Ein neues Feindbild breitet sich aus in Deutschland – das des Journalisten. "Der Totalitarismus ist ein Glück dank Web 2.0 vorbei", jubelt ein gewisser Ste, hinter dem sich allerdings auch eine Frau verbergen könnte. Das geschlechtsneutrale Twitter schimpft im grammatikalischen und orthografischen Rausch: "Diese bebrillten Stars zwischen Papierrolle und Buchstaben, diese Holzmedienbeweihräucherer – sind das Ängstlichste was ich jeh erlebt habe! Infos über Twitter und per Blog, ist das spannendste was gibt. Weil es ändert ständig sein Gesicht und Inhalte! Und sind stets der Aktuellen Lage weit voraus!" Jens notiert: "Das hilflose Gestrampel von Gatekeepern. So egal am Ende." Lyf stellt fest: "Die Medien beginnen ihre Macht zu verlieren. Es wird halt nicht mehr alles geglaubt, nur weil es der TV oder die Zeitung sagt. Es brechen halt endlich neue Zeiten an." Und Haco entdeckt zwischen Journalisten und Bloggern einen knallharten Generationskonflikt: "Sie sind über Nacht alt geworden, und dafür hassen sie die Jugend."

Was musste passieren, damit sich junge Leute bis zur Ankunft des Mitmachjournalismus in einer Mediendiktatur wähnten? Man tut gut daran, die Kommentare, die Stefan Niggemeier in einem Blog-Beitrag über den "Kulturkampf gegen das Web 2.0" provoziert hat, nicht ernster zu nehmen, als man sie ihrer form- und gedankenlosen Art nach nehmen kann. Man muss aber Niggemeier selbst, scharfsinnig und klar, wie er als Blogger und Printjournalist schreibt, ernst nehmen. Im konkreten Fall lassen sich seine Argumente und die nachfolgenden Affekte leicht nachvollziehen. Denn die Selbstgerechtigkeit, mit der Zeitungen und Fernsehen vielfach das Netz und seine Versprechungen auf schnellen Ruhm als verantwortlich für den Amoklauf von Winnenden ausmachten, um im selben Moment eine Skandal- und Titelgeschichte nach der anderen aus dem Massaker zu schlagen, spottet tatsächlich jeder Beschreibung.

In einem größeren Zusammenhang aber drückt sich in den Kommentaren ein Gefühl aus, dessen reale Grundlage nur in der Hyperrealität einer undurchdringlichen Medienblase bestehen kann, die man zum Platzen bringen will. An die Seite der sogenannten vierten Macht gesellt sich eine fünfte, die Blogosphäre, als wären ihre Informations- und Meinungsströme der Kanalisierung durch spin doctors entzogen. Alles Überkommene verschwimmt vor den Augen dieser mit dem Vokabular des Antiautoritären operierenden Blogosphäre. Das Elend des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems verschmilzt mit der Dauer-Emotionalisierung der Privatsender, die moralische Bigotterie von Bild mit dem geisteswissenschaftlichen Zeitungsessay.

Das Differenzierungsvermögen gegenüber dem Web 2.0 dürfte, zugegeben, nicht stärker ausgeprägt sein. Es herrscht eben Kulturkampf im Lande. Wenn der von Rudolf Virchow geprägte Begriff auf die Auseinandersetzung zwischen Reichskanzler Otto von Bismarck und der katholischen Zentrumspartei zurückgeht, in deren Verlauf Bismarck dem deutschen Kaiserreich in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die liberalen Tugenden einer Trennung von Kirche und Staat nahezubringen versuchte, so spiegelt sich im Ringen einer ererbten kirchlichen Autorität mit einer säkularen Vernunft etwas durchaus Aktuelles – nur nicht mit diesem Schematismus.

Gegenwärtig stehen nicht so sehr rationalisierbare Überzeugungen gegeneinander. Es geht um den Aufstand eines um Hipness bemühten Lebensstils von digital natives gegen ein System, das selbst in seinen namhaftesten Qualitätsprodukten manchmal nicht mehr vermitteln kann, wo die intellektuelle Latte liegt und der Unterschied zwischen einer professionellen und einer amateurhaften Äußerung.