Afghanistan "Wir reden schon längst mit den Taliban"Seite 2/2

ZEIT ONLINE: Im August soll die Präsidentenwahl stattfinden, wird die Sicherheitslage dafür ausreichen?

Spanta: Wir bemühen uns sehr, mobilisieren alle Kräfte, damit diese Wahl fair, frei und in Frieden stattfinden kann. Die Nato hilft uns dabei. Aber die Terroristen werden versuchen, die Wahl zu verhindern.

ZEIT ONLINE: Für Barack Obama bleibt Afghanistan die dringendste internationale Aufgabe. Was versprechen Sie sich von den USA?

Spanta: Ich erwarte von den USA, dass sie ihren Ankündigungen nachkommen, mehr in den zivilen Wiederaufbau zu investieren. Ich verspreche mir viel von der neuen amerikanischen Strategie, die staatlichen Strukturen und die Sicherheitskräfte in Afghanistan zu stärken. Wichtig für die Afghanen ist, dass wir mehr Verantwortung für die Sicherheit selber übernehmen. Dafür brauchen wir einen starken Staat. Da sind unsere Interessen im Einklang mit der US-Strategie.

ZEIT ONLINE: Obama hat angekündigt, mit moderaten Taliban verhandeln zu wollen. Halten Sie diese Taktik für Erfolg versprechend?

Spanta: Diesen Begriff habe ich mit großem Interesse in deutschen Zeitungen gelesen. Doch moderate Taliban gibt es nicht. Aus unserer Sicht können wir mit allen Extremisten verhandeln, die keine enge Verbindung zu al-Qaida unterhalten, bereit sind, die Waffen niederzulegen, und die afghanische Verfassung zu akzeptieren. Der Dialog mit solchen Gruppen ist längst Teil unserer Außen- und Sicherheitspolitik. Wir haben vor eineinhalb Jahren mit diesem Prozess begonnen und freuen uns, dass die internationale Gemeinschaft dieses Konzept nun unterstützt.

ZEIT ONLINE: Was ist neben dem Terrorismus das größte Problem Afghanistans?

Spanta: Die Drogenproduktion und die Korruption in der Regierung sind weitere große Herausforderungen. 60 Prozent der gesamten Drogenproduktion geschieht in einer einzigen Provinz, in Helmand. Diese Provinz steht nicht unter der Kontrolle der afghanischen Regierung. Dort, wo wir das Sagen haben, wird weniger Opium angebaut. 2008 haben wir die Drogenproduktion um 18 Prozent gesenkt, für dieses Jahr rechnen wir mit einem Rückgang um weitere 30 Prozent.

ZEIT ONLINE: In Deutschland wurde intensiv über das umstrittene Ehegesetz debattiert, das Präsident Karzai dem Parlament vorgelegt hat. Was halten Sie von diesem Gesetz?

Spanta: Ich bin sehr betroffen, dass dieses Gesetz in das Parlament gekommen ist. Ich habe eine Protestnote gegen das Gesetz unterschrieben, obwohl ich Mitglied der Regierung bin. Diejenigen, die den Entwurf vorbereitet haben, vermischten religiöse mit juristischen Themen. Dabei ist etwas herausgekommen, was mich sehr beunruhigt.

ZEIT ONLINE: Wie konnte es zu dem Gesetz kommen?

Spanta: Präsident Karzai hatte den ersten Entwurf zurückgewiesen und um Nachbesserungen gebeten. Religiöse Gelehrte der Schiiten und Sunniten haben dann mit Juristen über einzelne Punkte diskutiert. Die Fehler wurden aber nicht behoben. So kam ein sehr fragwürdiger Entwurf ins Parlament. Nun hat der Präsident das Gesetz zum Glück gestoppt. Ich bedauere diesen Unfall sehr und habe mich schriftlich bei Frauenrechtlerinnen entschuldigt. Das ist eine traurige Geschichte, aber zum Glück ist nun alles auf dem richtigen Weg.

ZEIT ONLINE: Vor mehr als sieben Jahren fand die Petersberger Konferenz bei Bonn statt, auf der die Teilnehmer die Zukunft Afghanistans nach den Taliban planten. Was hat sich seitdem in Ihrem Land getan?

Spanta: Wenn wir das Afghanistan vor sieben Jahren mit heute vergleichen, sehen wir große Fortschritte. Wie haben nun 46.000 Studenten, unter den Taliban gab es 7000, von denen alle Männer waren, heute sind 66 Prozent Frauen. 6,8 Millionen Schüler besuchen unsere Schulen – das ist in der Geschichte dieses Landes beispiellos. Und das Prokopfeinkommen betrug 2002 nur 185 Dollar, nun sind es 425 Dollar. Wir haben rund 300 Radiosender – unter den Taliban gab es einen, der nur religiöse Texte verbreitete. Wir sollten nicht nur über die Probleme reden.

Die Fragen stellte Hauke Friederichs

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 16.04.2009 um 13:47 Uhr
  1. Als Aussenpolitiker versteht er es zumindest gut sein Land nach aussen gut zu vertreten.

    An der Diskussion um die Aufstockung von Truppen der NATO-Staaten wird er sich wohl nicht beteiligen wollen, da dies
    1. NATO-Sache ist, er
    2. keine Handhabe hat Druck auf die, im Diskurs aufgeforderten Staaten(u.a. Deutschland) auszuüben und
    3. auch die Souveränität seiner Regierung im eigenen Land stärken möchte!

    Also, grundsätzlich nicht falsch!

    Dass er mit den Taliban Verhandlungen führt ist letztendlich auch ein Zeichen der Rationalität! Er stellt klare Bedingungen für die Verhandlungsbereitschaft aber verweigert sie nicht stur! Sehr pragmatisch und in seiner Position nur richtig!

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    • Anonym
    • 16.04.2009 um 16:03 Uhr

    Auch wenn sich das die NATO wünscht und herbeisehnt, sie ist in Afghanistan nicht willkommen. Sie wird als Besatzermacht wahrgenommen. Die Bevölkerung Afghanistans lehnt die westliche Einflussnahme zunehmend und mehrheitlich ab. Dass die hiesige Politik dies nicht wahrnehmen will, steht auf einem anderen Blatt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die NATO, wie auch schon die Russen, in Afghanistan ein Debakel ohne Gleichen erleben wird. Das wird Obama noch lernen müssen. Lernen durch Schmerz, offensichtlich geht es nicht anders.

    • Anonym
    • 16.04.2009 um 16:03 Uhr

    Auch wenn sich das die NATO wünscht und herbeisehnt, sie ist in Afghanistan nicht willkommen. Sie wird als Besatzermacht wahrgenommen. Die Bevölkerung Afghanistans lehnt die westliche Einflussnahme zunehmend und mehrheitlich ab. Dass die hiesige Politik dies nicht wahrnehmen will, steht auf einem anderen Blatt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die NATO, wie auch schon die Russen, in Afghanistan ein Debakel ohne Gleichen erleben wird. Das wird Obama noch lernen müssen. Lernen durch Schmerz, offensichtlich geht es nicht anders.

    • Anonym
    • 16.04.2009 um 16:03 Uhr

    Auch wenn sich das die NATO wünscht und herbeisehnt, sie ist in Afghanistan nicht willkommen. Sie wird als Besatzermacht wahrgenommen. Die Bevölkerung Afghanistans lehnt die westliche Einflussnahme zunehmend und mehrheitlich ab. Dass die hiesige Politik dies nicht wahrnehmen will, steht auf einem anderen Blatt. Das ändert jedoch nichts daran, dass die NATO, wie auch schon die Russen, in Afghanistan ein Debakel ohne Gleichen erleben wird. Das wird Obama noch lernen müssen. Lernen durch Schmerz, offensichtlich geht es nicht anders.

  2. ...arbeiten die Besatzer am (zumindest auch diskussionswürdigen) Wiederaufbau u.a. der neuen Regierung (und ihrer Durchsetzungskraft) sowie anderer Strukturen.

    Aber eine Gegenfrage: Welche Form der Regierung stellen sie sich vor in Afghanistan?

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    • Anonym
    • 16.04.2009 um 17:49 Uhr

    Eine Regierung, welche die Interessen der Afghanen vertritt. Das sind wohl nun nicht unbedingt NATO-Interessen.

    Die Geschichte zeigt, dass es den Amerikanern noch nie großartig um Demokratieaufbau ging. Wenn amerikanische Interessen gefährdet sind, wird auch schnell mal eine demokratische Regierung ausgehebelt [1]. Oder es wird mit zutiefst undemokratischen Regierungen kooperiert. Auch die Taliban waren einst amerikanische "Freunde", und wurden von den USA hochgerüstet. Amerikanische Außenpolitik ist dermaßen beliebig, dass einem schwindlig wird. Natürlich wird das zumindest von den Leuten, welche dieser verheuchelten Politik direkt ausgesetzt sind, erkannt und abgelehnt.

    • Anonym
    • 16.04.2009 um 17:49 Uhr

    Eine Regierung, welche die Interessen der Afghanen vertritt. Das sind wohl nun nicht unbedingt NATO-Interessen.

    Die Geschichte zeigt, dass es den Amerikanern noch nie großartig um Demokratieaufbau ging. Wenn amerikanische Interessen gefährdet sind, wird auch schnell mal eine demokratische Regierung ausgehebelt [1]. Oder es wird mit zutiefst undemokratischen Regierungen kooperiert. Auch die Taliban waren einst amerikanische "Freunde", und wurden von den USA hochgerüstet. Amerikanische Außenpolitik ist dermaßen beliebig, dass einem schwindlig wird. Natürlich wird das zumindest von den Leuten, welche dieser verheuchelten Politik direkt ausgesetzt sind, erkannt und abgelehnt.

    • Anonym
    • 16.04.2009 um 17:49 Uhr

    Eine Regierung, welche die Interessen der Afghanen vertritt. Das sind wohl nun nicht unbedingt NATO-Interessen.

    Die Geschichte zeigt, dass es den Amerikanern noch nie großartig um Demokratieaufbau ging. Wenn amerikanische Interessen gefährdet sind, wird auch schnell mal eine demokratische Regierung ausgehebelt [1]. Oder es wird mit zutiefst undemokratischen Regierungen kooperiert. Auch die Taliban waren einst amerikanische "Freunde", und wurden von den USA hochgerüstet. Amerikanische Außenpolitik ist dermaßen beliebig, dass einem schwindlig wird. Natürlich wird das zumindest von den Leuten, welche dieser verheuchelten Politik direkt ausgesetzt sind, erkannt und abgelehnt.

    Antwort auf "Deswegen..."
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    • Anonym
    • 17.04.2009 um 11:17 Uhr

    Anbei nochmals der Link, welchen ich fälschlicherweise mit src statt mit target="_blank" href getaggt hatte:

    Iran - Zerstörung der Demokratie

    An die Redaktion:

    Es wäre besser, wenn die Bewertungsfunktion grundsätzlich nur funktioniert, wenn damit auch ein Kommentar verfasst wird. Somit könnte man sich mit denen auseinandersetzen, welche hier inhaltslos Kommentare mit schlecht bewerten. Vielleicht sind auch die Bewertungen einfach nur schlecht und nicht die Kommentare ;-) ?

    • Anonym
    • 17.04.2009 um 11:17 Uhr

    Anbei nochmals der Link, welchen ich fälschlicherweise mit src statt mit target="_blank" href getaggt hatte:

    Iran - Zerstörung der Demokratie

    An die Redaktion:

    Es wäre besser, wenn die Bewertungsfunktion grundsätzlich nur funktioniert, wenn damit auch ein Kommentar verfasst wird. Somit könnte man sich mit denen auseinandersetzen, welche hier inhaltslos Kommentare mit schlecht bewerten. Vielleicht sind auch die Bewertungen einfach nur schlecht und nicht die Kommentare ;-) ?

    • Anonym
    • 17.04.2009 um 11:17 Uhr

    Anbei nochmals der Link, welchen ich fälschlicherweise mit src statt mit target="_blank" href getaggt hatte:

    Iran - Zerstörung der Demokratie

    An die Redaktion:

    Es wäre besser, wenn die Bewertungsfunktion grundsätzlich nur funktioniert, wenn damit auch ein Kommentar verfasst wird. Somit könnte man sich mit denen auseinandersetzen, welche hier inhaltslos Kommentare mit schlecht bewerten. Vielleicht sind auch die Bewertungen einfach nur schlecht und nicht die Kommentare ;-) ?

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