Rote-Khmer-Prozesse "Die Opfer zeigen uns die Massengräber"

Jetzt sprechen die Opfer: Youk Chhang, Leiter des Zentrums zu den Verbrechen der Roten Khmer, über den Prozess gegen die Täter, den Zorn der Gefolterten und das Grauen

Im Document Center of Cambodia (DCCam) wird der Genozid an den Kambodschanern in der Pol-Pot-Ära dokumentiert und erforscht. Der Politologe Youk Chhang leitet das Dokumentationszentrum. Er selbst war als Kind von den Roten Khmer in einem Folterlager inhaftiert worden. Susanne Mayer hat mit Youk Chhang in Phnom Penh gesprochen.

ZEIT ONLINE: 30 Jahre sind vergangen seit dem Mord an zwei Millionen Menschen. Zwei Jahrzehnte hat es beinahe gedauert, bis die Entscheidung für ein Tribunal fiel. Vor drei Jahren nahm das Gericht die Arbeit auf. Jetzt steht Duch, der Leiter des Folterzentrums Tuol Sleng, vor Gericht. Sind Sie zwischendurch mal ungeduldig geworden?

Youk Chhang: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube an Strafverfolgung. Aber das Tribunal ist nicht alles für mich. Es geht hier um Geschichte. Darum, wie wir uns mit diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit auseinandersetzen. Was die Jugend von uns in dieser Hinsicht lernen wird. Das Gericht tut seinen Job, und ich tue meinen. Mein Job ist es, Informationen über die Ära der Khmer Rouge zu sammeln, sie zu verteilen, zur Verfügung zu stellen – den Ermittlern, den Richtern, den Verteidigern. 80 Prozent von dem, was wir gesammelt haben, liegt jetzt bei Gericht. Was es damit macht, in welcher Zeit, ist seine Angelegenheit. Das Gericht ist unabhängig.

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ZEIT ONLINE: Ohne Ihre Arbeit könnte das Gericht dieses Verfahren nicht durchführen. Seit zwölf Jahren sammeln Sie Material über die Verbrechen der Roten Khmer – wie eigentlich?

Youk: Als wir 1995 anfingen, gab es viele Herausforderungen. Eine war politisch. Die Leute hätten einem damals nicht die Hand gegeben, weil es politisch hätte aussehen können. Die Roten Khmer standen noch im Dschungel. Es war noch Teil der internationalen Agenda, die Khmer Rouge zu unterstützen. Es gab kein Geld, es gab gar nichts. Wir hatten auch ein Sicherheitsproblem. Die ganze Zeit über kamen anonyme Drohungen. Man schickte uns die Polizei auf den Hals und bemühte die Gerichte …

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich gewehrt?

Youk: Wir haben alles dokumentiert und unserem Material zugeführt (lachend).

ZEIT ONLINE: Wer ist wir?

Youk: Das war damals nur ich.

ZEIT ONLINE: Wie konnte das erfolgreich sein, einer gegen die Roten Khmer?

Youk: Es gab bald Freiwillige. Und natürlich waren die Opfer auf unserer Seite. Die Opfer haben mit uns gesprochen. Sie sind zu uns gekommen. Im übrigen, nicht zu vergessen, es gibt zwei Millionen Geister in Kambodscha, die uns schützen.

ZEIT ONLINE: Das ist eine sehr buddhistische Sicht auf die Katastrophe.

Youk: Die Opfer sind unsere wichtigste Ressource. Die Opfer sagen uns, wo wir hingehen sollen, sie zeigen uns die Massengräber, sie reden mit uns. Das Schlimmste, was sie uns erzählen, zu Gehör zu bringen, das ist unsere Aufgabe. Die Opfer schicken uns jeden Tag neues Material, hier, ein Packen mit Fotokopien von Dokumenten, noch gar nicht ausgepackt, aus Paris. Aus Japan kamen vor wenigen Tagen diese Fotos, hier.

Schwarz-Weiß-Fotos. Ein Toter liegt auf lehmigem Boden, die Beine gespreizt, dazwischen eine Blutlache, die zu den Seiten des Fotos verläuft. Körper in Gruben. Lachende Khmer Rouge. Verkohlte Körper. Eine schreiende Frau und ein schreiendes Kind, in Nahaufnahme. Ein Khmer Rouge im schwarzen Anzug hält etwas hoch, das wie ein Kinderbein aussieht, an dem noch ein Stück des Körpers hängt.

ZEIT ONLINE: Woher stammen die Bilder?

Youk: Das ist eine lange Geschichte. Eine Frau zog in Japan in ein Gebäude, in dem vorher eine Vertretung der kambodschanische Regierung war, dort hat sie die Bilder gefunden und uns geschickt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie nicht Angst, jemand könnte versuchen, ihr Material zu vernichten?

Youk: Wir haben ein sechsfaches Backup-System. Für jedes Dokument, was hier reinkommt, gibt es eine Nummer, es wird digitalisiert, gibt es Backups – in den USA, in England und hier ... Wer diesen Ort überfällt, muss das an sechs anderen Orten wiederholen (lacht).

ZEIT ONLINE: Viele der Mörder waren kaum älter als Kinder. Was ist ein Opfer, wer ist ein Täter?

Youk: Also, ich finde, wenn man jemanden tötet, dann ist man kein Opfer, oder? Beides zugleich geht nicht. Jemand kann ein Opfer sein und dann ein Täter werden. Ich kann Khmer Rouge sein und trotzdem ich sein. So ist das, Verbrechen werden von Menschen begangen. Wenn Sie jemandem schaden, sind Sie ein Täter und sollten vor Gericht gestellt werden. Was jemandem vorher passierte oder hinterher, ob einer gefoltert wurde oder im Gefängnis war, das macht ihn zum Opfer dieser Umstände. Aber nicht jeder kann sagen, ich bin ein Opfer, denn ich habe Familienmitglieder verloren. Das ist bedeutungslos.

ZEIT ONLINE: Fast alle Kambodschaner haben Familienmitglieder verloren. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist umgekommen, es betrifft jeden.

Youk: Es macht einen Killer nicht weniger zum Killer, dass er selber Angehörige verloren hat.

ZEIT ONLINE: Es gab rund zwei Millionen Toten. Und wie viele Mörder? Ist es angemessen, nur fünf Leute anzuklagen?

Youk: Es ist ein heikles Thema. Was sollte die Botschaft eines solchen Verfahrens sein? Doch dies: Jeder, der ein Verbrechen begangen hat, wird angeklagt. Niemand dürfte mehr sagen können: Hier kommt ein Krimineller davon. Keiner sollte sagen dürfen: Jemanden umzubringen ist nicht so schlimm, solange es nicht gleich zwei Millionen sind. Es geht doch darum, dass die Vereinten Nationen hier die Basis für einen Prozess gelegt haben, den die Kambodschaner in den nächsten 15 Jahren oder so selber weiterführen müssen.

ZEIT ONLINE: Das sind hochgestellte Erwartungen. Das kambodschanische Gesetz musste erst entwickelt werden, um zusammen mit internationalem Recht als Basis für dieses Verfahren dienen zu können. Es gibt gegenüber dem kambodschanischen Rechtssystem Vorwürfe der Korruption, die bis in den Sondergerichtshof ECCC hineinragen.

Youk: Es ist ein langer Weg. Irgendwo muss man losgehen. Das wichtige ist: Der ECCC hat alles, um das Model für eine unabhängige Gerichtsbarkeit zu liefern. Und er hat die Unterstützung der Bevölkerung. Fünf Leute sind angeklagt, jeder kennt sie. Jeder weiß, welche Verbrechen sie begangen haben. Jetzt bedarf es eines endgültigen Urteils, und wir können zu anderen Dingen übergehen.

ZEIT ONLINE: Also fünf Verurteilte und Schluss?

Youk: Wenn das Gericht noch mehr anklagt, wer weiß, was dann passieren würde. Die ehemaligen Khmer-Rouge-Anführer sind zwischen 70 und 80 Jahre alt. Wenn die Angeklagten sterben, verliert das Verfahren das Interesse der Öffentlichkeit. Ohne die Unterstützung der Leute aber ist es ohne Bedeutung. Es hat 50 Millionen Dollar gebraucht, den Prozess gegen Duch eröffnen zu können, man benötigt tausende von Dokumenten, man braucht Gefängnisse und Wärter. Duch hat gestanden. Aber wenn Sie fünf weitere Täter anklagen wollen, wer wäre bereit, noch ein paar Millionen Dollar mehr dafür zu zahlen? Lassen Sie uns den Sondergerichtshof als eine Übung ansehen, als Model für die kambodschanische Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Welche Wirkung hätte dieses Modell bisher gehabt?

Youk: Die Leute reden heute offen über die Vergangenheit. Sie spüren diese Freiheit des Ausdrucks…

ZEIT ONLINE: … die Bestandteil der Menschenrechte ist…

Leser-Kommentare
    • TDU
    • 06.04.2009 um 19:43 Uhr

    Aber die Linke in Deutschland hat davon nie etwas wissen wollen. Genau wie Stalin notwendig war, und die Solidarnosc den Frieden und die Ordnung gefährdete. Es zeigt einfach, dass eine Menge deutscher Intellektueller die Freiheit nicht geschätzt haben, wenn die vermeintliche Richtung stimmte.

  1. "ZEIT ONLINE: Das klingt im Land der Stromausfälle nach einer großen Freundschaft. Es gibt auch Studien, die besagen, dass immer weniger Menschen sich erinnern, und die jungen Leute gar nichts glauben wollen, was man ihnen über die Khmer Rouge erzählt.

    Youk: Alle jungen Leute in der ganzen Welt wollen nichts glauben. Junge Leute in aller Welt wollen losziehen, DVDs einkaufen und Spaß haben. Sie sind jung! Erinnern Sie sich, wie das war, als wir 16 waren? (dröhnendes Lachen)."

    das kann auch nur ein westlicher Journalist fragen! glauben sie, die meisten unserer (deutschen und österreichischen) Jugentlichen interessieren sich für den 2. Weltkrieg und Auschwitz?? das hat Youk Chhang ja richtig erkannt! (ich denke, dass ist der Grund, warum ich nicht Publizistik studiert habe, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, dumme Fragen stellen zu müssen:))

    Gernot

  2. Der eine muß politische Etiketten kleben, der andere beglückwünscht sich zu seiner Nichtberufswahl. Merken Sie beide eigentlich noch irgendwas?

    zunächst @TDU - das können Sie vergessen. Ich z.B. bin in manchem meiner Weltanschauung links - in Kambodscha war ich oft und habe mich mit der jüngeren Geschichte des Landes einigermaßen gründlich auseinander gesetzt. Darum kommt man dort auch gar nicht herum. Die Zeit der Khmer Rouge ist allgegenwärtig. Ob das die Abwesenheit einer Elite ist (Elite bedeutet hier auch z.B. Handwerker), ob das völlig fehlende Vertrauen zueinander über den Rahmen der Familie hinaus, ob ganz allgemein das allgegenwärtige Postbürgerkriegsleben, Minenopfer, Nutten, die massive Gewalttätigkeit und mangelnde Rechtstaatlichkeit in Phnom Penh, die große Armut auf dem Land, die Kinderprostitution, die Allgegenwärtigkeit wie die teilweise große Fragwürdigkeit der westlichen Helfer, übergebliebene französische Legionäre, auffällig viele psychisch Kranke, Verstümmelte, ums Überleben Kämpfende undundund - man kommt nicht darum herum. Sie von hier aus offensichtlich schon. Ich versichere Ihnen, politische Meinung spielt bei der Auseinandersetzung eine mehr als untergeordnete Rolle.

    Damit zu Ihnen, @0305267 - stimmt genau - im Land der Stromausfälle ist jemand, der sie ohne immense Korruptionszahlung behebt, ein Freund. Und - man wird froh über jeden cruisenden, unbeschwerten, fröhlichen Jugendlichen. Bitte nehmen Sie aber zur Kenntnis, in Deutschland und Österreich wurden nicht vor 30 Jahren von den eigenen Landsleuten ein Viertel der Bevölkerung bestialisch ermordet. Es gab hier keinen Bürgerkrieg. Können Sie den Unterschied verstehen?

    Da Sie beide offenbar nicht in der Lage sind, Ihre Aufmerksamkeit für fünf Minuten auf ein Interview zu lenken, faßt Ihnen Bernd Musch-Borowska die Lage des Landes und die Bedeutung der Prozesse nochmal kurz mündlich zusammen.

    Und zu Youk Chhang - sein Gewicht in Gold! Es ist hier wohl kaum nachvollziehbar, wie wichtig dessen Befragungen im Vorfeld der Prozesse waren. Ich habe von vielen Khmer gehört, wie heilend es von ihnen empfunden wurde, daß sich jemand für ihre Geschichte interessiert und sie aufschreibt, sie verwendet. Das ist übrigens auch das Wichtigste an den Prozessen gegen die Führer der Khmer Rouge - daß einige wenige von ihnen überhaupt angeklagt werden. Das rückt in Kambodscha die Welt ein kleines bißchen zurecht.

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    • TDU
    • 07.04.2009 um 11:20 Uhr

    Die Diskussion in den 1970iger Jahren war so, wie ich sie beschrieben habe. Ist halt meine Erfahrung. Umerziehungsprogramme wurden gutgeheissen und das In Haft bringen von mutmaßliche Intellektuellen akzeptiert.

    Wenn Sie diese Erfahrungen gemacht haben, freue ich mich über diese Informationen. Die Massenmorde liegen aber eben in den von mir beschriebenen Zeiten, falls ich mich nicht irre.

    Noch eine persönlche Anmerkung: Ich merke noch eine ganze Menge. Das persönliche Abwerten anderer Meinung durch persönliches Angreifen ist ja auch seit o. g. Zeiten Mode. Da halte ich es mit einem deutschem Schiftsteller: Links sein allein spricht weder für übergeordnete Intelligenz noch für die Richtigkeit der Schlussfolgerungen.

    • TDU
    • 07.04.2009 um 11:20 Uhr

    Die Diskussion in den 1970iger Jahren war so, wie ich sie beschrieben habe. Ist halt meine Erfahrung. Umerziehungsprogramme wurden gutgeheissen und das In Haft bringen von mutmaßliche Intellektuellen akzeptiert.

    Wenn Sie diese Erfahrungen gemacht haben, freue ich mich über diese Informationen. Die Massenmorde liegen aber eben in den von mir beschriebenen Zeiten, falls ich mich nicht irre.

    Noch eine persönlche Anmerkung: Ich merke noch eine ganze Menge. Das persönliche Abwerten anderer Meinung durch persönliches Angreifen ist ja auch seit o. g. Zeiten Mode. Da halte ich es mit einem deutschem Schiftsteller: Links sein allein spricht weder für übergeordnete Intelligenz noch für die Richtigkeit der Schlussfolgerungen.

  3. [Bitte machen Sie nicht übermäßig viel Werbung für Ihre eigenes Buch, indem Sie auf Ihre eigenen Leserartikel verlinken/ Redaktion; svb]

    • TDU
    • 07.04.2009 um 11:20 Uhr

    Die Diskussion in den 1970iger Jahren war so, wie ich sie beschrieben habe. Ist halt meine Erfahrung. Umerziehungsprogramme wurden gutgeheissen und das In Haft bringen von mutmaßliche Intellektuellen akzeptiert.

    Wenn Sie diese Erfahrungen gemacht haben, freue ich mich über diese Informationen. Die Massenmorde liegen aber eben in den von mir beschriebenen Zeiten, falls ich mich nicht irre.

    Noch eine persönlche Anmerkung: Ich merke noch eine ganze Menge. Das persönliche Abwerten anderer Meinung durch persönliches Angreifen ist ja auch seit o. g. Zeiten Mode. Da halte ich es mit einem deutschem Schiftsteller: Links sein allein spricht weder für übergeordnete Intelligenz noch für die Richtigkeit der Schlussfolgerungen.

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    von mehr Erfahrungen in Kambodscha lesen wollen, würde ich Ihnen gern den Leserartikel von Schwarzbart empfehlen. Ihrem Schlußsatz stimme ich zu, erlaube mir aber die Anmerkung, daß ich selbst, '63 geboren, kein Protagonist in den Diskussionen der 70er Jahre war. Ich fand, mit Verlaub, Ihre Anmerkung zum Interview mit Youk Chhang von 2009 deplatziert, Ihrerseits abwertend und habe mich darüber sehr geärgert.
    Ich bitte Sie um Verzeihung für meine Bemerkung, tut mir leid.

    von mehr Erfahrungen in Kambodscha lesen wollen, würde ich Ihnen gern den Leserartikel von Schwarzbart empfehlen. Ihrem Schlußsatz stimme ich zu, erlaube mir aber die Anmerkung, daß ich selbst, '63 geboren, kein Protagonist in den Diskussionen der 70er Jahre war. Ich fand, mit Verlaub, Ihre Anmerkung zum Interview mit Youk Chhang von 2009 deplatziert, Ihrerseits abwertend und habe mich darüber sehr geärgert.
    Ich bitte Sie um Verzeihung für meine Bemerkung, tut mir leid.

  4. von mehr Erfahrungen in Kambodscha lesen wollen, würde ich Ihnen gern den Leserartikel von Schwarzbart empfehlen. Ihrem Schlußsatz stimme ich zu, erlaube mir aber die Anmerkung, daß ich selbst, '63 geboren, kein Protagonist in den Diskussionen der 70er Jahre war. Ich fand, mit Verlaub, Ihre Anmerkung zum Interview mit Youk Chhang von 2009 deplatziert, Ihrerseits abwertend und habe mich darüber sehr geärgert.
    Ich bitte Sie um Verzeihung für meine Bemerkung, tut mir leid.

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