Afghanistan "Wir reden schon längst mit den Taliban"
Afghanistans Außenminister Rangin Dadfar Spanta hält nichts von der Diskussion über moderate Taliban. Im Interview protestiert er auch gegen das umstrittene Ehegesetz in seinem Land

© John Moore/Getty Images
Ein amerikanischer Marine spricht mit afghanischen Männern
ZEIT ONLINE: Bundeskanzlerin Merkel hat vor Kurzem deutsche Soldaten in Afghanistan besucht und deren Arbeit gelobt. Wie bewerten Sie die Leistung der Bundeswehr in Ihrem Land?
Rangin Dadfar Spanta: Deutschland ist von Anfang an dabei und einer der wichtigsten Beitragszahler für den Wiederaufbau und einer der bedeutendsten Truppensteller. Aus unserer Sicht ist die Verbindung von ziviler und militärischer Aufbauhilfe für unser Land sehr wichtig. Nachhaltige Entwicklung bleibt die wichtigste Waffe gegen den Terror.
ZEIT ONLINE: US-Militärs fordern Deutschland immer wieder zu einem stärkeren militärischen Engagement auf. Wie denken Sie darüber?
Spanta: Dieses Jahr ist ein sehr wichtiges und ein sehr gefährliches Jahr für Afghanistan. Die Terroristen der al-Qaida, die afghanischen und die pakistanischen Taliban und die Drogenbarone werden alle ihre Truppen mobilisieren, um den Frieden in Afghanistan zu stören und die Stabilität zu gefährden. Das Zentrum ihrer Aktivität ist an der Grenze zu Pakistan. Uns ist wichtig, dass die internationale Gemeinschaft dort mehr Aktivität zeigt.
ZEIT ONLINE: Sollte Deutschland mehr tun?
Spanta: Wer, wo und wann seinen Beitrag leistet, an dieser Diskussion möchte ich mich nicht beteiligen.
ZEIT ONLINE: Kurz nachdem Angela Merkel das Camp in Kundus besuchte, beschossen Aufständische den Stützpunkt. Wie stark sind die Taliban zurzeit?
Spanta: Das ist schwer zu schätzen. Der Begriff Taliban wird im Westen so benutzt, als ob es sich bei Taliban um eine homogene Gruppe handelt. So ist es aber nicht. Es handelt sich um ein Konglomerat aus Al-Qaida-Anhängern, Extremisten aus Pakistan, afghanischen Taliban, Kriminellen und vor allem Drogenschmugglern.
ZEIT ONLINE: Sicherheitsexperten warnen vor der Frühlingsoffensive der Taliban. Was erwarten Sie in den kommenden Monaten?
Spanta: Seitdem die pakistanische Regierung mit den Taliban in ihrem Land einen Friedensvertrag geschlossen hat, steigt die Zahl der Anschläge im Osten Afghanistans. Der Terrorismus bleibt ein regionales Problem, dass wir gemeinsam bekämpfen sollten. Ich befürchte, dass die Sicherheitsexperten zu Recht vor schwierigen Monaten warnen.
ZEIT ONLINE: Pakistan gilt als zerfallender Staat. Wie bewerten Sie die Situation in Ihrem Nachbarland?
Spanta: Es herrscht dort eine paradoxe Situation. In Pakistan gibt es einerseits eine demokratisch gewählte Regierung, die gegen Terroristen kämpft. Andererseits gibt es in Pakistan Regionen, in denen der Staat keinen Einfluss hat, in denen Terroristen ausgebildet und ausgerüstet werden. Das macht Pakistan so gefährlich – nicht nur für Afghanistan.
ZEIT ONLINE: Im August soll die Präsidentenwahl stattfinden, wird die Sicherheitslage dafür ausreichen?
Spanta: Wir bemühen uns sehr, mobilisieren alle Kräfte, damit diese Wahl fair, frei und in Frieden stattfinden kann. Die Nato hilft uns dabei. Aber die Terroristen werden versuchen, die Wahl zu verhindern.
ZEIT ONLINE: Für Barack Obama bleibt Afghanistan die dringendste internationale Aufgabe. Was versprechen Sie sich von den USA?
Spanta: Ich erwarte von den USA, dass sie ihren Ankündigungen nachkommen, mehr in den zivilen Wiederaufbau zu investieren. Ich verspreche mir viel von der neuen amerikanischen Strategie, die staatlichen Strukturen und die Sicherheitskräfte in Afghanistan zu stärken. Wichtig für die Afghanen ist, dass wir mehr Verantwortung für die Sicherheit selber übernehmen. Dafür brauchen wir einen starken Staat. Da sind unsere Interessen im Einklang mit der US-Strategie.
ZEIT ONLINE: Obama hat angekündigt, mit moderaten Taliban verhandeln zu wollen. Halten Sie diese Taktik für Erfolg versprechend?
Spanta: Diesen Begriff habe ich mit großem Interesse in deutschen Zeitungen gelesen. Doch moderate Taliban gibt es nicht. Aus unserer Sicht können wir mit allen Extremisten verhandeln, die keine enge Verbindung zu al-Qaida unterhalten, bereit sind, die Waffen niederzulegen, und die afghanische Verfassung zu akzeptieren. Der Dialog mit solchen Gruppen ist längst Teil unserer Außen- und Sicherheitspolitik. Wir haben vor eineinhalb Jahren mit diesem Prozess begonnen und freuen uns, dass die internationale Gemeinschaft dieses Konzept nun unterstützt.
ZEIT ONLINE: Was ist neben dem Terrorismus das größte Problem Afghanistans?
Spanta: Die Drogenproduktion und die Korruption in der Regierung sind weitere große Herausforderungen. 60 Prozent der gesamten Drogenproduktion geschieht in einer einzigen Provinz, in Helmand. Diese Provinz steht nicht unter der Kontrolle der afghanischen Regierung. Dort, wo wir das Sagen haben, wird weniger Opium angebaut. 2008 haben wir die Drogenproduktion um 18 Prozent gesenkt, für dieses Jahr rechnen wir mit einem Rückgang um weitere 30 Prozent.
ZEIT ONLINE: In Deutschland wurde intensiv über das umstrittene Ehegesetz debattiert, das Präsident Karzai dem Parlament vorgelegt hat. Was halten Sie von diesem Gesetz?
Spanta: Ich bin sehr betroffen, dass dieses Gesetz in das Parlament gekommen ist. Ich habe eine Protestnote gegen das Gesetz unterschrieben, obwohl ich Mitglied der Regierung bin. Diejenigen, die den Entwurf vorbereitet haben, vermischten religiöse mit juristischen Themen. Dabei ist etwas herausgekommen, was mich sehr beunruhigt.
ZEIT ONLINE: Wie konnte es zu dem Gesetz kommen?
Spanta: Präsident Karzai hatte den ersten Entwurf zurückgewiesen und um Nachbesserungen gebeten. Religiöse Gelehrte der Schiiten und Sunniten haben dann mit Juristen über einzelne Punkte diskutiert. Die Fehler wurden aber nicht behoben. So kam ein sehr fragwürdiger Entwurf ins Parlament. Nun hat der Präsident das Gesetz zum Glück gestoppt. Ich bedauere diesen Unfall sehr und habe mich schriftlich bei Frauenrechtlerinnen entschuldigt. Das ist eine traurige Geschichte, aber zum Glück ist nun alles auf dem richtigen Weg.
ZEIT ONLINE: Vor mehr als sieben Jahren fand die Petersberger Konferenz bei Bonn statt, auf der die Teilnehmer die Zukunft Afghanistans nach den Taliban planten. Was hat sich seitdem in Ihrem Land getan?
Spanta: Wenn wir das Afghanistan vor sieben Jahren mit heute vergleichen, sehen wir große Fortschritte. Wie haben nun 46.000 Studenten, unter den Taliban gab es 7000, von denen alle Männer waren, heute sind 66 Prozent Frauen. 6,8 Millionen Schüler besuchen unsere Schulen – das ist in der Geschichte dieses Landes beispiellos. Und das Prokopfeinkommen betrug 2002 nur 185 Dollar, nun sind es 425 Dollar. Wir haben rund 300 Radiosender – unter den Taliban gab es einen, der nur religiöse Texte verbreitete. Wir sollten nicht nur über die Probleme reden.
Die Fragen stellte Hauke Friederichs
- Datum 16.04.2009 - 15:52 Uhr
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spricht ein Außenminister.
Aha.
Als Aussenpolitiker versteht er es zumindest gut sein Land nach aussen gut zu vertreten.
An der Diskussion um die Aufstockung von Truppen der NATO-Staaten wird er sich wohl nicht beteiligen wollen, da dies
1. NATO-Sache ist, er
2. keine Handhabe hat Druck auf die, im Diskurs aufgeforderten Staaten(u.a. Deutschland) auszuüben und
3. auch die Souveränität seiner Regierung im eigenen Land stärken möchte!
Also, grundsätzlich nicht falsch!
Dass er mit den Taliban Verhandlungen führt ist letztendlich auch ein Zeichen der Rationalität! Er stellt klare Bedingungen für die Verhandlungsbereitschaft aber verweigert sie nicht stur! Sehr pragmatisch und in seiner Position nur richtig!
Auch wenn sich das die NATO wünscht und herbeisehnt, sie ist in Afghanistan nicht willkommen. Sie wird als Besatzermacht wahrgenommen. Die Bevölkerung Afghanistans lehnt die westliche Einflussnahme zunehmend und mehrheitlich ab. Dass die hiesige Politik dies nicht wahrnehmen will, steht auf einem anderen Blatt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die NATO, wie auch schon die Russen, in Afghanistan ein Debakel ohne Gleichen erleben wird. Das wird Obama noch lernen müssen. Lernen durch Schmerz, offensichtlich geht es nicht anders.
Auch wenn sich das die NATO wünscht und herbeisehnt, sie ist in Afghanistan nicht willkommen. Sie wird als Besatzermacht wahrgenommen. Die Bevölkerung Afghanistans lehnt die westliche Einflussnahme zunehmend und mehrheitlich ab. Dass die hiesige Politik dies nicht wahrnehmen will, steht auf einem anderen Blatt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die NATO, wie auch schon die Russen, in Afghanistan ein Debakel ohne Gleichen erleben wird. Das wird Obama noch lernen müssen. Lernen durch Schmerz, offensichtlich geht es nicht anders.
Auch wenn sich das die NATO wünscht und herbeisehnt, sie ist in Afghanistan nicht willkommen. Sie wird als Besatzermacht wahrgenommen. Die Bevölkerung Afghanistans lehnt die westliche Einflussnahme zunehmend und mehrheitlich ab. Dass die hiesige Politik dies nicht wahrnehmen will, steht auf einem anderen Blatt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die NATO, wie auch schon die Russen, in Afghanistan ein Debakel ohne Gleichen erleben wird. Das wird Obama noch lernen müssen. Lernen durch Schmerz, offensichtlich geht es nicht anders.
...arbeiten die Besatzer am (zumindest auch diskussionswürdigen) Wiederaufbau u.a. der neuen Regierung (und ihrer Durchsetzungskraft) sowie anderer Strukturen.
Aber eine Gegenfrage: Welche Form der Regierung stellen sie sich vor in Afghanistan?
Eine Regierung, welche die Interessen der Afghanen vertritt. Das sind wohl nun nicht unbedingt NATO-Interessen.
Die Geschichte zeigt, dass es den Amerikanern noch nie großartig um Demokratieaufbau ging. Wenn amerikanische Interessen gefährdet sind, wird auch schnell mal eine demokratische Regierung ausgehebelt [1]. Oder es wird mit zutiefst undemokratischen Regierungen kooperiert. Auch die Taliban waren einst amerikanische "Freunde", und wurden von den USA hochgerüstet. Amerikanische Außenpolitik ist dermaßen beliebig, dass einem schwindlig wird. Natürlich wird das zumindest von den Leuten, welche dieser verheuchelten Politik direkt ausgesetzt sind, erkannt und abgelehnt.
Eine Regierung, welche die Interessen der Afghanen vertritt. Das sind wohl nun nicht unbedingt NATO-Interessen.
Die Geschichte zeigt, dass es den Amerikanern noch nie großartig um Demokratieaufbau ging. Wenn amerikanische Interessen gefährdet sind, wird auch schnell mal eine demokratische Regierung ausgehebelt [1]. Oder es wird mit zutiefst undemokratischen Regierungen kooperiert. Auch die Taliban waren einst amerikanische "Freunde", und wurden von den USA hochgerüstet. Amerikanische Außenpolitik ist dermaßen beliebig, dass einem schwindlig wird. Natürlich wird das zumindest von den Leuten, welche dieser verheuchelten Politik direkt ausgesetzt sind, erkannt und abgelehnt.
Eine Regierung, welche die Interessen der Afghanen vertritt. Das sind wohl nun nicht unbedingt NATO-Interessen.
Die Geschichte zeigt, dass es den Amerikanern noch nie großartig um Demokratieaufbau ging. Wenn amerikanische Interessen gefährdet sind, wird auch schnell mal eine demokratische Regierung ausgehebelt [1]. Oder es wird mit zutiefst undemokratischen Regierungen kooperiert. Auch die Taliban waren einst amerikanische "Freunde", und wurden von den USA hochgerüstet. Amerikanische Außenpolitik ist dermaßen beliebig, dass einem schwindlig wird. Natürlich wird das zumindest von den Leuten, welche dieser verheuchelten Politik direkt ausgesetzt sind, erkannt und abgelehnt.
Anbei nochmals der Link, welchen ich fälschlicherweise mit src statt mit target="_blank" href getaggt hatte:
Iran - Zerstörung der Demokratie
An die Redaktion:
Es wäre besser, wenn die Bewertungsfunktion grundsätzlich nur funktioniert, wenn damit auch ein Kommentar verfasst wird. Somit könnte man sich mit denen auseinandersetzen, welche hier inhaltslos Kommentare mit schlecht bewerten. Vielleicht sind auch die Bewertungen einfach nur schlecht und nicht die Kommentare ;-) ?
Anbei nochmals der Link, welchen ich fälschlicherweise mit src statt mit target="_blank" href getaggt hatte:
Iran - Zerstörung der Demokratie
An die Redaktion:
Es wäre besser, wenn die Bewertungsfunktion grundsätzlich nur funktioniert, wenn damit auch ein Kommentar verfasst wird. Somit könnte man sich mit denen auseinandersetzen, welche hier inhaltslos Kommentare mit schlecht bewerten. Vielleicht sind auch die Bewertungen einfach nur schlecht und nicht die Kommentare ;-) ?
Anbei nochmals der Link, welchen ich fälschlicherweise mit src statt mit target="_blank" href getaggt hatte:
Iran - Zerstörung der Demokratie
An die Redaktion:
Es wäre besser, wenn die Bewertungsfunktion grundsätzlich nur funktioniert, wenn damit auch ein Kommentar verfasst wird. Somit könnte man sich mit denen auseinandersetzen, welche hier inhaltslos Kommentare mit schlecht bewerten. Vielleicht sind auch die Bewertungen einfach nur schlecht und nicht die Kommentare ;-) ?
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