Musik im Theater "Die Beatles können furchtbar nerven"
Hochkultur umarmt Punk: Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen inszeniert Opern und Theaterstücke. Er erklärt, warum die Regisseure von heute die Popmusik so lieben

© picture-alliance/dpa
Schorsch Kamerun durchschaut den Theaterbetrieb
Seit 23 Jahren singt Schorsch Kamerun in seiner Punkband, den Goldenen Zitronen. Mittlerweile ist er allerdings vornehmlich als Regisseur im Autorentheater aktiv. Der gelernte KFZ-Mechaniker ohne Hauptschulabschluss arbeitet gerade mit dem Dirigenten Kent Nagano an der Münchner Staatsoper: Trouble in Tahiti wird im Juli Premiere feiern. Eines seiner Hörspiele wurde mit dem wichtigsten deutschen Hörspielpreis ausgezeichnet. Wenn das kein Spannungsfeld ist! Ein Blitzgespräch in der Kantine der Münchner Kammerspiele.
ZEIT ONLINE: Herr Kamerun, Sie bewegen sich zwischen Musik und Theater. Hat sich die Musik auf der Theaterbühne in den vergangenen Jahren verändert?
Schorsch Kamerun: Theater ist von Pop und Subkultur fasziniert und beeinflusst. Das liegt an der Direktheit, der Physis und nicht zuletzt an der Lautstärke von Rockkonzerten. Deshalb sind derartige Musikanten in der ersten Wahrnehmung äußerst attraktiv für andere darstellende Künstler. Natürlich ist das auch ein Missverständnis. Ich wurde anfangs oft gefragt: "Kann man so eine Kraft wie in deinen Konzerten nicht ins Theater übertragen?" Dabei erleben wir als Musiker selbst, was daran auch ständige Wiederholung und reiner Showgestus ist. Es ist nicht alles ungemein authentisch, nur weil es eine düstere Kellerclubaufführung ist. Es ist also eher die Sehnsucht nach dem "cool geleiteten Raum", die das Popereignis für die Theaterwelt interessant macht.
ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie zum Theater?
Kamerun: Einer meiner Texte für die Goldenen Zitronen wurde mal für ein Christoph-Marthaler-Stück verwendet. Etwas später sollten Rocko Schamoni und ich die Musik machen für eine Elfriede-Jelinek-Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus. Wir forderten eine Loge für uns und unsere Entourage, mit Bierfass und ohne Ende Cola-Rum zur Premiere. Das hat dann auch ganz gut funktioniert an dem Abend.
ZEIT ONLINE: Gelingt der Übergang von Musik zum Theater?
Kamerun: Es gibt durchaus inhaltliche Überschneidungen zwischen Subkultur und institutionellem Theater. Die Dinge, die mich bewegen, können hier genauso stattfinden. Theatermusik fand ich meistens grausam, wie sie oft nur dazwischen geschnitten war und keine andere Interpretation formulierte. Ein Beatles-Stück als purer Unterbruch kann furchtbar nerven. Nur wenn es musikalisch Sinn ergibt, kann es gut sein – Sprache hat eben mit Musikalität zu tun. Deshalb verstehe ich auch Schauspieler oft ganz gut auf dieser Ebene, denn sie müssen ihre Texte rhythmisiert transportieren. Das ist für mich als Sänger unserer Band ähnlich.
ZEIT ONLINE: Gibt es einen Fixpunkt, an dem sich die Verwendung von Musik auf der Bühne gewandelt hat?
Kamerun: Ich erinnere mich gut an Peter Zadeks Musical-Verschnitt Andi, mit den Einstürzenden Neubauten als Krachzwischenspiel. Das war eine Riesenprovokation, weil es den Neubauten um eine wirklich neue Lautstärke im Zusammenhang mit dieser Aufführung ging. Die "Ästhetik des Widerspruchs" war hier auf einem ersten Höhepunkt, da das eigentlich nicht zusammen passen sollte. Heute hingegen gehören die Dinge meist reibungslos zusammen. Solche Veränderungen dauern oft sehr lange. Theater ist ein geschützter Raum, das hat Vor- und Nachteile. Auf jeden Fall ist es langsamer, aber auch etwas verlässlicher und nicht so abhängig von Hypes.
ZEIT ONLINE: In Ihren Theaterstücken sind die Musiker oft in das Geschehen auf der Bühne integriert. Überhaupt sieht man dieses Prinzip mittlerweile häufig.
Kamerun: Ich überhöhe das gern, ich überzeichne die Stücke als Oper, Revue oder Musical. Weil ich naiv behaupte, dass ich von Vielem etwas verstehe. Das ist natürlich Halbwissen in alle Richtungen, aber mit der Musik kenne ich mich mindestens so gut aus wie mit dem Theater. Dadurch sind das automatisch keine parallelen Spuren. Heutzutage kennt sich ohnehin jeder mit allem aus. Dafür muss ich mich nicht mit Fragen beschäftigen, ob es Video im Theater geben darf oder nicht. Darüber wurde viel diskutiert, aber ich kann gar nicht so denken! Ich bin in dieser schnellen Bilderwelt sozialisiert, also bringe ich sie ein, wann ich will. Es geht da längst nicht mehr um einen provokanten Gestus.
ZEIT ONLINE: Ein Künstler trägt sein ganzes Leben mit sich herum. Aber muss der Regisseur deshalb immer gleich sein Lieblingslied integrieren?
Kamerun: Meist ist das ärgerlich. Es reicht nicht, einfach die Ebenen beliebig zu verkleben. Deshalb ist es sinnvoll, wenn das Theater sich Rat holt bei Leuten, die wissend kombinieren. "Geil! Ich will das radikal aufladen, also hau ich Anarchy In The UK von den Sex Pistols dazwischen." Das ist zu wenig. Das Symbol allein macht es nicht. Bewusste Selbststörungen können mehr erreichen, schließlich sitzen alle brav im Dunkeln, und vorn wird etwas "Erhellendes" aufgeführt. Es ist aber einstudiert und wird zigmal abgeliefert in feinster Wiederholung. Die Aufführung sollte sich bewusst stören lassen. Vorbereitung ist menschlich, aber wenn man sich dem Fehler nicht öffnet, kommt man letztlich nicht weiter.
ZEIT ONLINE: Böse Zungen behaupten, das Theater sauge einfach Sachen auf, die "draußen" funktionieren. Deshalb werden beispielsweise bekannte Musiker wie Sie angeheuert.
Kamerun: Aber das "draußen" ist doch gar nicht mehr das "Freie" oder "Andere". Was an Pop fremd und aufregend war, schreitet auf der Hauptstraße voran: Kein Café ohne coole Beats, keine Werbung ohne Jugendkultursymbolik. Da besteht natürlich die Gefahr, dass das Theater dem ungeübt nacheifert. Es gab den Trend, dass Theater Clubkultur machen wollte, um ein junges Publikum zu erreichen. Das funktioniert nicht einfach so, denn Popkultur ist äußerst sensibel und vor allem kurzlebig. Da sollte man sich auskennen, die Codes verstehen. Das ist ja nicht bloß eine spritzige Party, man grenzt sich bewusst gegen Anbiederung und Krampf ab. Vom Theater lasse ich mich dennoch freiwillig integrieren, denn ich fühle mich in seinen Möglichkeiten, aber auch in seinen Auseinandersetzungen ausgesprochen wohl.
ZEIT ONLINE: Und Sie müssen nicht unter einem Werbebanner spielen.
Kamerun: Man ließ mich sogar Schaumpartys in Jugendstilhäusern veranstalten, um ein Publikum von übermäßigen Informationsfluten reinzuwaschen.
Das Gespräch führte Sebastian Reier
Das Stück "M.S. Adenauer" von Schorsch Kamerun läuft derzeit am Schauspiel Köln.
Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Netzradio rund um die Uhr gibt's auf zeit.de/musik »
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.
- Datum 03.04.2009 - 16:35 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren