Russland Die Sotschi-Show

Die Bürgermeisterwahl in der russischen Olympia-Stadt Sotschi ist ein bizarres Spektakel. Ein Pornostar, ein mutmaßlicher Mörder und eine ehemalige Ballerina bewarben sich zeitweilig um den Posten.

Lugovoi

Wollte Bürgermeister von Sotschi werden: Andrej Lugowoi (r.), mutmaßlicher Mörder des Kremlkritikers Alexander Litvinenko

Für die russischen Boulevardmedien ist der Bürgermeisterwahlkampf von Sotschi ein Fest. Täglich kommen neue Skandalnachrichten vom Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Unter den 25 Bewerbern für das Bürgermeisteramt waren zwischenzeitlich ein Pornostar, eine ehemalige Ballerina, der kremlkritische Oligarch Alexander Lebedew, Oppositionspolitiker Boris Nemzow sowie der Ex-Geheimdienstler und mutmaßliche Litvinenko-Mörder, Andrej Lugowoi. Ein Teil der Kandidaturen ist schon wieder passé. Noch bis Donnerstag prüft die Wahlkommission, wer wirklich antreten darf.

Der künftige Bürgermeister des Schwarzmeer-Kurorts wird immerhin formeller Gastgeber der Olympischen Winterspiele sein und ein Wörtchen mitreden können bei der Verteilung der geplanten Milliardeninvestitionen. Die Spiele im subtropischen Sotschi sind für die russische Führung eine Prestigefrage, der aktuelle Wahl-Zirkus muss deshalb ein Albtraum für sie sein.

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Der wohl größtmögliche Skandal konnte allerdings zügig abgewendet werden. Die rechtsnationale Partei LDPR strich ihren Kandidaten Andrej Lugowoi kurz vor Ablauf der Anmeldefrist von der Liste und tritt stattdessen mit einem unbedeutenden Kommunalpolitiker an. Der ehemalige Agent Lugowoi wird von der britischen Polizei verdächtigt, 2006 in London den Kremlkritiker Alexander Litvinenko vergiftet zu haben.

Für Aufsehen sorgte auch die Kandidatur der ehemaligen Pornodarstellerin Jelena Berkowa, die sich in ihrem Bewerbungsvideo barbusig am Strand präsentierte, ganz im Sinne ihrer politischen Botschaft: "Ich habe nichts zu verbergen." Die 23-Jährige flog aus dem Rennen, weil sie die Abgabedeadline für die Bewerbungsunterlagen verpasste. Nun muss Anastasija Wolotschkowa, ehemalige Primaballerina des Bolschoi Theaters, wohmöglich allein für Glamour sorgen. Sie tritt für die Staatspartei Einiges Russland an.

Sicher zugelassen ist bereits der bekannte Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Er überstand vor einigen Tagen unverletzt einen Anschlag mit Amoniak. Unbekannte hatten ihm die ätzende Flüssigkeit über Gesicht und Kleidung gegossen. Wenig später erhielt Nemzow nach eigenem Bekunden einen mysteriösen Geldtransfer von 5000 Dollar aus den USA. Es ist den Kandidaten gesetzlich verboten, Wahlkampfspenden aus dem Ausland anzunehmen. Der Politiker und Mitgründer des Oppositionsbündnisses "Solidarität" sprach daraufhin von einer "Provokation des Kreml".

Nemzow, der ursprünglich gegen die Winterspiele in seinem Heimatort Sotschi war, will nun zumindest das Schlimmste verhindern. Einige Sportarten wie Eishockey, Eiskunstlauf und Curling will er nach Moskau, St. Petersburg und Kasan auslagern, wo die entsprechenden Anlagen bereits vorhanden sind. Der zweite kremlkritische Kandidat, Oligarch Alexander Lebedev, hat sich gegen die von Nemzow favorisierte Dezentralisierung der Spiele ausgesprochen.

Leser-Kommentare
    • Fokko
    • 31.03.2009 um 10:34 Uhr

    Na immerhin bleibt die Stadt so im Gespräch. Und darauf kommt es heute schließlich an...

    Fokko
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