DNA-Panne Das Phantom war ein Phantom

Die vermeintliche Serientäterin hat nie existiert. Die DNA-Spuren stammten von einer Verpackungsmitarbeiterin für die Wattestäbchen

Die DNA sei einer Arbeiterin eines Verpackungsbetriebs in Bayern zuzuordnen, erklärte der Präsident des baden-württembergischen Landeskriminalamts, Klaus Hiller. Auf der Suche nach der Herkunft der DNA-Spur des Phantoms hatte die Polizei Speichelproben bei den Mitarbeitern eines bayerischen Plastikherstellers genommen.

Dass die DNA-Spur der vermeintlichen Serienmörderin von einer Verunreinigung auf Wattestäbchen der Ermittler anstatt von der vermeintlichen Täterin stammt, soll die Polizei in Baden-Württemberg bereits im Januar gewusst haben. Das Erbgut derselben Frau hatten Spezialisten an 40 Tatorten gefunden.

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Wie die Süddeutsche Zeitung am Freitag berichtet, hatte das Landeskriminalamt Oberösterreich in Linz dem LKA in Stuttgart bereits zu Jahresbeginn mitgeteilt, dass die DNA-Spuren, die nach einem Mordfall in Linz gefunden wurden, womöglich auf die Verunreinigung von Wattestäbchen zurückzuführen sind. Solche in speziellen Hülsen verpackte Stäbchen werden an Tatorten beispielsweise zur Sicherung von Blut- und Speichelspuren verwendet.

In Oberösterreich und Tirol werden die Wattestäbchen vom selben Hersteller bezogen, der auch die deutschen Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland belieferte, wo die DNA-Spuren ebenfalls aufgetaucht sind. Die Wattestäbchen wurden aus dem Ausland importiert, die Kunststoffröhren und der dazugehörige Deckel aber in Deutschland produziert.

In Österreich wurden die Wattestäbchen des Herstellers Greiner Bio-One nach Angaben der dortigen Polizei deshalb aus dem Verkehr gezogen. Das Unternehmen verteidigte sich am Freitag: "Die Polizei hat nie gefragt, ob das Besteck für DNA-Tests geeignet ist", sagte Geschäftsführer Heinz Schmid. Die Wattestäbchen seien nicht für polizeiliche Ermittlungen gedacht. Dies gehe eindeutig aus der Gebrauchsanweisung hervor,

Während Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) im Fall der Serienverbrecherin, die als "Phantom von Heilbronn" seit Jahren gesucht wurde, inzwischen fest von einer Ermittlungspanne ausgeht, hält Innenminister Heribert Rech (CDU) voreilige Schlüsse für nicht angebracht. "Wir müssen das Ergebnis der Ermittlungsbehörden abwarten", sagte er. Am Freitagabend stand dann fest: Die Gen-Spuren stammen nicht von einem Tatbeteiligten, wie der Leiter der Staatsanwaltschaft Heilbronn, Volker Link, in Stuttgart sagte. "Sie stammt, wie wir heute definitiv wissen, von einer anderen Frau."

Derzeit werden Tausende Wattestäbchen daraufhin untersucht, ob sie während der Herstellung oder Verpackung mit menschlichem Erbgut verunreinigt wurden. Diese Möglichkeit werde schon seit April 2008 intensiv untersucht. "Ich mache der Polizei keinerlei Vorwürfe", sagte Rech. Personelle Konsequenzen schloss er aus.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) fordert nach der Panne in der Mordermittlung ein Gütesiegel für Erbgut-Tests. Der Hersteller der Wattestäbchen wies am Donnerstagabend darauf hin, dass die Abstrichbestecke nicht für die DNA-Analytik zertifiziert seien. Sie würden zwar sterilisiert, DNA-Verunreinigungen menschlichen oder tierischen Ursprungs könnten dadurch aber nicht beseitigt werden, teilte die Greiner Bio-One GmbH in Frickingen mit.

Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, kündigte zudem an, dass künftig sterilere Mittel bei der Spurensicherung eingesetzt werden. "Medizinisch steril sind diese Wattestäbchen", stellte Ziercke am Freitag im Deutschlandfunk klar. Es gebe aber spezielle Verfahren, um das Material noch steriler zu machen.

Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat in einem Interview mit ZEIT ONLINE die Ermittlungspanne im Fall des "Phantoms von Heilbronn" scharf kritisiert. "Den Sachverständigen für die Spuren am Tatort hat man möglicherweise so sehr ins Gewissen geredet, dass viele eine selektive Wahrnehmung entwickelt haben. Immer wenn sie die gleichen Spuren gesehen haben, ist ihnen das Phantom in den Kopf gestiegen."

Die DNA-Analyse selbst sei absolut sicher, dass schlampig gearbeitet wird, könne man kaum verhindern. "Wenn die Proben des 'Phantoms' wirklich von verunreinigten Handschuhen oder Stäbchen stammen sollten, dann müssen viele Leute ihren Hut nehmen."

 
Leser-Kommentare
  1. Irgendwie entsteht der unangenehme Eindruck als würde auf dem Rücken der Beamten und zu Lasten eines wichtigen Themas ein ministerieller Hahnenkampf ausgetragen.

    Es ist hoffentlich ein Zufall, dass die Tat von Winnenden und diese "Enthüllung" in enger zeitlicher Abfolge stehen.

    Das Mitteilungsbedürfnis beider Minister auf der Grundlage ungesicherten Wissens scheint sehr ausgeprägt zu sein.

    Der Ministerpräsident sollte die Richtlinien für Veröffentlichungen seines Kabinetts überprüfen. Die Themen um die es geht sind zu ernst, um sie dem Stammtisch zu opfern.

  2. Die Wahrheit im Falle der “Wattestäbchen” kommt nun Häppchenweise, die Ermittler sollen schon lange darüber wissen.

    Noch viel kurioser:

    Im Falle der drei wegen versuchter Brandstiftung und Mitgliedschaft in der militanten Gruppe angeklagten Berliner Kriegsgegner mußte der Vorsitzende Richter am Berliner Kammergericht gestern die Verhandlung abbrechen.
    Seit September 2008 verhandelt die Bundesanwaltschaft gegen diese 3, weil sie im Juli 2007 versucht haben sollen, im MAN Firmengelände in Brandenburg mehrere Bundeswehrfahrzeuge anzuzünden.
    Der Vorwurf der kriminelle Vereinigung basiere vor allem auf den Einschätzungen eines anonymen Informanten des Verfassungsschutzes und „diverser Bekennerschreiben“.

    Nun kommt’s:

    Ein als Zeuge geladener Kriminalhauptkommissar vom BKA, der die Ermittlungen gegen diese 3 leitet, musste vor Gericht zugeben, dass mindestens zwei solcher Texte von seinen Beamten selbst verfaßt wurden.

    Deutschland- eine Bananrepublik.

    • kkr
    • 27.03.2009 um 13:54 Uhr

    was ich als Laie vermutet habe. Denn das ist zuviel der Zufälle. Und das Sprichwort sich als "zu gut (oder seltsam) um wahr zu sein" anhört, ist es meist auch

  3. dass Untersuchungsmethoden, die sich des genetischen Fingerabdrucks bedienen, mindestens genau so leicht so überlisten sind wie seinerzeit der normale Fingerabdruck mit Handschuhen. Vielleicht wusste da nur einer Bescheid.

  4. wurde in dem Phantom-Fall wieder einmal beeindruckend bewiesen. Damit kann man sogar einer Wattebausch-Verpackerin gelegentliches Schlampern bei der Arbeit nachweisen, und das sogar bis 1993 zurück. Probleme entstehen erst dann, wenn die richtigen DNS-Analysen zur Polizei und Justiz gelangen und passend zu einem Verbrechen eingeordnet werden sollen. Da wird dann kriminalistischer Spürsinn und logisches Denken gefordert. Und das klappt wohl nicht immer.
    Übrigens, ich hatte schon vor Monaten in einem Leserforum(Zeit?) empfohlen, von dem weiblichen Personal, das in irgendeiner Weise mit den DNS- Analysen befasst war , Vergleichsproben zu nehmen.

  5. Begreifen wir diese Schlamperei als Chance! Nun, da bekannt ist, zu wem die 'Genspur' gehört kann man ja überprüfen wie zuverlässig die Daten sind, die den Genen abgelesen wurden.
    Erinnert sich hier noch jemand daran, welches Bild der Verdächtigen gezeichnet wurde? Leider gibt http://www.zeit.de/2009/1... nicht viel her.
    Doch mag ich nicht glauben, dass die Polizei sich selbst an die Gesetze hält, deren Einhaltung sie überwachen soll: hat keiner ein Profil abgeleitet? Durch eine genaue Analyse auf Herkunft, Körpermerkmale und Intelligenz zu schliessen?

  6. Forensische Ermittlungen werden wohl in Deutschland zunehmend zum Lotteriespiel.
    Ein weiteres Gebiet, auf dem die Inkompetenz triumphiert.

    Entwickeln wir uns zurück ins Mittelalter?

    Eine weltliche Macht kann sich auch dann durch Angst und Schrecken an der Macht halten, wenn die Untertanen von der staatlichen Gewalt per Zufall oder Willkür erfasst werden.

    Saubere Ermittlungen und die Überführung eines Täters durch Beweise sind eine Errungenschaft der Aufklärung.
    Damit scheint es vorbei zu sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass saubere Ermittlung mittels genetischem Fingerabdruck beim "richtigen" Täter nichts anderes ist als ein Heißluftballon der Forensik.

    dass saubere Ermittlung mittels genetischem Fingerabdruck beim "richtigen" Täter nichts anderes ist als ein Heißluftballon der Forensik.

  7. ... vielleicht einmal einen Grundkurs Statistik "Schätzen und Testen" besuchen?!

    Wenn wir die Argumentationen in diesem Fall untersuchen müssen wir davon ausgehen, dass wir in diesem Land eine hohe Dunkelziffer an Fehlurteilen haben.

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