Khmer-Rouge-Tribunal Das Grauen der Roten Khmer wird öffentlich

Gefängnisleiter Duch hat gestanden, in Kambodscha tausendfach Folter und Mord angeordnet zu haben. Doch was ist mit mehr als 200 weiteren Verbrechern, die KZs leiteten?

Verantwortet über 12.000 Ermordete während des Khmer-Rouge-Regimes: Gefängnisleiter Kaing Guek Eav alias Duch ist geständig.

Verantwortet über 12.000 Ermordete während des Khmer-Rouge-Regimes: Gefängnisleiter Kaing Guek Eav alias Duch ist geständig.

Die Prozess ist eröffnet, die Anklage gegen den ehemaligen Gefängnisleiter Kaing Guek Eav alias Duch verlesen. Mord, Folter, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das erste Beweismaterial ist vorgelegt – ein Film, den die siegreichen vietnamesischen Truppen im Frühjahr 1979 an einem Ort des Grauens drehten, dem Foltergefängnis Tuol Sleng der Roten Khmer in Phnom Penh.

Er zeigt unter anderem aufgequollene Leichen, nackt, noch an die eisernen Bettgestelle gefesselt, die als Folterbank dienten. Tuol Sleng ist in der Welt ein Sinnbild für die vierjährige Schreckensherrschaft des kommunistischen Regimes geworden. Mehr als 12.000 Menschen, so bestialisch wie systematisch gequält, dann erschlagen wie Tiere auf den Killing Fields vor der Stadt. Männer, Frauen, Kinder, Babies, die an Bäumen zerschmettert wurden.

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Und doch sind diese Opfer nur eine Handvoll Menschen angesichts der bis heute unübersehbaren Menge von Toten. Vermutlich zwei Millionen ermordeter, verhungerter, an Krankheiten oder Verzweiflung elendig krepierter Menschen, die Opfer einer wahnhaften Politik wurden, mit der eine intrigante Clique um den Schlächter Pol Pot das Land über Nacht in einen Bauernstaat verwandeln wollte.

Das Ausmaß der Verbrechen ist zu groß, als dass nun bei Prozessbeginn gegen den kleinen, adrett gekleideten Duch, 66 Jahre alt, so etwas wie Erleichterung aufkommen könnte. Auch wenn Duch sich von der Anklagebank erhebt und von Reue und Schuld spricht, übrigens mit fester Stimme. Und wenn es zumindest wahrscheinlich scheint, dass binnen Jahresfrist die Anklagen gegen vier hochrangige Rote Khmer fertig geschrieben und der Kammer vorgelegt sind.

Dreißig Jahre musste Kambodscha auf dieses Verfahren warten. Ein kleines Land, das einst versucht hatte, neben dem kriegsumtosten Vietnam seine Integrität und Neutralität zu wahren, das schließlich von amerikanischen Flächenbombardements geschunden und der Invasion preisgegeben wurde, und dann in den Strudel eines Völkermordes geriet, dem nahezu jeder vierte Kambodschaner zum Opfer fiel.

Wer überlebte, hatte den Horror erlebt. Jeder einzelne traumatisiert. Dreißig Jahre lang hat die Gesellschaft um ihre Wiedergeburt gekämpft, noch heute finden sich an den Rändern Enklaven, die als Khmer-Rouge-Gebiete gelten, zumindest im Geiste. Selbst die Regierung vermag sich nicht zu einem vollherzigen Bekenntnis zur Strafverfolgung der Schuldigen hinreissen lassen. Das Rote-Khmer-Tribunal konnte nur mit internationaler Hilfe zustande kommen, das Verfahren an sich ist ein Kompromiss, bis zur ersten Anklage gegen Duch, denn Kaing Guek Eav ist im strengen Sinne nicht einer der "most responsible persons", einer der Hauptverantwortlichen, auf deren Anklage sich die internationale Gerichtsbarkeit beschränken soll.

Er ist einer, dessen Verfahren am handlichsten erscheint, wenigstens ist er geständig. Aber er ist nur einer von nahezu 200 Verbrechern, die Khmer-Rouge-Gefängnisse leiteten. Man könnte sie auch als Konzentrationslager bezeichnen, die das Land mit ihrer Schande überzogen. Bis heute sind die Arbeiten zur Lokalisierung der dazu gehörigen Massengräber nicht abgeschlossen.

Bis heute herrscht in Kambodscha bis in die Familien hinein ein großes Schweigen über vieles, was passierte. Es ist oft so schrecklich, dass es unaussprechlich scheint. Nun wird vor Gericht darüber geredet werden müssen. Das, was offen gelegt wird, verbreiten Radio und Fernsehen bis in das letzte Dorf hinein und darüber hinaus, rund um den Globus. Das ist der Triumpf einer Weltgesellschaft, die sich einer internationalen Gerichtsbarkeit verpflichtet weiß.

In Kambodscha, das in seinem Fortschritt von Korruption gefesselt wird - bis in die eigene Justiz - ist es auch ein Hoffnungszeichen dafür, dass so etwas wie Rechtsstaatlichkeit möglich ist. Sicher ist aber auch, dass dies ein sehr schmerzhafter Prozess werden wird, für viele Kambodschaner, weil er an Wunden rührt, die zu tief sind, als dass sie je heilen könnten.

 
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