Börse Keine neue Währung für die Welt

In China zweifelt man am Dollar als der Leitwährung der Finanzwelt. Doch künstlich eine neue zu schaffen, hat noch nie funktioniert

Gewisse Vorschläge tauchen an den Finanzmärkten in der gleichen Regelmäßigkeit auf wie das Monster von Loch Ness im schottischen Sommer. Hierzu zählt auch der Vorschlag, es sei Zeit für eine neue Weltleitwährung. Diesmal haben - pünktlich zum G-20-Gipfel - chinesische Offizielle die Idee auf die Agenda gesetzt.

Das nimmt kaum Wunder: Schließlich haben die Chinesen die größten Dollarreserven und müssen nun fürchten, dass der Dollar im Zuge der amerikanischen Finanzrettungsmaßnahmen drastisch an Wert verliert. Denn es baut sich langfristig ein riesiges Inflationspotenzial auf. Und wer sieht schon gerne zu, wenn die angehäuften Reserven sich langsam im Nichts auflösen. Also machen sich die Chinesen jetzt schon Gedanken über eine alternative Lösung.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine neue Leitwährung ist allerdings die Möglichkeit, diese Währung überhaupt nachfragen zu können. Das geht bekanntlich nur, wenn es auch ein Angebot gibt. Es bedarf Wertpapieren, die in dieser Weltleitwährung notieren; der Wille muss vorhanden sein, solche Papiere zu emittieren; Zinsen müssen festgelegt sein, die jeweils zu zahlen sind.

Von der amerikanischen Regierung ist kaum anzunehmen, dass sie freiwillig bereit ist, ihre Staatsanleihen zukünftig in einer solchen neuen Kunstwährung zu emittieren anstatt in US-Dollar. Auch die Europäer dürften wohl weiterhin auf dem Euro beharren, und die Asiaten fragen solche Papiere eher nach, als dass sie sie im großen Stile auf den Markt werfen. Bleiben also noch die internationalen Institutionen wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds. Deren Emissionstätigkeit ist aber so gering, dass sie diese Aufgabe nicht erfüllen können.

Zudem bleibt die Frage, wie die Papiere ausgestattet sein sollten. Welcher Zinssatz ist darauf anzuwenden? Bei einer Kunstwährung, die sich aus einem Währungskorb mit mehreren anderen Währungen zusammensetzt, bildet sich der Zins in der Regel als Mittelwert aller nationalen Zinsen. Das macht so ein Papier für all die Emittenten uninteressant, deren nationaler Zins unterhalb des Durchschnitts liegt.

Die Vergangenheit lehrt, dass Kunstprodukte nur schwer angenommen werden. Das beste Beispiel der jüngeren Zeit ist der ECU, der ja die Möglichkeit gehabt hätte, die Leitwährung in Europa zu werden. Wurde er aber nicht. Solange es die Alternative der nationalen Währungen gab, wollte kaum jemand etwas mit der Kunstwährung zu tun haben. Das änderte sich erst mit der Einführung des Euro und dem Wegfall der nationalen Währungen.

Eine Leitwährung entsteht nicht per Dekret, sondern weil sie sich im Wettbewerb gegen andere Währungen durchsetzt. Das hat Dollar in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gegen das Britische Pfund getan. Noch nie war die Gefahr so groß wie jetzt, dass dem Dollar diese Rolle streitig gemacht wird. Allerdings ist fraglich, wer sie übernehmen soll. Da gibt es eigentlich nur den Euro, alle anderen Währungen sind zu klein. Aber ob die Verantwortlichen der Währungszone das wollen ist fraglich. Bliebe nur die Möglichkeit, das globale Währungssystem grundlegend zu ändern und es weg vom Papierstandard neu aufzustellen. Ob das in Zeiten einer globalen Krise jedoch Sinn macht?

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München

 
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