Italien Auf ein Lied mit Isegrim

Im nördlichen Apennin leben wieder Wölfe. Das freut nicht jeden. Doch die Experten sind fasziniert. Und gelegentlich nehmen sie auch Touristen mit auf ihre Exkursionen

Unter dem Passo di Annibale stoppt der Allradjeep. Gleich hinter dem 1800 Meter hoch gelegenen Pass beginnt die Toskana. Doch von Zypressen, Weinreben und wogenden Kornfeldern ist hier keine Spur. Im Grenzgebiet zwischen der Emilia Romagna und der toskanischen Provinz Lucca dominieren schroffe Berggipfel und dichte Buchenwälder.

Es ist kalt an diesem späten Abend im April. Eben rollt die milchige Mondscheibe hinter den winterkahlen Baumriesen hervor, über den Köpfen der Exkursionsteilnehmer spannt sich ein funkelnder Sternenhimmel. „Günstige Bedingungen“, meint Davide Pagliai und wirft einen zufriedenen Blick auf das nächtliche Dunkel. Dann knipst er seine Stirnlampe an und stapft zwischen verstreuten Schneeresten voran. Unsere sechsköpfige Gruppe folgt ihm.

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Zuerst wird noch ein wenig getuschelt, dann herrscht gespanntes Schweigen. Nach einer halben Stunde bleibt Davide bei einem markanten Felsblock stehen. Er schaltet sein Licht ab und kramt in seinem Rucksack. Dann reckt sich der Dreißigjährige und beginnt in eine Art Schalltrichter zu heulen. In kurzen, anfangs tiefen, dann helleren Rufen ahmt er das klagende, einsame Geheul eines Wolfes nach.

Davide Pagliai ist Naturwissenschaftler. Im Rahmen eines Projektes, das von der EU mitfinanziert wird, untersucht er die Lebensbedingungen von canis lupus, der hier im Regionalpark Frignano im nördlichen Apennin umherstreift. Manchmal dürfen neugierige Touristen an den nächtlichen Ausflügen teilnehmen – die Touren finden nachts statt, tagsüber lassen sich die nachtaktiven Tiere weder blicken, noch hören. Doch in erster Linie dient das so genannte Wolf-Howling wissenschaftlichen Zwecken.

Durch das Heulen werden eventuell umherschweifende Wölfe zu einer Antwort herausgefordert. Denn wenn ein Einzeltier in ein fremdes Revier eindringt, sondiert es mit seinem Geheul die Lage: Es will wissen, ob Artgenossen in der Nähe sind, und wie diese eventuell auf seine Anwesenheit reagieren. „So erforschen wir das Verhalten des Rudels“, erklärt Valerio Fioravanti, der Direktor der Parkverwaltung. „Wir verfolgen ihre Spuren, um Aufschluss über die Jagdmethoden und das Wanderverhalten der Tiere zu erhalten.“

Im Naturpark Frignano, so konnten Fioravanti und seine Mitarbeiter inzwischen herausfinden, leben seit geraumer Zeit mehrere Einzeltiere sowie zwei etwa achtköpfige Rudel. Mittels Wolf-Howling stießen die Forscher im letzten Sommer sogar auf ein Waldstück, in dem eines der Rudel seine Jungen aufzog.

Unterdessen hat Davide Pagliai noch einige Male angehalten, um das Wolfsritual zu simulieren – bisher vergeblich, eine Antwort bleibt aus. Aber wir Begleiter waren vor Beginn der Tour gewarnt worden: Die Tiere bewegen sich in einem Gebiet von 200 bis 250 Quadratkilometern, da ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass ein Wolf zufällig des Weges kommt und reagiert, wenn ein vermeintlicher Eindringling in seinem Revier auftaucht.

Immerhin, auf eine eindeutige Spur ist die Gruppe tatsächlich gestoßen – auf zermalmte Knochen im Schnee, auf mehrere Haarbüschel und andere ältere Überbleibsel vom blutigen Raubtiermahl. „Wenn die Wolfslosung frisch wäre“, sagt Pagliai, „würde ich sie einsammeln und zur DNA-Bestimmung in das Universitätslabor von Modena schicken.“

 Lange Zeit galt der Wolf in Italien als praktisch ausgestorben. Lediglich in den entlegensten Winkeln der Abruzzen lebten noch einige kleine Bestände. In den 1970er Jahren wurden die Tiere dann unter Schutz gestellt, seitdem vermehren sie sich wieder. Zugute kommt Isegrim dabei die Abwanderung der Menschen aus den wirtschaftlich uninteressanten Berggebieten: Damit zusammen hängt die Vermehrung von Rehen und Wildschweinen, der bevorzugten Wolfsbeute. Aber nach wie vor wird das übel beleumundete Raubtier vom Menschen verfolgt.

„Jedes Jahr“, erzählte am Tag vorher Valerio Fioravanti von der Nationalparkverwaltung, „entdecken wir mehrere verendete Wölfe. Sie werden über den Haufen geknallt, vergiftet, oder auf brutale Weise mit Drahtfallen erwürgt.“ Trotzdem sind, so die Schätzungen, im Apennin inzwischen wieder 800 Wölfe heimisch.

„Die Bestie ist intelligent und anpassungsfähig. Und sie verursacht große Schäden – jeder Schafzüchter hier kann ein Lied davon singen“, sagt Roberto Brugiani. Der Mittvierziger ist Wirt im Rifugio Giovo, gleich neben dem idyllischen Lago Santo. Der See liegt inmitten des Regionalparkes Frignano und markiert sozusagen das Epizentrum der italienischen Wolfspopulation. Als Gastwirt hat Brugiani jedoch längst erkannt, dass Wölfe den Menschen faszinieren, also eine potenzielle Einnahmequelle bilden. Den Wolfsbegeisterten dient Brugianis Hütte als Basislager für ihre zweitägige Exkursion.

Mit am Tisch sitzt eine Männergruppe in strapazierfähiger Arbeitskleidung. Die Männer sind aus der Gegend, jeder hat zum Thema Wolf eine spannende Geschichte zu erzählen. Sandro etwa, ein Waldarbeiter, beobachtete wochenlang einen grauen Hund. Abend für Abend schlich das Tier an seinem Haus vorbei. Als es dann tot im Straßengraben lag, stellte sich heraus, dass der Hund ein Wolf war – alt und zahnlos, er war elend verhungert.

„Einer weniger“, brummt Antonio, dem im benachbarten St. Andrea eine große Schafherde gehört. In den vergangenen zwei Jahren haben die Wölfe seine Herde um etwa 100 Tiere dezimiert. An Tagen wie heute, sagt der graubärtige Schäfer, sei es besonders gefährlich. Wenn die Wolken tief hängen, diffuse Sicht herrscht und die Herden nervös sind, merke man erst am Abend, wenn einer der Schützlinge fehle.

Für die Teilnehmer der Wolfsexkursion wird es eine unruhige Nacht. Das Rifugio liegt auf einer Waldlichtung, ringsum erstrecken sich endlose Buchenbestände. Die Wölfe, sagen die Männer, lieben den Wald. Sie würden sich nur kurz hervor wagen, um blitzschnell zuzuschlagen. Da ist es vielleicht günstig, dass es in der Gegend mehr Schafe als Menschen gibt.

INFORMATION

Anreise: über die Brennerautobahn, Ausfahrt Modena Sud, dann Richtung Pavullo nel Frignano

Im Park gibt es zwei Besucherzentren: Ca`Silvestro in Fiumalbo, Tel. 0039 536 74052 und Due Ponti in Fanano, Tel. 0039 536 68563

Auf eine Exkursion mitgehen kann jeder, allerdings finden sie nur einige Male im Jahr statt. Auskunft gibt die Parkverwaltung in Pievepelago. Sede del Parco, Via Tamburu, 8; Tel. 0039 536 72134 Internet: www.parcofrignano.it , E-Mail: info@parcofrignano.it

Zwecks Organisation einer Exkursion kann man sich auch an Davide Pagliai wenden: pagliai.d@provincia.modena.it

Trekkingtouren, Reittouren und Exkursione n zur Flora und Fauna des Parks bietet der Veranstalter Associazione Eco, Tel. 0039-3485 162 061, oder 0039-3288 289 895, E-Mail: pererga@libero.it

Unterkunft:
In Pievepelago, dem Ausgangspunkt für Touren im Park:
Hotel Bucaneve, Via Giardini 31, Tel. 0039-53 671 383, Doppelzimmer 60 Euro; E-Mail albergobucaneve@tiscali.it

Hotel Aque Chiare, Via Poggiolo, 10 Tel. 0039-53 678 618, Doppelzimmer 30 Euro

Am Lago Santo:
Rifugio Giovo: Vollpension bei mindestens drei Tagen Aufenthalt im Doppelzimmer ca. 50 Euro. Tel. 0039-53 671 556, E-Mail: info@rifugiogiovo.it , Internet: www.rifugiogiovo.it

 
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