Fussball-Presseschau Bayern hat seine sportliche Identität verloren
Die Kritik an Jürgen Klinsmann wird persönlich und ätzend. Doch die Klubführung der Bayern wird in die Mitverantwortung für das 0:4-Debakel in Barcelona genommen. Eine Presseschau

© Johannes Simon/Bongarts/Getty
Alle in der Haftung: die Verantwortlichen des FC Bayern
Jürgen Klinsmann ist in der Presse durchgefallen. Die wenigsten geben ihm noch eine Chance, seine Reformen in München durchzuführen. Zwar wird auf die Mitschuld der Klubführung an der desaströsen 0:4-Niederlage in Barcelona verwiesen, doch der Trainer mit giftigen Vokabeln aus der Wirtschaftswelt bedacht. Die mit "Spott" noch wohlwollend bezeichnet wären. Klinsmanns Ankündigungen, mit denen er im Sommer 2008 seinen Beginn versah, sind in der FAZ "Lehrsätze eines schlechten Unternehmensberaters", er selbst ein "angeblicher Visionär ohne klare Vorstellungen". Sogar das Etikett "Investmentbanker" findet Roland Zorn treffend: "Aus den tollsten Gewinnversprechen sind längst schwere Verlustmeldungen geworden. Die Scheidung zwischen den Bayern und einem angeblichen Visionär ohne klare Vorstellungen ist nur noch eine Frage der Zeit."
Wolfgang Hettfleisch ( FR ) rät Klinsmann, die Lehre zu ziehen, das Gute zu bewahren: "Klinsmann ist bislang den Nachweis schuldig geblieben, ein fähiger Fußballtrainer auf höchstem Vereinsniveau zu sein. Diese Erkenntnis hat eine tröstliche Seite: Auch der Nutzen des importierten Vulgärwissens aus Management-Seminaren, auf dessen Basis Training und Umfeld umgekrempelt wurden, muss hinterfragt werden. Nicht weil, was neu ist, per se schlecht sein muss, sondern weil das Neue nicht automatisch auch gut und richtig ist."
Daniel Theweleit ( taz ) nimmt Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer ins Visier: "Unter Experten ist es nichts Neues, dass der FC Bayern (wie übrigens auch das international erfolglose Inter Mailand) Einzelspieler kauft, während echte Spitzenteams wie Manchester United oder der FC Barcelona menschlich und fußballerisch harmonierende Gruppen kreieren. Diese Kunst gehörte noch nie zu den Stärken der Münchner, was man auch daran erkennen kann, dass fast kein Spieler, der in den letzten Jahren nach München gewechselt ist, dort besser wurde. Diese dauerhaften Probleme sind gewiss nicht die Schuld Klinsmanns, und deshalb bleibt es spannend, ob sich die Herren Beckenbauer, Rummenigge und Hoeneß nach der zu erwartenden Trennung vom ihrem Trainer eingestehen, dass sie die Verantwortlichen für nunmehr acht Jahre europäische Erfolglosigkeit sind. Der 'Change' ist überfällig, aber derzeit sieht es so aus, als müsste er auch andere Bereiche berühren als nur die Trainerposition und das sportliche Segment."
Nico Stankewitz ( stern.de ) fügt hinzu: "Die Verantwortung für den schlecht zusammengestellten, sehr kostspieligen Kader trägt Klinsmann nur zum kleineren Teil, Hoeneß, Rummenigge und Breitner sollten sich hinterfragen, denn der Hauptfehler stammt aus der Vorsaison, als man in Verklärung der realen Leistungen den Umbruch für abgeschlossen erklärte und offenbar wirklich glaubte, ein Spitzenteam von europäischem Niveau zu besitzen. So unterblieben notwendige Änderungen und Ergänzungen, der neue Trainer wurde mit einem unzureichend besetzen Kader auf die Reise geschickt."
Den Mangel einer Spielidee wendet Klaus Hoeltzenbein ( SZ ) ins Grundsätzliche: "Der FC Bayern hat seine sportliche Identität verloren."
- Datum 08.05.2009 - 15:42 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Mein Gott, es ist von den Neuerungs-Protagonisten das ewige "muß-noch-Neuerungen" und "hat-noch-nicht-Neuerungen-umgesetzt" nicht mehr auszuhalten.
Der Mann hat bei viel Gehalt (hörte was von 5 Mill.Euro pro Jahr) sich in den Rang eines Messias erhoben und wird von vielen Medien und Erneuerungs-und Fortschritts-Adepten als solcher auch dafür gehalten. Wenn es nicht läuft, was ja öfters der Fall sein soll, dann sind, wie gesagt die "muß-noch-" bzw "haben-noch-nicht-Umsetzer" dran schuld. Ganz klar auch - wie rechtfertigt sich sonst auch die Beschäftigung von insgesamt 7 Co-Trainern?
Von den Defiziten dieses Trainer-Lehrlings spricht niemand. Das fängt bei der persönlichen Demontage von Spielern an. Angeblich weil er a) nicht so ins System Klilnsmann paßt b)ein anderer gerade mal besser ist . Die Methode ist ja nicht neu - Kahn und Lehmann lassen grüßen - jetzt ist Rensing gerade dran, vorher wurde der Kapitän für drei Spiele hintereinander auf die Bank gesetzt für einen Herrn Ottl, oder, nicht zu vergessen: Podolsky für einen aus den USA eingeflogenen Donovan. Erreicht wird kurzfristig vielleicht mehr Motivation, langfristig aber Frust, Angst und Ohnmacht vor dem Ausgeliefertsein. In entscheidenden Spielen gibt es keine positive Motivation mehr, sondern Spieler, die zu Untertanen gemacht wurden.
Die taktischen Defizite hat bei der Nationalmannschaft Jogi Löw ausgebügelt, beim FC Bayern aber scheint es niemanden zu geben, es sei denn, die Mannschaft macht eine Geheim-Sitzung ohne Trainer und beschließt aus einer stärkeren Verteidigung heraus zu spielen. Daß der FCB so viel Gegentore wie noch nie sich eingefangen hat, ist ja sehr bezeichnend. Klinsmann ist halt nicht der Trainer, sondern immer noch der Stürmer, der er einmal war und der seinen Drang nach vorne immer noch ausleben will. Was sogar mitunter funktioniert. Dann schießt der FCB 4 oder auch 5 Tore in einem Spiel, verliert aber gegen gut gestaffelte Absteiger-Aspiranten, die in der Verteidigung geübt sind - wie z.B. gegen Cottbus oder Köln. Oder rennt ins offene Messer, wenn die auch noch gute Stürmer haben wie z.B. Bremen (5:2) oder Wolfburg 5:1).
Nee, Klinsmann muß weg. Er war der teuerste Irrtum, den sich der FC Bayern geleistet hat. Nicht weil er 5 Mio Gehalt kostet, sondern weil die Einnahmen wegbleiben werden. Wer will sich die teuerste Millionärs-Mannschaft auf Dauer anschauen, die zwischen Höhenflug und motivationslosem Hühnerhaufen ständig pendelt?
Nach Wolfsburg und Barcelona hat der FC Bayern mehr Ähnlichkeit mit einem orientierungslosen Hühnerhaufen als mit einer gut eingespielten Fußballmannschaft. Wie da noch Deutscher Meister werden?
Die Antwort gibt die Chaos-Theorie. Es gibt so etwas wie eine Selbstorganisation des Chaos. Am Schluß kommt dann meist etwas sehr vernünftiges heraus.
Denn die Zeit des Chaos ist die Zeit für den starken Mann, der sich in solchen Situationen herauskristallisiert. Das war z.B. zu Zeiten des schwachen Helmut Schön ein Franz Beckenbauer, bei Berti Vogts waren es gleich mehrere (ich glaube, Klinsmann gehörte auch dazu, der bei der Europa-Meisterschaft als Spieler über sich hinauswuchs).
Warum soll´s nicht beim FC Bayern auch so laufen? Mark van Bommel scheint mir ein solcher Typ zu sein, der die Mannschaft an die Hand nehmen kann. Verhindern kann dann nur einer noch etwas: ein Klinsmann, der mit seinen Interventionen die Selbstorganisation stört oder verhindert.
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