Der Künstler Ajubel wurde 1956 in Kuba geboren, er lebt seit 1990 in Valencia, Spanien.  Ajubel ist bekannt für ein großes künstlerisches Spektrum, das von Karikaturen über grafische Gestaltung bis zu dem gemalten Robinson Crusoe reicht, ein Buch, das gerade in Italien auf der internationalen Messe für Kinder- und Jugendbuch in Bologna mit dem Preis für das beste Buch in der Kategorie Fiktion ausgezeichnet wurde.

ZEIT ONLINE: Ajubel, wie haben Sie es nur geschafft, alle Wörter von Robinson Crusoe hinter sich zu lassen? War es schwierig?

Ajubel: Es war eine Befreiung. Sie trat aber erst nach einer langen Reise ein. Es hat drei Jahre gedauert, alle Wörter zu entfernen. Ich wollte, dass das Buch in der Tradition des Stummfilmes steht. Aber wie sollte ich das im Buch umsetzen können, mit welcher Technik? Ich entschloss mich, einfach zu springen und alle Fragen im Flug zu lösen, nach dem Absprung. Was ich sagen wollte, hatte sowieso mehr mit Fliegen als mit der Landung zu tun. Ich zeichnete also erst die Linien und fügte dann die Farben mit dem Computer dazu.

ZEIT ONLINE: Und was für Farben! Wie kam es zu dieser Wildheit von Farben?

Ajubel: Die Intensität der Farben ist ein Ausdruck von dem, was ich sagen möchte und wer ich bin.

ZEIT ONLINE: Ein Ausdruck Ihrer selbst! Wer sind Sie?

© Ajubel

Ajubel: Ein Migrant. Ich bin in Kuba aufgewachsen, in kleinen Dörfern. Meine Mutter kommt aus einer türkischen Familie, die Mutter meines Vaters kommt aus Israel. Wir hatten kein Geld für Bücher, so wie wir auch  für viele andere Dinge kein Geld hatten. Aber es gab glücklicherweise in den Dörfern Bibliotheken. Ich habe da alles gelesen, die Klassiker natürlich, Tom Sawyer und Robinson Crusoe.

ZEIT ONLINE: Was interessiert Sie an Robinson?

Ajubel: Dass Robinson sich auf der Insel gefangen fühlt, obwohl doch das herrliche Meer vor ihm liegt. Es ist sehr interessant zu sehen, wie der Mensch innerhalb seiner eigenen Begrenztheit nachdenkt.

ZEIT ONLINE: In Romanen hat der Erzähler im Hintergrund oft eine deutlich erkennbare eigene Position zum Geschehen. Wie zeigt sich der Maler in einem Kunstwerk wie diesem? Ist es vielleicht die Wucht, mit der Robinson sich über den armen Freitag beugt? Steckt darin eine Kritik?

Ajubel: Spannende Frage. Mein Ziel als Zeichner war es, den Betrachter mit Robinson zu verschmelzen, ich wollte, dass er die ganze Last seiner Scham zu spüren bekommt. Ich meine, nach 28 Jahren auf der Insel trifft er einen anderen Menschen und statt einem Bedürfnis nach Gesellschaft nachzugeben, setzt er ihm seinen Fuß auf den Kopf! Da ist diese Grausamkeit, die in uns als der Spezies Mensch sitzt. Robinson hat nur ein Buch, die Bibel, das liest er die ganzen Jahre. Aber zu welchem Zweck? Ich meine: Wollte er ein besserer Mensch werden oder nur die Wörter zählen?

ZEIT ONLINE: Sie selbst hatten nicht Tausende von Wörtern, sondern nur wenige Seiten, um Ihr Anliegen klarzumachen!

Ajubel: Nach dieser Szene zwischen Robinson und Freitag war ich erschrocken, wie wenige Seiten ich nur noch übrig hatte, um mein Anliegen auszudrücken. Wie sollte ich auf so engem Raum klarmachen, was Freitags Rolle in diesem Buch ist? Mir blieb gar nichts anderes übrig, als auf die Intensität der Bilder zu setzen.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihre Aussagen in Bildern verdichtet?

Ajubel: Zum Beispiel in der Szene, in denen Freitag und Robinson schwimmen. Robinson schwimmt in einem leeren Ozean, aber als Freitag schwimmt, kommen alle Fisch zu ihm, er ist umgeben von bunten Fischen…

ZEIT ONLINE: … die herrliche Schatten auf den Grund des Meeres werfen. Da malte einer, der auch taucht! Mögen Sie Robinson?

© Ajubel

Ajubel: Also, als ich das Buch wieder las und dann schloss, da dachte ich: Das muss ein ziemlich schmutziger Typ gewesen sein. Er lebt all diese Jahre auf der Insel, aber nicht einmal geht er ins Wasser, erst ich habe ihn dahin gebracht. Er sah diese wunderbare See vor sich, aber nicht einmal drückte er eine Freude darüber aus. Er muss eine sehr unterdrückte, gehemmte  Persönlichkeit gewesen sein.

ZEIT ONLINE: Er lebte seine Existenz zwischen Gefangenschaft auf dieser Insel und der Freiheit von allen Verpflichtungen, in einer großen Spannung, oder?

Ajubel: Die Tatsache, dass wir oder er das Leben auf einer Insel als geschlossene Existenz, als Gefangenschaft sehen, ist sehr spannend. Wie sehr wir doch an unsere Grenzen stoßen, nicht nur an äußere, sondern die unserer Vorstellung. Das Meer war in seiner Vorstellung nicht vorhanden als Raum. Die Gefangenschaft auf einer Insel ist ein mentaler Prozess, ein Sich Abschließen gegen das Außen. Ich meine, es ist doch auch sehr schön, von so viel Raum umgeben zu sein.

ZEIT ONLINE: Wahrscheinlich war er auch ziemlich gelangweilt. Davon finde ich aber gar nichts, wenn ich diese aufregenden tumulthaften Bilder betrachte.

Ajubel: Aber als Vorstellung ist doch die Langweile immer präsent – zum Beispiel in den weißen, ausgesparten Räumen…

ZEIT ONLINE: Was wird ein Kind, das Robinson noch nicht gelesen hat, in Ihrem Buch finden?

Ajubel: Keine Ahnung. Jedes Kind, da bin ich sicher, hat seine eigenen Fantasien.

ZEIT ONLINE: Was haben Ihre Kinder zu dem Buch gesagt?

© Ajubel

Ajubel: Sie sind meine schärfsten Kritiker. Weil Kinder die Wahrheit sagen. Sie erkennen sofort, ob ein Detail oder das ganze Konzept stimmt oder nicht, und das sagen sie auch mit äußerster Deutlichkeit.

ZEIT ONLINE: Der Kinderbuchmarkt ist, wie auch der Buchmarkt für Erwachsene, breit gefächert, vom Erhabenen zum Banalen. Welchen Einfluss haben Billigprodukte auf Kinder, welche Wirkung entfalten die superniedlichen Figürchen in den Köpfen der Kinder?

Ajubel: Die Kinder werden beschädigt. Diese Produkte  bewirken eine Verschmutzung der Bildvorstellung. das prägt die Kindheit auf Grund – durch die Manipulationen geschäftstüchtiger Erwachsener. Gute Bücher sind natürlich auch teuer. Es bedrückt mich, wie sehr die Kindheiten von der Kaufkraft ihrer Eltern geprägt werden, wie die Kinder in der Entwicklung als Menschen behindert werden.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig sind Bilder im Verhältnis zu den Texten?

Ajubel: Wir leben in einer bildorientierten Kultur. Das Bild schiebt sich vor den Text. Wir sind umgeben mit starken Bildern. Und wenn wir ein Buch in die Hand nehmen, entwickeln wir eine innere Vorstellung von ihm, bevor wir auch nur ein Wort gelesen haben.

ZEIT ONLINE: Die einzigen Worte im Buch sind Ihre – eine Widmung, auf Spanisch. Können Sie mir die übersetzen?

Ajubel: Mit Freude! "Für die 6.643.427.673 Überlebenden auf der Insel, die am Ufer auf das Wunder einer zukünftigen Reise warten."

Das Gespräch führte Susanne Mayer