Fussball-Presseschau Charme der Retorte
Dank des 5:1 gegen Bayern erfährt selbst Wolfsburg die Zuneigung der Journalisten. Dass Felix Magath seinen Ex-Klub mit einem Torwartwechsel verhöhnt, kommt aber nicht gut an. Eine Presseschau

© Christof Koepsel/Bongarts/Getty
Grafite: Der Brasilianer demütigt den FC Bayern mit dem 5:1-Siegtreffer
Der VfL Wolfsburg demontiert den FC Bayern mit 5:1 und genießt derzeit erstmals in der Vereinsgeschichte den Applaus der Presse. Auch viele Fans können die Attraktivität des Volkswageneigenen Betriebs nicht mehr länger übersehen. Parallelen entdecken die Experten mit dem zweiten Werksklub Bayer Leverkusen und dem SAP-Zögling Hoffenheim. Christian Eichler (FAZ) erliegt dem "Charme der Retorte" und der Radikalität, mit der diese drei Vereine gängige Konzepte überarbeiten: "Die 'Neureichen' sind nicht nur reich, sie sind auch reich an neuen Ideen. Der Mangel an Tradition gibt die Freiheit für Neues. Die drei 'Retortenklubs' sind in ihrem Personal in den zurückliegenden Jahren völlig umgestaltet worden. Für diesen Mut wurden sie belohnt. Sie spielen in dieser Saison den aufregendsten Fußball Deutschlands."
Im Kontrast damit bemerkt Andreas Burkert (SZ) die Schwergängigkeit des altreichen FC Bayern, einem Verein in der "architektonischen Krise". Dem Reformator Jürgen Klinsmann habe der Klub nicht völlige, sondern nur halbe Freiheit gelassen, wodurch ein als notwendig erachteter Wandel verzögert oder verhindert worden sei. Burkert schreibt, auch auf Klinsmanns Mängel hinweisend: "Dabei wähnten sich die Münchner gewappnet für die neuen Zeiten. Sie holten einen jungen Trainer, dessen Arbeitsweise als modern galt. Doch dessen Geltungsbereich beschnitt die prominente Führungsetage, eine Kadererneuerung etwa blieb aus; Klinsmann wiederum bestärkte den Verein in seiner Skepsis mit handwerklichen Fehlern. Und so hat sich selbst unter einem angeblichen Erneuerer nicht so etwas wie eine Philosophie entfalten können bei den Bayern. Sondern vornehmlich der greise Geist, die angestammte Größe verwalten zu müssen."
Führungslosigkeit macht Boris Herrmann (Berliner Zeitung) beim FC Bayern aus: "Klinsmann hat die Kontrolle verloren. Wie ein herrenloses Raumschiff treibt sein Team durch die Saison, gewinnt mal 7:1 gegen Lissabon und verliert dann wieder 1:5 gegen Wolfsburg. Je nach Laune. Was fehlt, ist ein Masterplan und Besonnenheit."
Peter Unfried (taz) beobachtet Wolfsbürger Brüste schwellen und hofft auf Fortsetzung: "Dieses 5:1 gegen Bayern und die Übernahme der Tabellenführung ist bis auf weiteres der größte Tag in der zwölfjährigen Bundesligageschichte des VfL Wolfsburg. Die Frage ist: Für wie lange? Sicher wird das 5:1 von Grafite im kollektiven Gedächtnis bleiben als Moment des ultimativen Triumphs der einen und der ultimativen Demütigung der anderen."
Stefan Osterhaus (Financial Times Deutschland) erlebt sein Tor des Jahres, das 5:1 Grafites: "Wann haben wir so eine Szene zuletzt gesehen? In der Bundesliga? Die totale Demütigung der Bayern hat einen Namen: Grafite. Er zelebrierte den Augenblick des Torschusses wie ein Torero den finalen Stoß."
Dafür, dass Felix Magath im Übermut des Siegs in der Schlussphase den Tormann gewechselt hat, erhält er den Rüffel Frank Hellmanns (FR): "Manch einer wertete das als Verhöhnung. So etwas tut man bei Kirmes- und Abschiedsspielen oder am letzten Spieltag, aber nie und nimmer während der Saison. Es könnte auch ein folgenschwerer Fehler des smarten Strategen Magath gewesen sein. Wer die Bayern so in ihrer Ehre kränkt, hat das später oft genug bitter bereut."
Ronny Blaschke (FR) nimmt der erneuten Berliner Niederlage (1:3 gegen Dortmund) die Schärfe: "Die Berliner haben besser gespielt als in ihren Heimspielen zuvor, mit einem Unterschied: Sie haben verloren. Dieses 1:3 ist das schlichte Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Hertha BSC spielte wochenlang am Limit, konzentriert, zielsicher, auch glücklich. Wie ein Seiltänzer, langsam balancierend, Schritt für Schritt, wohlwissend, dass nicht jede ausgeglichene Partie 1:0 oder 2:1 gewonnen werden kann. Wie ein Seiltänzer, langsam balancierend, Schritt für Schritt. Ein Seiltänzer freilich kann auch mal stürzen."
Über den anhaltenden Hamburger Erfolg staunt Rainer Schäfer (Berliner Zeitung): "Dass der HSV noch in drei Wettbewerben mitmischt, wird von Woche zu Woche kurioser. Oft befinden sich fünf, sechs HSV-Profis in guter Verfassung, der Rest läuft in Dienstkleidung mit. Trotzdem stimmt die Ordnung, zweifellos ein Verdienst von Trainer Martin Jol." Frank Heike (FAZ) schreibt über den 1:0-Sieg gegen Hoffenheim: "Beide Klubs gehen auf dem Krückstock in die Endphase dieser aufregenden Spielzeit, doch der HSV hat das bisher meisterhaft verdaut."
- Datum 08.05.2009 - 15:44 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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