Urteil gegen Fujimori Ex-Präsident von Peru schuldig gesprochen
Fast 10 Jahre hat Alberto Fujimori in Peru geherrscht. Am Dienstag wurde er von einem Gericht in Lima für Verbrechen einer Todesschwadron verantwortlich gemacht

© ERNESTO BENAVIDES/AFP/Getty Images
Perus Ex-Präsident Alberto Fujimori ist von einem Gericht in Lima wegen Menschenrechtsverletzungen für schuldig befunden worden. Er hat noch immer Anhänger, wie hier in einem Armenviertel von Lima
Der Abstieg eines Politikers lässt sich oft an seinem physischen Verfall erkennen. Ein abdankender Patriarch verliert Gewicht, wird kleiner, sein einst eiserner Wille zeigt innere Brüche. Gelegentlich verrät ihn sein Blick. Doch für Alberto Fujimori, den peruanischen Ex-Präsidenten, der am Dienstag wegen Menschenrechtsverletzungen während seiner Amtszeit schuldig gesprochen wurde, scheint dies nicht zuzutreffen.
Journalisten, die ihn während der vergangenen 19 Jahre – der Zeit des Auf- und Untergangs dieses Patriarchen – begleitet haben, vermögen heute nur eines zu berichten. Der Mann ist immer derselbe geblieben: kalt, sein Gesicht ausdruckslos, sein Denken undurchschaubar.
In der ersten Jahren seiner Amtszeit in den frühen 1990er Jahren war er populär und erfolgreich. Viele beunruhigte schon damals der finstere Ausdruck seines Charakters, die "nach innen wirkende Ausstrahlung" des Mathematikbesessenen – wie selbst ein Mitglied seines Stabs ihn einmal beschrieb. Als Fujimori das Urteil der drei Richter des Menschenrechtstribunals in Lima hörte, überraschte es daher nicht, dass der Mensch nicht zusammenbrach. Er kritzelte auf einem Blatt Papier, den Blick nach unten gerichtet, und atmete betont ruhig ein und aus.
Das historische Urteil gegen den ehemaligen Präsidenten Perus liegt nun vor. Für 25 Jahre soll er ins Gefängnis. Nach 15 Monaten, 160 Sitzungen und dem Verhör von mehr als einhundert Zeugen hält das Gericht Fujimoris Mitverantwortung an zwei Massakern und zwei Entführungen für bewiesen. Es handelt sich um Gräueltaten, die Fujimori mithilfe seines Stabs und paramilitärischer Organisationen – so die Ansicht des von drei Richtern besetzten Sondertribunals – während seiner Amtszeit in den Jahren 1990 bis 2000 begangen haben soll.
Der Prozess gegen den "berühmtesten Gefangenen" Perus begann am 10. Dezember 2007. Bei seiner Verteidigung versuchte der Angeklagte die Öffentlichkeit rhetorisch von der Legitimität seines Handelns als Präsident zu überzeugen; doch es half ihm wenig. Noch am Vorabend seiner Verurteilung pflegte er zu behaupten: "Während meiner Präsidentschaft haben wir die Menschenrechte von 25 Millionen Peruanern beschützt."
Das Urteil wurde um neun Uhr morgens Ortszeit vorgelesen, lediglich drei Tage nachdem sich der 70-Jährige in zwei Sitzungen selbst verteidigt hatte. Über 700 Seiten umfasste die Erklärung der Staatsanwälte – sie erläutert seine Verantwortung für die Ermordung von 25 Menschen in den Massakern von Barrios Altos (1991) und La Cantuta (1992) sowie für die Entführung des Unternehmers Samuel Dyer und des Journalisten Gustavo Gorriti im Laufe des Putsches vom 5. April 1992.
15 Menschen, darunter ein achtjähriges Kind, starben am 3. November 1991 im Kugelhagel einer der blutigsten Episoden der Vernichtungswelle, die zu Zeiten von Fujimoris Anti-Terror-Krieg ganz Peru erschütterte. Die Opfer hielten sich auf einem Grundstück im Limaer Distrikt Barrios Altos auf, als sie von Mitgliedern der paramilitärischen Colina-Gruppe überrascht wurden. Kein Jahr war vergangen, als am 18. Juli 1992 neun Studenten und ein Dozent der Universidad Nacional de Educación, auch bekannt als "La Cantuta", entführt und getötet wurden. Es handelte sich um die letzte einer Reihe von acht Vernichtungsoperationen der Colina-Gruppe. Durch diesen Fall kam zutage, dass Militärs des Geheimdienstes (SIE) die Massaker geplant hatten.
Die Limaer Richter sind der Ansicht, dass Alberto Fujimori, der sich als Präsident der Republik an der Spitze der Befehlskette des Verteidigungsministeriums befand, Mitverantwortung für diese Massaker trug. Es sei schwer sich vorzustellen, dass eine paramilitärische Gruppe wie Colina, die innerhalb der Hierarchie des Militärs entstanden war, ohne das Wissen des Präsidenten und Obersten Befehlshabers existieren konnte.
Der bis dahin nahezu unbekannte Agrarwissenschaftler Alberto Fujimori war am 28. Juli 1990 an die Macht gekommen und bald unter dem Spitznamen "El Chino" ("Der Chinese") populär geworden. Nach einem aggressiven Wahlkampf hatte er den berühmten Romancier Mario Vargas Llosa in der Stichwahl besiegt. Er bekam ein Land, das von Korruption und dem Terror der Rebellengruppe Leuchtender Pfad schwer angeschlagen war. Mit den Versprechen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, die staatlichen Organe zu bereinigen und die Guerrilleros zu vernichten, begann vor 19 Jahren ein berüchtigtes Regime der jüngsten lateinamerikanischen Geschichte.
Sieben Jahre später – und bereits mit zahlreichen Vorwürfen belastet – bewarb sich Alberto Fujimori um die Wiederwahl. Ein Zeitungsbericht brachte ihn in Bedrängnis: Der Präsidentschaftskandidat hat vermutlich mehr als eine Million Unterschriften fälschen lassen, um eine unabhängige Partei zu gründen. Er gewann die Wahl, doch wenig später wurde es eng für den Präsidenten. Etliche Dokumente belasteten ihn und seinen Stab; sein engster Vertrauter Montesinos floh an Bord eines Schiffes in die Karibik. Schließlich musste auch er fliehen: Während einer Reise zum Gipfel der APEC in Brunei flog er nach Tokio und blieb dort – Fujimori besitzt die japanische Staatsbürgerschaft. Er verkündete seinen Rücktritt per Fax.
Ende 2006 reiste er nach Chile, um eine neue politische Kampagne einzuläuten, wurde jedoch von den chilenischen Behörden festgenommen und ein Jahr später an Peru ausgeliefert. Nun hat ihn das Gesetz eingeholt.
- Datum 08.04.2009 - 09:54 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE 7.4.2009 - 21:30 Uhr
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