Irrwitz der Woche Ich komm nicht in die Tüte!
Unser Kolumnist kann im Supermarkt die kleinen Plastiktütchen nicht öffnen. Hat er deswegen schon eine Neurose?
Jeder hat seine Ängste. Ich habe Ängste vor Plastiktüten. Nicht vor den großen, nein, vor den kleinen durchsichtigen, die man im Supermarkt von einem Metallgestänge abreißt um in ihnen Tomaten oder Radieschen zu verstauen – falls man es schafft, sie zu öffnen.
Es gibt Leute, die schaffen das. An der Obst- und Gemüsetheke greifen sie scheinbar nachlässig mit einer Hand nach den Radieschen und ziehen mit der anderen die Tüte vom Gestänge. Und dann, mit einem einzigen geschickten Fingerschnippen, ist das Beutelchen offen und die Radieschen sind drin. Nebenher telefonieren sie meist noch mit ihrem Friseur oder einem Fußballkumpel und halten ihr Kind davon ab, mit Zitronen auf andere Kunden zu werfen.
Bei mir läuft es anders. Etwa so, dass ich mich dem Metallgestänge vorsichtig nähere und versuche, nicht zu unsicher zu wirken, während ich mit beiden Händen eines der Plastiktütchen abreiße. In der Regel schaffe ich das beim dritten oder vierten Anlauf, was mir oft schon belustigte Blicke anderer Käufer einbringt. Oder ich erwische gleich eine ganze Handvoll der Dinger. Woraufhin sich ein Verkäufer missbilligend nähert, spätestens nähert er sich dann, wenn ich die überzähligen Beutel im Kartoffelfach entsorge. Einmal, ich hatte nach dem fünften Abrissversuch in verzweifelter Entschlossenheit das ganze Gestänge umgerissen, näherte sich der Verkäufer sogar mit harschem "Nanana!"
Nach alldem müsste ich mir im Grunde gar keine Mühe mehr geben, das Tütchen zu öffnen. Zumal meine Finger sich ganz offensichtlich - warum auch immer - schon rein anatomisch nicht dazu eignen, den oberen Rand des Tütchens zwischen Daumen und Zeigefinger hin- und herzurollen, bis sich der Beutel öffnen lässt.
Außerdem macht es mich nervös, wenn mir Fremde beim Tütenöffnen zusehen, es macht mich sogar sehr nervös. Beim letzten Mal versuchte ich fünf Minuten lang mit zitternden Fingern, ein Beutelchen zu öffnen um Mandarinen zu verstauen, umringt von Kunden, die höhnische Kommentare abgaben – "guck mal Erwin, der ist ein noch größerer Tollpatsch als Du!", "Ist das hier versteckte Kamera?", "Das ham' wir gern: Teure Mandarinen fressen wollen, aber nicht mal die Tüte aufkriegen!". Am Ende durchbrach ich die Menschentraube und versteckte mich zwischen den Müsliregalen.
Ich habe auch schon versucht, das Beutelöffnen dann zu üben, wenn ich überhaupt kein Obst oder Gemüse brauchte, aber das rief wiederum den Verkäufer auf den Plan. Ebenso mein Versuch, ein größeres Kontingent an Tütchen aus dem Laden zu schmuggeln – das ich selbstverständlich nach dem probeweisen Öffnen zu Hause unversehrt zurückgebracht hätte.
"Du machst Dir einfach zu viele Gedanken", sagte meine Liebste. "Du bist schon fast neurotisch! Hör endlich auf, dir Gedanken zu machen!" Ich hörte auf und lud künftig alles Obst und Gemüse einfach so in den Wagen. Bis zu dem Tag, an dem ich ein paar Handvoll Nüsse kaufen wollte, Nüsse, die mir immer wieder durch das Drahtgeflecht des Wagenbodens fielen und über den Boden rollten. Mein ständiges Bücken verlangsamte die Fahrt zur Kasse erheblich, außerdem folgten mir schnell einige Leute, die mich offenbar für einen Alleinunterhalter hielten. Glücklicherweise war mein Feind, der Verkäufer, nicht da. Wohl aber eine Kassiererin, die sich selber für sehr nett hielt.
"Sie Armer", sagte sie kopfschüttelnd. "Nehmen Sie doch ein Tütchen!"
"Nein danke", sagte ich und schaufelte die Nüsse mit beiden Händen aufs Förderband, während sich um mich herum Gelächter erhob, "es geht auch so!"
"Also, hören Sie", sagte die Verkäuferin und streckte mir ein Tütchen hin. "Nehmen Sie doch!"

Mark Spörrle ist ZEIT-Redakteur und schreibt satirische Geschichten über den irrwitzigen Alltag; lesen Sie hier weitere Folgen seiner Kolumne.
Ich spürte, wie meine Kehle trocken wurde und mir der Schweiß auf die Stirn trat.
"Können Sie mir vielleicht helfen?", sagte ich schnell.
Und da sah ich es. Einen Moment, nur einen winzigen Moment lang, lag etwas wie Angst in ihrem Gesicht.
"Aber ich bitte Sie", lachte sie auf. "Das ist doch ganz einfach! Kinderleicht!"
"Ach ja?", erwiderte ich mit schneidender Stimme. "Kinderleicht? Dann los, bitte! Öffnen Sie mir doch bitte dieses Tütchen! Öffnen Sie es! Oder – können Sie es etwa nicht?"
Verunsichert griff sie nach dem Tütchen.
Es klappte nicht.
Sie schaffte es nicht!
Triumph stieg in mir auf, ich riss ihr das Tütchen aus der Hand, öffnete es mit einer einzigen schnellen Handbewegung, sprang aufs Kassenband und fiel in das schallende Gelächter der anderen Leute ein.
Ich lachte so laut, dass ich aufwachte.
"Du solltest deine Tütenneurose aber nun wirklich mal untersuchen lassen", sagte meine Liebste.
- Datum 04.09.2009 - 21:46 Uhr
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- Serie Irrwitz der Woche
- Quelle ZEIT ONLINE, 28.4.2009
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falsche einstellung.
die dinger merken, wenn man angst hat ...
Wer Schwierigkeiten hat, diese Plastiktüten zu öffnen, sollte einfach mal seine Finger befeuchten und dann die Tüte zwischen den feuchten Fingern reiben, dabei trennen sich die beiden Seiten der Tüte meistens sofort.
Upps, das Problem kenne ich auch. Wobei die durchsichtigen Plastiktütchen meist noch einfacher zu öffnen sind als manche Plastiktüte an der Kasse.
Es gibt noch andere mit diesem Problem...
[entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion; svb]
"Wäsch dir ändlisch dei Babb-Finger" sagt die Mutti zum Kleinkind nachdem es sich die Marmelade schon abgeleckt hat Warum? Ist doch alles schon sauber. Hat Mutti mich nicht mehr lieb?
So entstehen frühkindliche Störungen, die sich später, wenn keiner mehr was zu sagen hat, erst voll entwickeln: Händewaschen - no way. Morgens nicht. Abends nicht. Weder vor oder nach dem Essen. Nach dem Klo schon überhaupt nicht.
Gelangt ein derart Frühgeschädigter dann in die Polyäthylen-Branche so ist globales Unheil vorprogrammiert.
Jetzt werden alle Reinlichkeitsfinken brutalst abgestraft z.B. mit Tüten, die sich ohne "Babb-Finger" nie im Leben öffnen lassen.
Mit was?? Die einzigen beiden Möglichkeiten, die mir spontan einfallen, sind sehr unhygienisch.
Aber warum haften die Plastiktüten eigentlich so penetrant aneinander?
Endlich stellt sich ein Mann dem Thema.
Herr Drösser bitte helfen Sie!!!
Ich kenn das auch recht gut. Am schlimmsten ist es aber ab da, wo ich kurz unaufmerksam war, nachdem ich die Tüte schon abgerissen habe, und dann nicht mehr weiß wo unten und oben ist, sprich auf welcher Seite sich das Ding überhaupt öffnen sollte :S
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Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
wirklich nicht? Nicht mal, wenn kein Auto kommt?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Gar nicht.
Jedenfalls mache ich es nicht, sondern gehe immer ueber die Strasse wenn da wenig/kein Verkehr ist. Ob die Ampel rot, gelb oder gruen ist.
Man ist doch dumm, wenn man entweder nichts dort oben drin hat, oder sich solch dummen Vorschriften (eine Art anderer Zensur) beugt.
wirklich nicht? Nicht mal, wenn kein Auto kommt?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Gar nicht.
Jedenfalls mache ich es nicht, sondern gehe immer ueber die Strasse wenn da wenig/kein Verkehr ist. Ob die Ampel rot, gelb oder gruen ist.
Man ist doch dumm, wenn man entweder nichts dort oben drin hat, oder sich solch dummen Vorschriften (eine Art anderer Zensur) beugt.
Oh man...ein Artikel wie in das Leben schreibt mit allen höhen und tiefen... der aus wahrer Lebenserfahrung spricht. Ich spüre das... ja wirklich !
Ohhh,... wie ich diese Tüten...+"*ç%. äh, ja ich liebe Sie nicht... nein, ich habe andere Freunde in meinem Leben, aber bestimmt nicht diese Plastiktüten... um das Geld ausgeben zu vereinfachen klebe ich falls möglich die Preisetikette direkt auf's Gemüse oder Obst. Ist eh einfacher wenn die and der Kasse nur einen Apfel über den Scanner ziehen müssen...
...und die Etiketten kleben auch an nur einem Radieschen
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
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