglaubt, nur weil es der TV oder die Zeitung sagt. Es brechen halt endlich neue Zeiten an." Und Haco entdeckt zwischen Journalisten und Bloggern einen knallharten Generationskonflikt: "Sie sind über Nacht alt geworden, und dafür hassen sie die Jugend."

Was musste passieren, damit sich junge Leute bis zur Ankunft des Mitmachjournalismus in einer Mediendiktatur wähnten? Man tut gut daran, die Kommentare, die Stefan Niggemeier in einem Blog-Beitrag über den "Kulturkampf gegen das Web 2.0" provoziert hat, nicht ernster zu nehmen, als man sie ihrer form- und gedankenlosen Art nach nehmen kann. Man muss aber Niggemeier selbst, scharfsinnig und klar, wie er als Blogger und Printjournalist schreibt, ernst nehmen. Im konkreten Fall lassen sich seine Argumente und die nachfolgenden Affekte leicht nachvollziehen. Denn die Selbstgerechtigkeit, mit der Zeitungen und Fernsehen vielfach das Netz und seine Versprechungen auf schnellen Ruhm als verantwortlich für den Amoklauf von Winnenden ausmachten, um im selben Moment eine Skandal- und Titelgeschichte nach der anderen aus dem Massaker zu schlagen, spottet tatsächlich jeder Beschreibung.

Anzeige

In einem größeren Zusammenhang aber drückt sich in den Kommentaren ein Gefühl aus, dessen reale Grundlage nur in der Hyperrealität einer undurchdringlichen Medienblase bestehen kann, die man zum Platzen bringen will. An die Seite der sogenannten vierten Macht gesellt sich eine fünfte, die Blogosphäre, als wären ihre Informations- und Meinungsströme der Kanalisierung durch spin doctors entzogen. Alles Überkommene verschwimmt vor den Augen dieser mit dem Vokabular des Antiautoritären operierenden Blogosphäre. Das Elend des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems verschmilzt mit der Dauer-Emotionalisierung der Privatsender, die moralische Bigotterie von Bild mit dem geisteswissenschaftlichen Zeitungsessay.

Das Differenzierungsvermögen gegenüber dem Web 2.0 dürfte, zugegeben, nicht stärker ausgeprägt sein. Es herrscht eben Kulturkampf im Lande. Wenn der von Rudolf Virchow geprägte Begriff auf die Auseinandersetzung zwischen Reichskanzler Otto von Bismarck und der katholischen Zentrumspartei zurückgeht, in deren Verlauf Bismarck dem deutschen Kaiserreich in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die liberalen Tugenden einer Trennung von Kirche und Staat nahezubringen versuchte, so spiegelt sich im Ringen einer ererbten kirchlichen Autorität mit einer säkularen Vernunft etwas durchaus Aktuelles – nur nicht mit diesem Schematismus.

Gegenwärtig stehen nicht so sehr rationalisierbare Überzeugungen gegeneinander. Es geht um den Aufstand eines um Hipness bemühten Lebensstils von digital natives gegen ein System, das selbst in seinen namhaftesten Qualitätsprodukten manchmal nicht mehr vermitteln kann, wo die intellektuelle Latte liegt und der Unterschied zwischen einer professionellen und einer amateurhaften Äußerung.

Leser-Kommentare
  1. Schade, bis auf das Motto hab ich in diesem Artikel rein gar nichts ueber die Republika, um die es doch gehen sollte, erfahren.

    P.s.: Dies ist das Internet. Wenn man z.B. ueber einen Blog oder die Kommentare darin berichtet, dann kann man da einen Link hin setzen - praktisch, oder?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehr geehrter Blixten,
    wir haben nun zumindest den Blogeintrag von Stefan Niggemeier verlinkt. In der Tat handelt es sich bei diesem Text um einen Artikel aus der Printausgabe des Tagesspiegel, mit dem wir inhaltlich kooperieren.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Sehr geehrter Blixten,
    wir haben nun zumindest den Blogeintrag von Stefan Niggemeier verlinkt. In der Tat handelt es sich bei diesem Text um einen Artikel aus der Printausgabe des Tagesspiegel, mit dem wir inhaltlich kooperieren.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

  2. ..dass das eigentlich ein Berliner-Tagesspiegel-Text ist. Siehe auch hier..

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Olly66
    • 31.03.2009 um 16:22 Uhr

    Holtzbrinck ist eben Holtzbrinck.

    • Olly66
    • 31.03.2009 um 16:22 Uhr

    Holtzbrinck ist eben Holtzbrinck.

    • Olly66
    • 31.03.2009 um 16:19 Uhr

    Feuilletonisten drehen auf Glatzen Locken. Selbiges tut Jean Baudrillard.
    Baudrillard - hat der nicht die netten Fahrradfotos geschossen, um dem Objekt im erkenntnistheoretischen Spannungsfeld zu mehr Geltung zu verhelfen?

    Die Entropie universeller Werte durch Universalisierung - eigenartige Dialektik.

    Ich mach's mal konkret: Journalisten sind von Haus aus arrogant, weil sie sich einbilden, besser als andere schreiben zu können. Darüberhinaus bilden sie sich ein, Experten zu sein, bloß weil sie Journalisten sind. Das führt zu seltsamen Auswüchsen wie dem ARD-"Presseclub", wo sie über brennende Themen disputieren und von Anrufern "befragt" werden sollen - wie Lehrer von Schülern befragt werden.

    Im Online-Auftritt der "Süddeutschen" zog mal ein stellvertr. Chefredakteur namens Bernd Graff gegen die Blogger vom Leder, indem er sie möchtegernlateinisch als "Idiotae" apostrophierte. Bei den Foristen brach sofort der Sturm im Wasserglas los.
    Auf der anderen Seite konnte man just bei SZ-online aus den Leserkommentaren weitaus interessantere Informationen extrahieren denn aus dem Kernartikel. Kein Wunder: Hundert Augen sehen mehr als zwei; Schwarmintelligenz mithin.

    Natürlich steht in der Blogosphäre auch viel Schmarrn - da muss man sorgsam selektieren. Aber muss man das nicht bei den etablierten Medien ebenso?

    • Olly66
    • 31.03.2009 um 16:22 Uhr

    Holtzbrinck ist eben Holtzbrinck.

    Antwort auf "Könnte daran liegen.."
    • Quarax
    • 31.03.2009 um 16:34 Uhr

    ...lassen sich fast alle kurz so beschreiben:

    Öde, blöde und auch noch schlecht geschrieben. (Von der Egozentrik zu glauben der Rest der Welt müsse sich dafür interessien, mal ganz abgesehen).

    Und Schwarmintelligenz: Das ist was für Fische. Wenn die Welt sich darauf verläßt, vegetieren wir bald auf amphibischen Niveau!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    was mir bei dem ganzen bloghype fehlt sind einige hinweise auf blogs, die wirklich in irgendeiner form etwas bringen. wirft man mal einen blick in die deutschen blogcharts, so stellt man sehr schnell fest, dass es eigentlich nichts wirklich relevantes gibt. die blogs, die etwas taugen, werden, oh graus, meist von professionellen schreibern (meist journalisten oder eben fachleuten) betrieben. was der staendige verweis auf die "schwarmintelligenz" soll wird mir wohl auf ewig ein raetsel bleiben.

    also mal an alle, die hier staendig den gar so schlechten mainstreamjournalismus geiseln: lasst mal einige beispiele sehen (auf zeit-niveau oder darueber). bin wirklich gespannt.

    die blogosphaere dreht sich hauptsaechlich um sich selbst und das aus einem grund: zumindest in deutschland ist sie schlicht irrelevant. statt sich also staendig selbst zu verteidigen: inhalte her.

    was mir bei dem ganzen bloghype fehlt sind einige hinweise auf blogs, die wirklich in irgendeiner form etwas bringen. wirft man mal einen blick in die deutschen blogcharts, so stellt man sehr schnell fest, dass es eigentlich nichts wirklich relevantes gibt. die blogs, die etwas taugen, werden, oh graus, meist von professionellen schreibern (meist journalisten oder eben fachleuten) betrieben. was der staendige verweis auf die "schwarmintelligenz" soll wird mir wohl auf ewig ein raetsel bleiben.

    also mal an alle, die hier staendig den gar so schlechten mainstreamjournalismus geiseln: lasst mal einige beispiele sehen (auf zeit-niveau oder darueber). bin wirklich gespannt.

    die blogosphaere dreht sich hauptsaechlich um sich selbst und das aus einem grund: zumindest in deutschland ist sie schlicht irrelevant. statt sich also staendig selbst zu verteidigen: inhalte her.

  3. Alles, was hier über Blogger geschrieben steht, trifft nicht auf mich zu.
    Ich blogge seit mehr als vier Jahren und habe fast 6000 Mal eingetragen.
    Wer klärt den Widerspruch auf?
    Welche Blogger kennt der Autor?

  4. Sehr geehrter Blixten,
    wir haben nun zumindest den Blogeintrag von Stefan Niggemeier verlinkt. In der Tat handelt es sich bei diesem Text um einen Artikel aus der Printausgabe des Tagesspiegel, mit dem wir inhaltlich kooperieren.
    Mit freundlichen Grüßen,

    Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE

    Antwort auf "Republica?"
  5. "Es geht um den Aufstand eines um Hipness bemühten Lebensstils von digital natives gegen ein System, das selbst in seinen namhaftesten Qualitätsprodukten manchmal nicht mehr vermitteln kann, wo die intellektuelle Latte liegt und der Unterschied zwischen einer professionellen und einer amateurhaften Äußerung."

    Ist das schwurbel für "wir geben ja zu, dass wir oft totalen PR Schrott fabrizieren."?

    Oder meinen Sie das mit dem "vermitteln" etwa ernst? "Wir haben das falsch vermittelt" mag zwar die Standardausrede von durch PR-Denke geistig total ruinierten Politikern und Managern sein, aber eines Journalisten ist das nicht würdig?

    v.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service