ZEIT ONLINE : Seit dieser Woche sind Sie so was wie der erste offizielle deutsche Ex-Vollzeit-Blogger . Warum hören Sie auf?

Christoph Schultheis : Hand aufs Herz, wie lange hätten Sie es gemacht? Aber im Ernst: Beruflich habe ich mich bislang mit nichts so lange und so intensiv beschäftigt, wie mit den journalistischen Abgründen der Bild -Zeitung. Offenbar aber war das, wie der bisherige Erfolg von bildblog gezeigt hat, nötig. Ich bedauere, dass ich jetzt nicht sagen kann: "Danke, es gibt nichts mehr zu tun, Bild ist wahlweise ein prima Boulevardblatt geworden oder unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle angekommen. Mission erfüllt!" Nein, es gab keinen konkreten Anlass, es wäre auch falsch, darauf zu warten. Ich halte Enthusiasmus oder, ganz pathetisch, bedingungslose Liebe zu dem, was man tut, für unabdingbar, wenn man etwas gut machen will. Das gilt auch im Journalismus. Wer das, aus welchen Gründen auch immer, nicht oder nicht mehr hinkriegt, sollte aufhören. Alles andere schadet dem Produkt. Das will ich nicht.

ZEIT ONLINE : Es gab unzählige Geschichten in den vergangenen viereinhalb Jahren, bei denen Sie Bild auf die Finger geschaut und Fehler oder Manipulationen aufgedeckt haben. Was nehmen Sie mit?

Schultheis : Ich mag keine Superlative, weder in der Bild- Zeitung noch in Interviews. Deshalb vielleicht dies: Ein Bild -Opfer hat mir beispielsweise mal glaubwürdig berichtet, es sei nach einem gewissenlosen Artikel in dem Blatt von Passanten auf der Straße angespuckt worden. Das wünsche ich niemandem. Um aber auch mal was Positives zu sagen: Sich mit guten Freunden, unabhängig von Verlagsinteressen und Chefredakteurslaunen, öffentlich Gehör verschaffen zu können, ist eine Wonne, für die ich den Kollegen und dem Internet auf immer dankbar bin.

ZEIT ONLINE : Was hat das bildblog für Sie bewegt, verändert, neu erfunden?

Schultheis : Neu erfunden? Nichts. Aber ich glaube, wir haben ein neues Bewusstsein dafür geschaffen, wie und mit welchen Mitteln und Konsequenzen eine große deutsche, fraglos einflussreiche Boulevardzeitung arbeitet. Und so tagtäglich die Gesellschaft mitprägt. Das Projekt bildblog zeigt, dass es jenseits des Lifestyle-, Hechel- und Renditejournalismus noch Nischen oder besser gesagt: Defizite gibt, die es zu füllen lohnt.

ZEIT ONLINE : Sie schreiben in Ihrem Abschiedsgruß , Sie verstünden die Bild -Zeitung nun gelegentlich besser als zuvor. Wieso?

Schultheis : Abgesehen von den vielen handwerklichen Kleinigkeiten, zweierlei: Zum einen sehe ich, wie sehr neben Arbeitsdruck und fehlendem Verantwortungsgefühl auch die eigene Eitelkeit die Bild- Macher antreibt und wie wenig ihnen "die Wahrheit" bedeutet. Zum anderen habe ich feststellen müssen, wie geschickt Bild darin sein kann, sich jenseits einer undifferenzierten Schelte nicht angreifbar zu machen. Bild strapaziert die Pressefreiheit bis an ihre Grenzen, vielfach auch über die Grenzen hinaus, schafft es aber in Einzelfällen, entgegen dem ersten Eindruck, sich juristisch  nichts vorwerfen zu lassen. Außerdem hat mich erstaunt, wie die Bild -Kritik gelegentlich politisch oder publizistisch missbraucht wird.

ZEIT ONLINE : Wie geht es mit bildblog nun weiter?

Schultheis : Das weiß der Kollege Stefan Niggemeier besser als ich.