Belgien Wo Bücherwürmer Urlaub machen
Mit einem besonderen Konzept kämpft ein Dorf in den Ardennen erfolgreich gegen Landflucht und Verarmung: Antiquarische Bücher locken Leseratten und Urlauber gleichermaßen an. An Ostern beginnt wieder die Saison.

© Kerstin Selle
Redu liegt im Land der Haute-Lesse, einem Teil der Provinz Luxemburg, im Süden Belgiens
Früh morgens, wenn der Tau noch an den Blättern klebt, der erste Wind durchs Gefieder der dösenden Tauben im Kirchturm streicht und die Menschen im Ort noch in tiefsten Träumen liegen, ist es deutlich zu hören: ein vielstimmiges, leises Brummen. Es ist das leise Schnarchen Tausender Bücher, die sich hier in Regalen, Kisten und Kartons eng aneinander drücken.
Sie warten auf einen neuen Tag in Redu, einem Dorf mit 400 Einwohnern, mit schiefergedeckten Häusern und einer mächtigen grauen Kirche. Und mit 24 Antiquariaten. Rundherum liegen hügelige Felder, über deren schweren Boden Reiher staksen und auf denen Bussarde nach Beute Ausschau halten. Ein Dorf im Land der Haute-Lesse, mitten in den belgischen Ardennen.
In das Brummen fügt sich ein Muhen. Es kommt aus dem Stall am Ortseingang, dem letzten Bauernhof im Ort. Nebenan schreit ein Esel. Dann knirschen Schritte auf dem Kies. Ein junger Mann öffnet ein großes, grünes Tor zu einer Scheune, besser: zu einer Bücherscheune. Er baut zwei Tische auf, trägt Bananenkartons heran, breitet Bildbände und Kochbücher aus.
Auch nebenan rund um die Kirche beginnt sich Leben zu regen. In Läden, die sich eben noch hinter Fensterläden versteckten, in Restaurants, deren Namen auf rustikalen Holzschildern im Wind hängen. Und in dem scheunengroßen Backsteingebäude am Ende der Straße. In ihm haben sich gleich drei Bücherläden eingerichtet.
Zwei Räume gehören dem Antiquariat Art.31. Dazu knarzendes Parkett, ein Kaminofen und ausgewählte Literatur. "Der Ort war schon immer etwas speziell", sagt Marie Alix Van de Sande und rückt ein paar Lexika zurecht. "Obwohl es ein Bauerndorf war, gab es schon immer einen Buchladen und eine Kunstgalerie", sagt sie. Doch Redu teilte das Schicksal vieler Dörfer: Es fehlte an Arbeit, die Menschen zogen fort.
Eines Tages reiste Noël Anselot, ein Bewohner Redus, nach Wales. Zufällig kam er nach Hay-on-Wye, stieß auf Richard Booth, der dort 1961 das erste Bücherdorf der Welt gegründet hatte, und kehrte begeistert und mit dem festen Willen zurück, auch aus Redu ein solches Bücherdorf zu machen. Der Gedanke war ebenso einfach wie mutig: Viele Antiquariate an einem Ort würden sowohl Bücherfreunde als auch Touristen anlocken, der Ort würde attraktiv für weitere Geschäfte und Redu bekäme eine neue Zukunft.
Hergés Tim und Struppi, Walt Disneys Schneewittchen mit ihren Zwergen. In Redu kommen nicht nur die Besucher aus aller Welt
Buchhändler aus dem ganzen Land wurden zu einem Büchermarkt eingeladen. Doch es kamen nicht nur Händler, sondern insgesamt 15.000 Büchernarren und Neugierige. Das war Ostern 1984. Heute geht es Redu tatsächlich gut. So gut, dass die ganze Region davon profitiert. So gut, dass die Nachfrage nach Räumlichkeiten die Kapazitäten des alten Ortskerns übersteigt. Allerdings auch so gut, dass immer mehr Städter die Region für ihre Ferienhäuser entdecken und damit die Preise in die Höhe treiben.
Auch Pascal Grognard kam aus Brüssel hierher, schon vor 20 Jahren. Ihm gehört das Antiquariat La Barque Saoûle. Es ist niedrig und randvoll mit Comics. Grognard ist Vorsitzender der Antiquariate in Redu. "In einen gewöhnlichen Buchladen geht man wegen der Bücher. Nach Redu kommt man auch wegen der Bücher, aber man kommt mit der ganzen Familie, man hat die schöne Landschaft, wandert, plaudert, trinkt Kaffee", schwärmt er.
Die Besucher, rund 200.000 pro Jahr, kommen aus der ganzen Welt. Besonders an Ostern, wenn mit der Fête du Livre die Saison eröffnet wird. Dann stehen die Gehwege voll mit Tischen, wachsen die Bücherkisten hinaus bis auf die Straßen, bevölkern Bücherfreunde, Musiker und Künstler jeden Winkel.
Doch es kommen auch andere. Solche, die nicht nur Bücher suchen. Peter Brouns ist so einer. Er stammt aus Holland, aus Sittard genau genommen. Seit 10 Jahren reist er regelmäßig mit seiner Frau an, um im Buchladen von Miep van Duin auszuhelfen. Er liebt vor allem die Natur. Die sanften Hügel, zwischen denen die Dörfer eintauchen wie Apfelschnitze in frischen Kuchenteig. Die Wälder, durch die sich Flüsse schlängeln, zum Beispiel die Lesse, die der Gegend ihren Namen gab. Oder hinter denen sich mal ein Anwesen, mal ein herrschaftlicher Park oder eine mittelalterliche Mühle verstecken, für die die Region ebenso bekannt ist.
"Bevor ich morgens den Laden öffne, mache ich einen langen Spaziergang", sagt er. "Miep hat auch Hühner, die füttere ich und genieße es, mich für einen Augenblick wie ein Bauer fühlen zu dürfen." Und er genießt das Lesen. Und die Gesellschaft von Büchern, von denen die meisten einen langen Weg hinter sich haben. "Man findet hier ja nicht nur Lesestoff", sagt er, "sondern auch Lebensgeschichten."
Im Hintergrund schlägt eine Kuckucksuhr. Einige der Bildbände und Romane müssten eigentlich sehr müde sein. Oder begierig darauf, ihre Geschichten erzählen zu dürfen. Andere, besonders die, denen man das Alter deutlich ansieht, nicken schnell wieder ein. Vielleicht ist es ja deren Brummen und Schnarchen, das ganz früh morgens, wenn der Tau noch an den Blättern klebt, leise durch die Straßen weht.
Anreise
Mit dem Zug gibt es direkte Verbindungen von Frankfurt, Köln und Aachen nach Liège-Guillemins. Von Berlin, Hamburg und München ist Liège mit Umstieg in Köln erreichbar. Die direkte Strecke Köln – Liège per ICE oder Thalys dauert rund eineinhalb Stunden.
Von Liège aus weiter entweder mit dem Zug bis Namur und anschließend per Mietwagen nach Redu. Oder bereits von Liège aus mit einem Mietwagen ins rund 125 Kilometer entfernte Bücherdorf. Wegen der ländlichen Lage ist eine Anreise bzw. Weiterfahrt mit dem Auto empfehlenswert.
Unterkunft
Eine Handvoll einfache Gästezimmer gibt es direkt in Redu zum Beispiel im Le Fournil, Doppelzimmer mit Frühstück ab 60 Euro,
www.le-fournil.be
Gehobener logiert man im Le Moulin de Daverdisse im rund sechs Kilometer entfernten Daverdisse, Doppelzimmer ab 115 Euro,
www.daverdisse.com
Infos zu Redu und Umgebung
Offizielle Seite des Bücherdorfes Redu:
www.redu-villagedulivre.be
Antiquariat Art.31:
www.article31.be
Antiquariat De Eglantier & Crazy Castle:
www.booktownredu.eu
Tourismusseite des Landes La Haute Lesse:
www.haute-lesse-tourisme.be
Infos zu Bücherdörfern
Übersicht über einige Bücherdörfer, die sich in der International Organisation of Booktowns (I.O.B) zusammengetan haben:
www.booktown.net
Internetseite des Buchladens von Richard Booth, dem Gründer des ersten Bücherdorfes in Hay-onWye in Wales:
www.richardbooth.demon.co.uk
Internetseite des ersten Bücherdorfes der Welt:
www.hay-on-wye.com
- Datum 11.04.2009 - 12:52 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, 10.04.2009
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