Krisenpolitik "Umweltprämie? Das ist ein Witz"

Die Abwrackprämie tut der Umwelt Gutes, behaupten ihre Erfinder. In Wahrheit wird durch sie zusätzliches CO2 in die Luft geblasen, sagt Experte Dieter Teufel. Interview

Alte Autos stapeln sich in einer Halle eines Berliner Schrotthändlers - das war, bevor die Abwrackprämie eingeführt wurde. Inzwischen geht es auf den Schrottplätzen nicht mehr so ordentlich zu

ZEIT ONLINE: Das Umwelt- und Prognose-Institut (UPI), dessen Leiter Sie sind, berechnet die Umweltwirkung von Gesetzen und erstellt CO2-Bilanzen. Wie bewerten Sie die Abwrackprämie aus ökologischer Sicht?

Dieter Teufel: Ganz exakt kann man die CO2-Bilanz der Abwrackprämie nicht berechnen. Es gibt aber Anhaltspunkte, um sie zu bewerten. Klar ist: Durch sie wird auf keinen Fall Kohlendioxid eingespart. Sie "Umweltprämie" zu nennen, ist ein Witz.

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ZEIT ONLINE: Warum?

Teufel: Nehmen wir einmal an, ein Autofahrer lässt sein altes Fahrzeug verschrotten und kauft mit Hilfe der Prämie das gleiche Modell in Form eines Neuwagens. Der verbraucht aber in der Regel mehr Treibstoff und setzt dadurch mehr CO2 frei als das zehn Jahre alte Vorgängermodell. Zwar sind die Motoren sparsamer geworden, aber die Wagen haben mehr Leistung, sind schwerer und viel aufwändiger ausgestattet. Man fährt mit Klimaanlage, hat auch tagsüber das Licht an, ist auf Autobahnen schneller unterwegs. Das macht die Einsparung zunichte. Wenn jemand seinen alten Wagen gegen ein höherklassiges Fahrzeug tauscht, ist die Bilanz natürlich noch schlechter.

ZEIT ONLINE: Die Leute könnten ihre Autos auch gegen kleinere Modelle tauschen, die günstiger sind. Gibt es denn Daten, die belegen, dass sie das nicht tun?

Teufel: Solch genaue Daten gibt es nicht. Aber selbst wenn die Konsumenten vermehrt günstige Autos kaufen, heißt das noch lange nicht, dass sie sparsamer sind. Zudem müsste der Spritverbrauch eines Autos 15 bis 20 Prozent unter dem seines Vorgängers liegen, damit der Wechsel von einem Fahrzeug zum anderen nur CO2-neutral wäre. Das wird nicht erreicht. Deshalb ist das Ergebnis jeder Rechnung auf alle Fälle: Die Abwrackprämie erhöht den Kohlendioxidausstoß auf Deutschlands Straßen.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie auf die hohe Differenz von 15 bis 20 Prozent?

Teufel: Mit einem neun oder zehn Jahre alten Auto kann man normalerweise noch eine Weile fahren. Während seiner Herstellung ist CO2 freigeworden – durch den Abbau von Erzen, ihre Verhüttung, die Weiterverarbeitung in der Stahlindustrie. Die Produktion der Bauteile, Komponenten und der Autos selbst verursacht CO2. Der Transport der Wagen oder ihrer Teile ebenso. Einer Faustregel zufolge wird während der Herstellung eines Autos rund 20 Prozent der Menge an CO2 freigesetzt, die später während seiner ganzen Betriebsdauer anfällt. Wenn Sie dieses Auto jetzt verschrotten, obwohl es noch fahrtüchtig wäre, werfen Sie einen Teil dieser Produktionsenergie weg. Zugleich verursacht die Produktion des Neuwagens, den Sie sich stattdessen anschaffen, ebenso viel neues Kohlendioxid.

ZEIT ONLINE: Warum schaffen es die Hersteller nicht, neue Autos sauberer zu bauen?

Leser-Kommentare
  1. Mehr ist aus diesem Interview nicht zu entnehmen.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

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    Was erwarten Sie denn? Die Regierung hat die richtigen Dinge nun einmal nicht getan, dafür hat die deutsche Sprache den Konjunktiv.

    Was erwarten Sie denn? Die Regierung hat die richtigen Dinge nun einmal nicht getan, dafür hat die deutsche Sprache den Konjunktiv.

  2. Was erwarten Sie denn? Die Regierung hat die richtigen Dinge nun einmal nicht getan, dafür hat die deutsche Sprache den Konjunktiv.

    • hareck
    • 15.04.2009 um 11:52 Uhr

    und aus der Wegwerfgesellschaft eine Verschrottungsgesellschaft gemacht.

    • gquell
    • 15.04.2009 um 12:12 Uhr

    Ich hatte in den 80ern einen Golf Diesel, der auf 100km etwa 5l verbrauchte. Das Teil hatte mich über 200.000km sicher und zuverlässig und vor allem billig bewegt.

    Danach fuhr ich in den Neuzigern einen Scirocco mit 85PS ohne Kat, der auch etwa 7l/100km Normal verbrauchte. Das Nachfolgemodell mit GKat verbrauchte dann knapp 9l/100km. Ich habe mich damals schon gefragt, ob der Mehrverbrauch den Kat aufwiegt, insbesonders deswegen, weil ich viele Kurzstrecken gefahren bin. Der Kat hatte gar nicht seine volle Wirksamkeit erreichen können.

  3. Es ist eine dreiste Frechheit einer rat- und kopflosen Regierung und das Sinnbild einer pervertierten Gesellschaftsform: konsumieren um des Konsumierens willen, nicht vorhandene Bedürfnisse schaffen und befriedigen, während Milliarden von Mitmenschen in elenden Slums vegetieren und verrecken, Aber leichzeitig hier von christlichen Werten und Moralvorstellungen faseln. Gott vergelt´s Euch christlichen und sozialen Demokraten.

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    • otto_B
    • 15.04.2009 um 13:59 Uhr

    Ob irgendein Zusammenhang zwischen der Frage nach Konsum oder Nichtkonsum bei uns, und den Verhältnissen in den Armutsregionen besteht, darüber wird ja seit langem leidenschaftlich gestritten. An der moralischen Fragwürdigkeit der Wegwerf-Förderung ändert der Ausgang dieses Streits aber nichts. Der (weitgehend ungestrafte) Gebrauch des Umweltargumentes für diese Konjunkturmaßnahme zeigt die fortgeschrittene Verlotterung der öffentlichen Sitten.

    • otto_B
    • 15.04.2009 um 13:59 Uhr

    Ob irgendein Zusammenhang zwischen der Frage nach Konsum oder Nichtkonsum bei uns, und den Verhältnissen in den Armutsregionen besteht, darüber wird ja seit langem leidenschaftlich gestritten. An der moralischen Fragwürdigkeit der Wegwerf-Förderung ändert der Ausgang dieses Streits aber nichts. Der (weitgehend ungestrafte) Gebrauch des Umweltargumentes für diese Konjunkturmaßnahme zeigt die fortgeschrittene Verlotterung der öffentlichen Sitten.

  4. Mich macht es wütend, dass ich Geschenk an Leute mitfinanziere, die sich ein neues Auto leisten können - im Gegensatz zu mir.

    Ich fahre bewusst nicht Auto, sondern bewege mich umweltbewusst fort und finde die Bezeichung "Umweltprämie" einfach unverschämt.

    Für alle, die sich ebenfalls ärgern und sich eine Umweltprämie wünschen, die diese Bezeichnung auch verdient, hat der VCD eine Aktion gestartet:

    http://www.vcd.org/umwelt...

    PS: ... wer hat damals eigentlich die Bezeichnung "Klimakanzlerin" erfunden?

  5. Der Markt hätte es schon lange regeln können, wenn alle Faktoren zum tragen kämen. Das ist aber nicht Sache des Marktes, wie wir alle wieder mal gelernt haben. Die Umweltprämie ist ein Instrument, um den freien Fall der "Wirtschaft" abzubremsen. Das ist ja nicht falsch, aber warum heißt sie dann "Umwelt"-Prämie? Viele Demokraten sind wohl der Ansicht, die Wahrheit sei nicht vermittelbar - sie könnten sich Ehrlichkeit schlicht nicht leisten. Vielleicht stimmt das, aber so macht Demokratie nun mal keinen Spaß!

  6. Was für Anhaltspunkte?
    1. Man fährt mit Klimaanlage: Früher hatte man das Fenster offen, ab 80km/h verschlechter sicht der Cw Wert so weit, das dieser Effekt aufgehoben ist.
    2. Man hat tagsüber das Licht an! Das war mit dem alten Auto nicht möglich? UM GOTTESWILLEN, WAS FÄHRT DER MANN FÜR EIN AUTO!
    3. Ist auf Autobahnen schneller unterwegs: wegen einem neuen Auto schneller fahren? Die Statistik möchte ich sehen ;-)
    4. Vergleicht wirklich mal ein 10 Jahre altes Auto mit dem aktuellen Modell und nennt mir eins wo bei vergleichbarer Motoriserung der Verbrauch gestiegen ist!
    5. Die Euro Normen haben alle nichts mit dem Co2 Ausstoß zu tun, da der nicht relevant für die Klassen ist! Ausserdem steigt durch strengere Abgaswerte (Nicht Co2) erstmal der Benzinverbrauch, das ist schlichtweg chemisch bedingt.

    Auch wenn Herr Teufel nicht sinnvoll argumentiert, der Name "Umweltprämie" halte ich wirklich nicht für gut, es ist ein Konjunkturprogramm und der Name "Abrwackprämie" trifft es wohl eher.

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