Erdbeben in L'Aquila Wiederaufbau mit der Mafia

Aus der Geschichte wissen die Italiener: Der Gewinner eines Erdbebens ist immer die Mafia. Auch die Hilfsfonds zum Wiederaufbau von L'Aquila drohen zur Einkommensquelle verbrecherischer Kreise zu werden

Kaum ein Stein auf dem anderen - Bilder der Zerstörung aus L'Aquila

Die Erde bebt noch und schon jetzt teilt sich die Mafia die Aufträge auf. So sagt man in Italien – und das nicht erst seit dem Erdbeben in den Abruzzen. Silvio Berlusconi hat ein erstes Hilfspaket von 30 Millionen Euro angekündigt, man erwartet auch EU-Gelder aus dem Solidaritätsfond für Naturkatastrophen – am Ende werden Milliarden von Euro nach Abruzzen strömen. Private Spenden und staatliche Gelder, regionale Zuschüsse und europäische Notstandsfonds: Ein langer, ruhiger Fluss, den die Clans in ihre eigenen Taschen umzuleiten gedenken.

Seit Jahrzehnten sind öffentliche Bauaufträge eine Einkommensquelle der Mafia – weshalb sie in der Bau- und Immobilienbranche immer schon zu Hause war. Was kann da Besseres passieren, als wenn eine ganze Region wieder aufgebaut werden muss? In der vom Erdbeben betroffenen Region sind laut Francesco Forgione, dem Präsidenten der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission, vor allem die aus Kampanien stammende Camorra aktiv sowie die apulische Sacra Corona Unita, die jüngste und kleinste Mafia-Organisation.

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Die historische Erfahrung hat die Italiener gelehrt, dass der Gewinner eines Erdbebens immer die Mafia ist. Auch dank dieser Naturkatastrophen gelang es ihr, zu "Italiens größtem Unternehmen" aufzusteigen. Der Umsatz betrage mehr als sieben Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts, teilte der italienische Unternehmerverband mit.

Am 20. Januar 1968 zerstörte ein Erdbeben ein Drittel der Häuser im Belice-Tal in der sizilianischen Provinz Agrigent – ganz so, als hätte die Natur der ärmsten Provinz Italiens noch den letzten Stoß versetzen wollen. Als die Erde in jener Januarnacht bebte, starben 370 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser, rund 1000 wurden verletzt, 70.000 Menschen verloren ihre Bleibe. Ganze Dörfer waren von der Erde verschluckt worden, und in Partanna, Montevago und Santa Margherita di Belice zogen die Überlebenden in Notunterkünfte – in der Hoffnung, hier nur den Winter überstehen zu müssen. Aus einem Winter wurden für die meisten mehr als 25 Jahre. Das Belice-Tal verkörpert seither für ganz Italien die Macht der Allianz von Mafia und korrupten Politikern: Von jenen 2600 Milliarden Lire, die von der römischen Regierung damals für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt wurden, erreichte nur ein verschwindend kleiner Teil die Bedürftigen.

Das große Geld machte die Mafia. Sie übernahm das Baugeschäft, sicherte sich die privaten und öffentlichen Bauaufträge und wurde so zum größten Arbeitgeber im Belice-Tal. Wer Arbeit gibt, der kontrolliert auch Wählerstimmen. Das ist heute noch ein Naturgesetz in Süditalien. Dank der römischen Subventionsmilliarden konnte sich die bäuerliche Mafia des Belice-Tals zum politischen Faktor entwickeln. Wer wie die Erdbebenopfer in Partanna, Montevago oder Santa Margherita di Belice ein Vierteljahrhundert in Wellblechhütten und Pappcontainern überlebt hat, der glaubt nicht mehr an Gerechtigkeit – außer, er verschafft sie sich selbst.

Beim Erdbeben in Irpinia 1980, einem Landstrich in Kampanien, stellte die italienische Regierung 50.000 Milliarden Lire für den Wiederaufbau zur Verfügung, aber nur die Hälfte wurde tatsächlich für den Wiederaufbau genutzt. Stattdessen entstanden Firmen, Stadtviertel, ganze Dörfer nur auf dem Papier. Das Epizentrum befand sich in Neapel – und zwar nicht nur das des Erdbebens, sondern auch das der Camorra-Clans, die dank der Subventionsmilliarden erst richtig reich wurden. Sie verschafften sich damals den politischen und sozialen Einfluss, von dem sie noch heute profitieren.

In Ponticelli, einem Vorort von Neapel, herrscht seit jenem Erdbeben einer der mächtigsten Camorra-Clans Neapels: Die Sarnos beherrschen die gesamte östliche Peripherie der Stadt bis weit ins Umland. Ponticelli, eine Stadt, die noch heute aus den Bauruinen des Erdbebens besteht, ist ihre Festung.

Clanchef Ciro Sarno sitzt zwar im Gefängnis, betreibt aber von dort aus nach wie vor die Geschäfte. Er wird "o’ sindaco" genannt, "der Bürgermeister", weil er sich zum Gebieter über das Volk der "Terremotati" erklärte: jener vom Erdbeben 1980 Vertriebenen, die Ponticellis Bauruinen besetzten. Diese Bauskelette waren von neapolitanischen Bauunternehmern hinterlassen worden, nachdem diese ihre Subventionen kassiert hatten. Ciro o’ sindaco hatte die Wohnungen aufgeteilt. Und für Strom, Wasser und Gasanschlüsse gesorgt. Und sich damit die bedingungslose Ergebenheit derer verschafft,  die nichts mehr zu verlieren haben.

In diesem Kontext verheißen die Worte von Silvio Berlusconi nichts Gutes: "Kehrt nicht in Eure Häuser zurück. Ich garantiere für den Wiederaufbau."

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 09.04.2009 um 9:06 Uhr
    1. Na ja.

    Wie bei uns. Europa wächst eben zusammen!

  1. Dann aber jetz ni einfach nur rumheulen, weils gerade passiert ist, sondern dranbleiben!!! Trotz genereller Zufriedenheit mit der Zeit an dieser Stelle meine Kritik: nach dem Ereignis bekommen wir 7 von 2 nötigen Artikeln zum Thema, schon Wochen später hört man nix mehr (bis auf Einzelfälle). Genau das Interessiert die Leute aber, mehr, als der x-te Beitrag wer gerade wen in der Wirtschaftsprognose korrigiert hat. Nicht missverstehen, ich lese gerne Zeit. Aber selten geht mir gerade das ein bissl auf die Ketten.

    Grüße, David

    • peto1
    • 09.04.2009 um 12:01 Uhr

    Die EU hat gesetze für sogar Krumme Bananen und Gurken doch gegen die Korruption scheint die EU keine gesetze zu haben.

  2. 4. Lazio?

    – am Ende werden Milliarden von Euro nach Lazio strömen

    War das Erdbeben nicht in der Region Abruzzen?

    • Anonym
    • 11.04.2009 um 16:37 Uhr

    Das italienische Volk müßte sich solidarisch gegen eine sie bedrängende, politische Unwucht erheben und Stärke zeigen. Völker können mit den eigenen "Krankheiten" fertig werden, wenn die Bürger gemeinsam und völlig solidarisch politische Mitverantwortung leben. Die EU ist zu komplex, meine ich. Ja, die Aufgabe ist gewaltig, und man möchte angesichts des Berges an Aufgaben resignieren. Wenn dem Geldfluß zum Bösen in einer Gesellschaft aber immer wieder freie Bahn gewährt wird, verlumpt alles mit der Bestechlichkeit. Wer oder was wird am Ende der Sieger sein? Ich hoffe auf das ehrliche Volk.

    Sehr freundlich
    Eleonora Guiadagio

    • Anonym
    • 11.04.2009 um 17:14 Uhr

    direkt in die Hände von korrupten Kriminellen, Geld fließt nach Bulgarien, Albanien, in den Kosovo, nach Rumänien und keiner wird am Ende wissen, wo es geblieben ist.
    Nun geht mal Geld ins Erdbebengebiet nach Italien, wie gesagt es gibt schlimmere Sickergruben, die Menschen dort, brauchen Hilfe und nur das zählt.

    Frohe Ostern und den Menschen in der Erdbebenregion viel Hilfe

    Herzlichst
    Orpheus

  3. Sehr geehrte Frau Reski,

    Sie haben bei der Auflistung der letzten Erdbeben in Italien die Naturkatastrophe vergessen, die das Friual am 6. Mai 1976 heimsuchte. Fast 1000 Toten wurden registriert, gesamte Dörfer vollständig zerstört. Obwohl die Erde bis Mitte September weiter zum Teil sehr stark bebte, war die Hilfsorganisation schnell und Effizient. Innerhalb von 10 Jahren wurden die Dörfer vollständig wieder aufgebaut, zum grossen Teil in Ihrer ursprunglichen architektonischen Form und aber natürlich erdbebensicher. Das Krisenmanagement war vorbildich und kein Fall von Korruption oder Missbrauch von Resourcen wurde bekannt.
    Ich finde sehr Schade, dass Ihr Artikel diese Seite von Italien ignoriert und damit keinen Beitrag zu einer objektiven und vollständigen Information über den Umgang mit Erdbeben in Italien leistet. Gerade in der jetzigen Situation in Italien wäre aber wichtig, dass man facettenreich informiert und nicht durch Schwarzmalerei unnötigerweise ein noch schlechteres Bild über einen Nachbar- und befreundetes Land abgibt. Schade, dass die Sachlichkeit und Vollständigkeit der Information einer schwarzweissen, sensationserrenden Information geopfert wird.
    Mit freundlichen Grüssen. Massimo De Carlo

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