Der Himmel über Berlin-Schöneberg zeigt grau. Die Zettel in Eila Schwedlands Hand zauselt ein kalter Frühlingswind. Wer ihr näher als drei Meter kommt, dem streckt die 19-Jährige einen davon entgegen. Die zwei Mädchen neben ihr halten gerahmte Fotos vor der Brust, von Gret Palucca, der Ballettikone aus Dresden, und ihrem Gartenhaus auf der Ostseeinsel Hiddensee. Sie könnten Paluccas Urenkelinnen sein, schließlich wurde die Tänzerin bereits 1902 geboren. In fünf Stunden soll das Grundstück unter den Hammer kommen einen neuen Eigentümer finden.

Das schwarz gekleidete Trio protestiert stumm. Ursprünglich wollten die Mädchen eine Tanzperformance zeigen. "Wir wollen nicht tanzen", sagt Eila Schwedtland nun. Nicht unter diesen Umständen, denn die Behörde hat ihnen verboten, vor dem Portal des Schöneberger Rathauses zu stehen. Es ist Flohmarkt. Die Trödler mit ihren Tischen, ihren Ständen und Kisten voller Klimperkram, den Büchern, Schallplatten, Lampen und Klamotten sind wichtiger als der Protest.

Derweil ringt im Rathaus, zweite Etage, großer Saal, die Tanzkunst mit dem Kapital.

Im geschlossenen System der DDR hatte jeder irgendwann mal von Palucca gehört. 1993 in Dresden gestorben, ist sie bis heute die Sasha Waltz des Ostens. Im Sommer wohnte die Dresdnerin auf der Insel Hiddensee, dem Refugium der Mauerland-Kreativen. Auf die autofreie Insel zog sich die DDR-Boheme zurück, um zu denken, zu reden, zu feiern, unbeobachtet von den Herrschenden in Ostberlin. Nahe Steilküste und Strand lebte hier Gerhart Hauptmann, arbeitete Albert Einstein, handelt Christoph Heins "Tangospieler".

Die Palucca-Schüler wollten, dass die Ämter das brüchige Haus an der Küste zum Baudenkmal erklären und Kunstgeschichte vor dem Zerfall bewahren. "Für uns ist es ein Denkmal", sagt Eila Schwedtland. Doch sie waren zu langsam. Das, was jetzt von Paluccas Sommerresidenz noch übrig ist, konnte man vor ein paar Tagen in den Zeitungen sehen: Ein Haufen Trümmer, zusammengeschoben von einem eilig bestellten Bagger. Land mit einem Baudenkmal darauf ist weit weniger wert als eines ohne. Das wusste auch der Eigentümer, ein Berliner Professor, der das Filetstück heute im Schöneberger Rathaus versteigern lässt.

Nichts war illegal an dem Abriss. Der Mann hatte die Erlaubnis des Bauamtes in Bergen, erklagt durch die Instanzen hindurch, über fast zehn Jahre hinweg. Doch für Paluccas Verehrer wäre ein Hotel oder Ferienhaus, errichtet an der Stelle, wo die Tänzerin einst die warmen Tage verlebte, ein Albtraum. In der Bodenplatte würden die Seelen der Mädchen mit einbetoniert. Deshalb trotzen sie dem kalten Berliner Wind und verteilen Zettel.

"Wir hoffen, dass sich heute kein Käufer findet", sagt Eila. Vielleicht erwürbe den Boden jemand, der Paluccas Erbe verbunden ist? Der Förderverein der Ballettschule bekam in drei Wochen 50.000 Euro zusammen. Viel zu wenig, um das Grundstück zu kaufen, das Startgebot liegt bei 398.000 Euro. Die Mädchen hoffen auf einen Retter, einen weißen Ritter, der das Gartengrundstück samt Trümmern aufkauft wie ein Pleiteunternehmen.

Passanten hören, nicken verständnisvoll  und schütteln den Kopf, bevor sie sich trollen. Der Packen Zettel in Eila Schwedtlands Hand ist dünn geworden.  Fördervereinschef Konrad Hirsch hatte 500 Info-Zettel kopiert. "Wir haben nicht stark genug darauf hingewiesen, dass das Haus Denkmalwert hat", sagt er. "Wir haben nicht genau genug darauf hingewiesen", präzisiert Heidrun Müller, eine Dresdner Pensionärin mit randloser Brille und schwarzfarbenem Haar, die einst bei Palucca tanzte. Nicht hingewiesen? Ungenau? Unpräzise? Palucca wäre das wohl nicht passiert. "Sie hat nie eine Entschuldigung angenommen", sagt Müller. "Sie verlangte eine Erklärung." Palucca war Vermittlerin einer Weltanschauung, einer Lebenshaltung, von Prinzipien, Tugenden. "Wenn man ihr begegnete, trat ein Lächeln auf das eigene Gesicht", schwärmt die ehemalige Schülerin und strafft ihre Haltung.