Wenn zwei Menschen jeweils einen Apfel haben und diesen tauschen, hat immer noch jeder einen Apfel. Wenn zwei Menschen jedoch jeweils eine Idee haben und diese tauschen, haben beide zwei Ideen. Mit diesem Bild von George Bernhard Shaw eröffnete der Schriftsteller Peter Glaser seinen Vortrag auf der Berliner Konferenz  re:publica. Das Internet sei eine Ideentauschbörse par excellence. Doch mehr Ideen schaffen zugleich auch mehr Probleme. Glaser ist auch Ehrenmitglied im Chaos Computer Club und seit Jahren ein scharfsinniger Beobachter des digitalen Wandels. Er sagt, ein Reichtum an Problemen könne auch einen Reichtum an Kultur bedeuten. Intelligente Lösungen sind daher gefragt.

Eines der Probleme sei der Angriff auf das Individuum und die Privatsphäre. Staat und Unternehmen versuchten, Bürger und Mitarbeiter stärker zu kontrollieren, gerade im Netz. Der Datenskandal bei der Deutschen Bahn ist das jüngste Beispiel, Schäubles Vorratsdatenspeicherung ein anderes. Interessanterweise reagierten viele im Netz nicht durch einen Rückzug in die Anonymität. "Unsere Gesellschaft scheint von der unbändigen Lust an der Geheimnislosigkeit gepackt zu sein", sagt Glaser.

In sozialen Netzwerken, über Twitter oder in Blogs wird freizügig und regelmäßig über Befindlichkeiten, den Beziehungsstatus oder den Ärger mit dem Chef berichtet. Forscher haben herausgefunden, dass diese "schwachen Bindungen", die dort entstehen, sehr wohl eine positive soziale Funktion haben können. Sie versorgen die Nutzer mit neuen Perspektiven, die der enge Freundeskreis nicht bietet. Dort kennt man sich einfach schon zu gut.

Wir leben in einer Zeit des Übergangs, sagt Glaser. Und dieser sei gekennzeichnet von einer Beschleunigung, die vielen Angst mache. Allgegenwärtig sind die Klagen über die "Geistesmülllawinen", die durch das Internet wabern sollen. Doch Glaser ist kein Internetpessimist. Im besten Fall schaffe die Netzgemeinde schnell und unbürokratisch Abhilfe: FAQs helfen Neulingen in Foren und Communitys, ehrenamtliche Moderatoren filtern Beiträge, die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist ein Beispiel für ein gelungenes Gemeinschaftsprojekt.

Wohin wird die Reise gehen? Neue Netze schaffen neue Möglichkeiten, Glaser beschreibt das mit einem Rückgriff auf das alte Ägypten und die Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Wissen wird plötzlich für viele zugänglich und so der Nährboden der Revolution. Dazu sei es aber notwendig, dass das Projekt der Aufklärung engagiert weiter betrieben wird. "Die Globalisierung der Dummheit macht erstaunliche Fortschritte", sagt Glaser. Sich Wissen anzueignen bleibt anstrengend, egal, wie zugänglich es ist. Das Internet ersetze schließlich nicht das Lesen und Nachdenken.

Glaser sagt, dass sich besonders die Meinungskultur fundamental ändern werde. Die "Medienaristokratie" verliert ihre Vormachtsstellung. Die Position der Mediennutzer wird nicht mehr nur in handverlesenen Leserbriefen sichtbar, im Internet kann jeder kommentieren, ungefiltert, streitbarer, freier.