Produktdesign Schöne Hocker für alle

Es gibt sie noch, die billigen Dinge, dank Ikea. Nun widmet die Münchner Pinakothek dem Möbelhersteller und der Idee vom demokratischen Design erstmals eine Ausstellung

Wo kommt das Neue her, wenn es kommt? Immer wieder aus Älmhult. Neu war 1958 die Tulpenschirmleuchte "Bage", neu war 1975 das unverwüstliche Billy-Regal, und neu war 2002 auch der geschwungene Schaukelstuhl "Gunghult" des britischen Designers James Irvine. Zudem lieben die Trendsetter in Älmhult, anders als die Mailänder Trendsetter, das Praktische und Preisgünstige, weshalb alles, was sie entwerfen und produzieren, sich seit den 1970er und 1980er Jahren massenhaft in den Wohnstuben dieser Welt wiederfindet: So wie die meisten jüngeren Menschen einen Modeartikel von H & M in ihrem Kleiderschrank hängen haben, so besitzen sie wohl auch ein Wohnaccessoire des schwedischen Möbelgiganten Ikea.

Das weitgehend unbekannte Älmhult beherbergt neben der ersten, 1958 eröffneten Ikea-Filiale - eine hässliche Wellblechhalle, umzingelt von Parkplätzen und Birkenwäldern - auch die Kommandozentrale der Produktentwicklung. Die dort ausgeheckten Entwürfe sind funktional, formschön und mindestens so bekannt wie Abba-Songs, und schon häufig wurden sie in die internationalen Designsammlungen aufgenommen und mit Preisen überhäuft. Nun hat die Pinakothek der Moderne in München unter dem Titel "Democratic Design - Ikea" die schönsten Objekte versammelt, zugleich versucht sie das Geheimnis der in ganz unterschiedlichen Kulturen gleichermaßen erfolgreichen Firmenphilosophie zu ergründen.  

Anzeige

Die Wurzeln der blau-gelben Einrichtungshäuser reichen ins ausgehende 19. Jahrhundert zurück, als der deutsche Tischlermeister Michael Thonet mit seinen transportfreundlich zerlegten Stühlen das Ende des konventionellen Möbelhandels einläutete. Vor allem aber beruft sich Firmengründer Ingvar Kamprad auf die 1899 von der Reformpädagogin Ellen Key formulierte Parole „Schönheit für alle“ sowie auf das „Schwedische Modell“ einer modernen, offenen, egalitären, familien- und sozialorientierten Gesellschaft – Ansätze, die sich auch beim Deutschen Werkbund, bei De Stijl, dem Bauhaus oder der Hochschule für Gestaltung Ulm finden.

Das Bestreben von Ikea, mit einer schlichten, organischen Formensprache möglichst viele Menschen zu erreichen, zeigt sich in der Vorliebe fürs "Du", in der Konzentration auf die Bedürfnisse von Kindern und in der Vorstellung eines demokratischen Designs - unter eben diesem Schlagwort wurde 1995 die eher individualistisch konzipierte "PS Kollektion" präsentiert. Damit bezogen die schwedischen Massenwarenhersteller einmal mehr eine Gegenposition zu jenen zeitgenössischen Tendenzen, die Design als hochpreisiges Statussymbol vermarkten, am liebsten in exklusiven Galerien.

Das Erfolgsgeheimnis von Ikea, so veranschaulicht die quietschbunte, wie für einen Katalog aus vergangenen Zeiten konzipierte Schau, verbirgt sich weniger im Design noch in dessen birkenhölzerner Freundlichkeit, es ist die Verbindung aus günstigem Preis und praktischen Lösungen. Am Ende des Design-Parcours warten zwei riesige Glas-Paternoster auf die Besucher, gefüllt mit Wohnasseccoires, die zwar niemand braucht, aber das Zuhause angenehm aufhübschen. Dahinter flimmern mehr als 20 Bildschirme. Sie zeigen Natur- und Straßenszenen aus dem idyllischen Älmhult: Alles, was Ikea macht, wird immer noch in diesem schwedischen Bilderbuchort erdacht und geplant - für Kunden mit wenig Platz, wenig Zeit und wenig Geld.

"Democratic Design – Ikea": bis 12. Juli, Pinakothek der Moderne in München

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service