Belletristik Jenseits der Pyramiden
Der Nobelpreisträger Nagib Machfus schrieb zu Lebzeiten vom Ägypten im Wandel, von der Re-Islamisierung und dem Sozialismus. Sein Roman "Karnak-Café" ist nun erstmals auf Deutsch erschienen.
Nagib MachfusKarnak-CaféBelletristikUnionsverlag200912814,90Wer an Ägypten denkt, dem fallen meistens Pyramiden und Pharaonen ein, aber kaum Nagib Machfus, den ersten und bis heute einzigen arabischen Literaturnobelpreisträger. In Ägypten ist das anders: Der bürgerlichen Mittelschicht gilt Machfus, der 2006 im Alter von 94 Jahren gestorben ist, als Vater des ägyptischen Romans. Die Islamisten hingegen schmähen ihn, weil er sich unermüdlich für Demokratie, Freiheit und die Frauenrechte eingesetzt hat. Nur mit knapper Not überlebte er 1994 einen religiös motivierten Mordanschlag. Die vorislamische Pharaonenzeit dagegen ist für die Mehrheit der Ägypter, die religiös geprägt sind, uninteressant.
Der Züricher Unionsverlag, der das Gesamtwerk von Machfus auf Deutsch betreut, hat jetzt seinen 1971 fertiggestellten Roman Karnak-Café herausgegeben. Es ist ein Buch, das Machfus unmittelbar unter dem Eindruck der Niederlage Ägyptens im Sechstagekrieg 1967 geschrieben hat. Eine Niederlage gegen den Nachbarn Israel, deren Folgen bis heute den gesamten Nahen Osten prägen. Anhand des Schicksals einzelner Personen, ihrer Hoffnungen, ihrer Liebesbeziehungen und ihrer Freundschaften beschreibt Machfus lebendig die Atmosphäre im Ägypten jener Zeit.
Das Karnak-Café wird von der ehemaligen Tänzerin Korunfula geleitet. Hier versammeln sich junge und alte Männer des Viertels, trinken Kaffee und diskutieren die Probleme des Alltags. Vor allem die jungen Studenten prägen mit ihrem Elan die politische Diskussion. Fast alle sind Anhänger der Revolution Gamal Abdel Nassers, der seit 1952 einen blockfreien Sozialismus in Ägypten aufzubauen versucht. Aber sie sind auch Kritiker der Repressionen, die mit Nassers politischem System verbunden sind. Als die Studenten plötzlich verschwinden, ist schnell klar, dass sie verhaftet wurden. Als sie nach ein paar Wochen wieder im Café auftauchen und der Erzähler herausfinden will, was passiert ist, spricht zunächst niemand darüber. Erst nach und nach erfährt er, dass sie in der Haft gefoltert wurden.
Nagib Machfus erzählt mit einfachen Mitteln eine spannende Geschichte. Vorurteilslos und mit viel Wärme beschreibt er seine Figuren. Korruption und Verrat werden nicht platt in die Schublade des Bösen geschoben, sondern in vielen Facetten geschildert. In der Orientierungslosigkeit nach dem Zusammenbruch der Hoffnungen, die viele Ägypter mit Nasser verbunden hatten, lässt sich leicht der Boden für die Re-Islamisierung der ägyptischen Gesellschaft erkennen. Dabei schienen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre noch viele Möglichkeiten offen zu sein. Andererseits waren schon damals Korruption und Verrat gang und gäbe, entgegen den Idealen der jungen Nasser-Anhänger in Kurunfulas Café.
Manche erzählerische Wendung wird der heutige Leser nicht nachvollziehen können. Der Auftritt des Geheimdienstoffiziers im Café, der für die Folterung und den Tod eines der Studenten verantwortlich ist, klingt unglaubwürdig. Doch kommt es einem bekannt vor, wenn eine Frau von diesem Menschenschinder sagt: "Dabei sieht er ganz normal aus, wie ein Universitätsprofessor oder ein ehrwürdiger Scheich." Viele SS-Männern haben einen ähnlichen Eindruck gemacht und mussten – wie auch dieser Geheimdienstoffizier – für ihre Verbrechen nur ein paar Jahre ins Gefängnis.
- Datum 07.04.2009 - 11:35 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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