Da sitzt er nun und redet. Er hebt eine Augenbraue, skeptisch, fast schüchtern, er duckt sich weg vor blendenden Blitzlichtern. Das ist nicht mehr die Öffentlichkeit, die er kannte, damals, nach seinem Sieg. Er wurde verehrt und verdammt, er war ein Held und Betrüger, er hat gejubelt und geweint. Nur geredet hat er nie.

Bernhard Kohl, 27, ein junger Mann aus Wolkersdorf im Weinviertel, Rauchfangkehrerlehrling, Radprofi. Vergangenes Jahr fuhr er als Dritter der Tour de France den größten Erfolg der österreichischen Radsportgeschichte ein. Drei Monate später gestand er, von positiven Kontrollen in die Enge getrieben, seinen Dopingmissbrauch. Er weinte dabei. Titel und Ruhm waren so plötzlich verschwunden, wie sie gekommen waren. Bernhard Kohl ist zur Chiffre geworden, zum Anlass und Symbol dafür, dass bei Doping in Österreich etwas in Bewegung geraten ist.

Vorvergangenen Dienstagabend gibt er erneut eine Pressekonferenz. Diesmal geht es um Hintermänner und dopende Sportlerkollegen. Namen zu nennen hat Kohl stets verweigert und dadurch das Interesse am Thema Doping erst recht angeheizt.

Jetzt blickt er immer fragend zu seinem Anwalt. Man wachse von Beginn an in diese Szene hinein, rechtfertigt er sich leise. Er habe sich am Kauf einer Blutzentrifuge beteiligt, erzählt er, mit anderen Sportlern. 20.000 Euro habe sein Anteil am Eigenblutdoping im Einfamilienhaus betragen. Und dann nennt er den Mann, der all das organisiert haben soll: Stefan Matschiner, 33, seinen ehemaligen Manager.

13 Stunden früher. Im oberösterreichischen Laakirchen sitzt Matschiner gerade am Frühstückstisch, als die Polizei eintritt. Zehn Mann, Sonderkommission Doping. Zwei bewachen ihn, der Rest durchsucht das Haus. Dann führen sie ihn ab.

Als Kohl im Café Landtmann spricht, sitzt Matschiner schon in Untersuchungshaft, teilt dort für eine Nacht die Zelle mit dem Bankier Julius Meinl. Die Triathletin Lisa Hütthaler hat den Sportmanager drei Tage zuvor in einem Kurier-Interview belastet, Kohl tut es jetzt auch, obwohl er bisher immer das Gegenteil behauptet hat. Sie beide wollen Kunden bei Matschiner gewesen sein. Mit Epo, Wachstumshormonen, Insulin und Testosteron sei dort gehandelt worden. Um tausende Euro, im improvisierten Heimlabor, mit Decknamen auf Blutbeuteln und Medikamentenschächtelchen.

Und es soll noch mehr Kunden gegeben haben, sagt Kohl. Der Sonderkommission habe er die Namen bereits genannt.

Österreich, dieser Tage. Ein Dopinggeständnis ergibt eine Verhaftung, auf sie folgen wiederum Geständnisse. So kommen derzeit laufend Fakten ans Licht, die bislang nur als Gerüchte existierten. Es fallen Namen, die auszusprechen bislang eine Unterstellung gewesen wäre. Es offenbaren sich Zusammenhänge, die bislang vage Verdachtsmomente plötzlich erdrückend konkret machen.

Jetzt spricht das ganze Land vom "Netzwerk", vom "Doperparadies", von der "Mafia-Organisation" im Hintergrund. Zwölf Leute soll der innerste Kern der Dopingclique umfassen, besagen Gerüchte, von denen man derzeit recht viele hört.

Wie Schneebretter, die eine Lawine auslösen, reißt nun eine Information die nächste mit sich.

Den ersten Impuls gab der Druck des Auslands. Als eine Putzfrau bei den Olympischen Winterspielen von Salt Lake City 2002 im österreichischen Quartier Blutbeutel und Spritzen fand; als der Langlauftrainer Walter Mayer nach einer Razzia bei den Spielen von Turin 2006 betrunken und mit Selbstmordabsicht in eine Kärntner Verkehrskontrolle raste; als das Gerücht aufkam, dass Experten für DDR-Staatsdoping seit dem Mauerfall ihre Kenntnisse in Österreich verbreiten – da schwante es den kanadischen Weltdopingkontrolloren, den Schweizer Olympiamanagern, den deutschen Journalisten: Etwas stimmt nicht im Staat Österreich. Sie belegten Sportler mit Berufssperren, sie zwangen den mächtigen Österreichischen Skiverband zur Geldbuße und Rechtfertigung, sie nahmen das mysteriöse Blutlabor Humanplasma in Wien-Alsergrund ins Visier. Und eine Debatte kam in Gang.

Danach, wie ein zweites Schneebrett, folgten österreichische Medien. Engagierte Schreiber vom Kurier, von den Oberösterreichischen Nachrichten, von der Tiroler Tageszeitung thematisierten die Vorwürfe. Sie arbeiteten hart gegen mächtige Sportverbände, die viel zu verlieren haben. Und gegen eigene Kollegen, die ihre Jubelmeldung zur patriotischen Bürgerpflicht erklärt haben. Die Debatte weitete sich aus, reicherte sich an, wurde konkret.

Zuletzt, als das Gebälk schon knarrte, kamen die Behörden ins Spiel. Gesetze wurden verschärft. Die neu gegründete Nationale Antidopingagentur Nada, die unabhängig von Sportverbänden agiert, ersetzte 2008 ihren zahnlosen Vorgänger, das Österreichische Anti-Doping-Comité. SPÖ-Sportminister Norbert Darabos gilt – im Gegensatz zu seinem ÖVP-Vorgänger Reinhold Lopatka – als Falke, was Doping betrifft. Er fordert Haftstrafen, nicht nur für den Handel, sondern auch für den Konsum von verbotenen Leistungssteigerungssubstanzen.

Die Konsequenzen dieses Wandels zeigen sich im Aufwand für Dopingjagd und im Diskurs darüber: Doping betreute früher bundesweit ein einziger Polizist, der zusätzlich noch das Feld Umweltkriminalität abdecken musste. Heute ermittelt eine zehnköpfige Sonderkommission.

Bei Sportfans und Behörden gilt es jetzt nicht mehr als geduldetes Kavaliersdelikt. Mit Heißhunger stürzen sich Journalisten und Interessierte auf das nächste Geständnis, die nächste Verhaftung, den nächsten geoffenbarten Zusammenhang. Für exklusive Interviews zücken Zeitungen mittlerweile das Scheckbuch.

So formten die Schneebretter eine Lawine, die derzeit das österreichische Sportlerdorf unter sich begräbt: Freitag vor zwei Wochen werden erstmals in Österreich zwei Personen wegen mutmaßlichen Dopinghandels festgenommen, ein ehemaliger Radprofi und ein Apotheker – beide sind inzwischen wieder frei. Zwei Tage später kommt Walter Mayer, Ex-ÖSV-Trainer und einst als "Vater des österreichischen Langlaufwunders" gerühmt, in U-Haft. Weitere zwei Tage darauf bezichtigt die gesperrte Triathletin Lisa Hütthaler in einem aufsehenerregenden Kurier-Interview Stefan Matschiner und den Wiener Kinderarzt Andreas Z. des Dopinghandels. Vier Tage später, vorvergangenen Dienstag, wird Stefan Matschiner festgenommen. Gleichzeitig kommen drei Hobbysportler in Haft, die in Fitnessstudios mit Anabolika gedealt haben sollen. Und am Abend desselben Tages gibt Bernhard Kohl seine Pressekonferenz.

Dabei fällt ein weiterer Name. Denn Kohl bestätigt nicht nur Hütthalers Anschuldigungen gegen Matschiner. Er spricht auch ein Institut an, dessen mutmaßliche Machenschaften man aus Mangel an rechtlicher Handhabe mittlerweile wieder ad acta gelegt hatte: Humanplasma.

Humanplasma, ein Blutplasmaspendezentrum am Alsergrund, in einem grauen 70er-Jahre-Bau schräg gegenüber dem Franz-Josephs-Bahnhof. An diesem Tag schlüpfen vor allem Studenten und Lehrlinge durch die Tür im ersten Stock. Es riecht klinisch sauber, pro Plasmaspende winken 20 Euro.