Obamas Chat 100.000 Fragen an den Präsidenten

Barack Obama hat die nächste Runde seiner digitalen Regierungsarbeit eingeläutet: Im Chat auf der Webseite des Weißen Hauses stellte er sich erstmals Fragen der Bürger

Auf der Internet-Seite whitehouse.gov informiert Präsident Barack Obama über seine Politik

Auf der Internet-Seite whitehouse.gov informiert Präsident Barack Obama über seine Politik

"Open for Questions", so der Titel der Veranstaltung, hatte schon vor Beginn für rege Diskussionen im Netz gesorgt, via Twitter wurde das große Interesse dokumentiert: In weniger als drei Tagen hatten 92.925 Menschen insgesamt 104.127 Fragen eingereicht, eine Auswahl beantwortete der Präsident in der via Internet übertragenen Sprechstunde.

Die Fragen konnten per E-Mail eingereicht werden, ausdrücklich erwünscht waren aber eigene Kurzvideos. Bis zwei Stunden vor Chat-Beginn waren 3,6 Millionen Bewertungen für die Fragen eingegangen, die daraus entstandene Rangfolge sollte den Ablauf der auf eine Stunde angesetzten Diskussion vorgeben.

Die Organisatoren im Weißen Haus hatten sich nicht allein auf ein Feedback aus dem Netz verlassen, sondern auch noch eine Gruppe "normaler Bürger" in den East Room gebeten, üblicherweise der Ort für Pressekonferenzen.

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Nach nur knappen Anmerkungen zum experimentellen Charakter der Veranstaltung widmete sich der Präsident zuerst einer Frage zum Bildungswesen – es war die in dieser Themenkategorie am besten bewertete Frage (6153 positive,1029 negative Stimmen). Anschließend wurden die Spitzenreiter-Fragen in zuvor festgelegten Themenfeldern gezeigt und zwei Videofragen eingespielt.

Da sich Obama viel Zeit für seine Antworten nahm, wurde schon nach gut 40 Minuten die fünfte und letzte "Internet-Frage" gestellt. Es folgten noch einige Beiträge aus der Mitte des im East Room versammelten Publikums zur Autoindustrie, kleinen Unternehmen, dem Gesundheits- und Bildungssystem – dann war das Online-Experiment schon vorbei.

Das Procedere ähnelte stark dem in zahlreichen TV-Debatten erprobten Format der townhall debate – allerdings wurden Auswahl und Gewichtung der Fragen nicht einer Redaktion, sondern nahezu vollständig den Online-Nutzern überlassen (die Videofragen tauchten jedoch nicht in den Themen-Rankings auf). Pate standen hierfür die verschiedenen Debattenformate, die sich während des Präsidentschaftswahlkampfs entwickelt hatten, etwa die viel beachteten CNN/YouTube-Debates oder das Projekt 10questions.com.

Lediglich fünf beantwortete Fragen und eine nicht einmal zur Hälfte abgearbeitete Agenda hinterließen bei Beobachtern aber einen schalen Beigeschmack: Das unmittelbare Feedback in diversen Live-Blogs und Reaktionen bei Twitter (vgl. die Suchbegriffe #askpres und #ofq) sprachen eine deutliche Sprache. Micah Sifry von Techpresident.com kommentierte sarkastisch: "Ich habe es ja gesagt: Das ist so interaktiv wie eine Sandwichbestellung."

Es zeigte sich, dass die Bürgersprechstunde trotz der digitalen Öffnung sehr wohl noch ein choreografiertes Format ist – eine Art geschütztes Diskussionsforum, "protected mode" genannt. Die durch das Live-Publikum gestellten Fragen ähnelten denen in den TV-Debatten, bei denen eine vorab ausgewählte Gruppe von Zuschauern eher als Stichwortgeber und nicht so sehr als Fragesteller fungiert.

Obama fühlte sich sichtlich wohl, im Laufe des Chats übernahm er immer mehr die Rolle des freundlich parlierenden, gut unterhaltenden Gastgebers. Locker durch den Raum schreitend plauderte er mit seinem Publikum – ganz so, als wäre er noch im Wahlkampf.

Trotz aller Kritik, die es vermutlich gerade aus den alten Medien am neuen Format geben wird: Es ist nur konsequent, wenn der Präsident Obama Medien nutzt, die der Kandidat Obama im vergangenen Jahr mit großem Erfolg bespielt hatte. Zudem setzt die online town hall die Versuche fort, die unmittelbar nach dem Wahltag schon die Übergangs-Website change.gov belebt hatten.

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