Bayern München will klagen
"Die vielleicht schlimmste Entgleisung deutscher Medien"
Jürgen Klinsmann wehrt sich gegen die Presse, und Bayerns Mediendirektor Markus Hörwick kündigt an, gegen die "taz" vorzugehen, die Klinsmann am Kreuz darstellt
ZEIT ONLINE: Herr Klinsmann, wie groß ist für Sie die Erleichterung nach dem 4:0 gegen Eintracht Frankfurt vor dem Hintergrund der Schlagzeilen in den Medien ("Klinsmann vor dem Ende", "Auslauf-Projekt Klinsmann", "Notplan: Breitner, Scholl oder Hitzfeld als Saison-Retter?", "Endspiel: Sieg, sonst übernehmen Breitner und Henke")?
Jürgen Klinsmann: Die Mannschaft war sich diese Reaktion selbst schuldig. Misserfolge wie in Wolfsburg und Barcelona werden schnell mit dem Trainer in Verbindung gebracht. So ist nun einmal das Geschäft. Das ist der Gang der Dinge. Bei der Arbeit sind wir jedoch unbeeindruckt und sehr konzentriert. Es war alles ruhig, wir waren besonnen und hatten uns vorgenommen, von der ersten Sekunde an loszulegen. Das hat Franck Ribéry gleich fantastisch gemacht, den Ball aus zwanzig Metern oben rein zu dreschen.
ZEIT ONLINE: Sie sprechen über die Mannschaft. Wie erging es Ihnen persönlich?
Klinsmann: Es ist doch klar, wenn man durch so eine Situation geht, ist das nicht einfach. Man ist auch nur Mensch. Man registriert sehr wohl, was in den Medien steht und was gewisse Leute sagen. Aber das gehört halt mit zu meinem Job. Wenn du Trainer beim FC Bayern bist und die eine oder andere Niederlage kommt, dann musst du deinen Kopf dafür hinhalten. Ich habe kein Problem damit. Ich bin ein Kämpfer. Ich habe schon extremere Momente erlebt. Ich denke nur an die drei Monate vor der Weltmeisterschaft, als viele mich gerne hatten absägen wollen nach der 1:4-Niederlage in Italien. Es ist ihnen nicht gelungen. Zum Schluss gab's das Sommermärchen. Ich weiß, dass ich hier eine Arbeit angefangen habe, die damit nicht zu vergleichen ist. Die Leute im Vorstand aber wissen sehr wohl, was ich kann und was ich jeden Tag tue für den FC Bayern. Und das werde ich weiterhin tun mit all meiner Kraft.
ZEIT ONLINE: Die tageszeitung zeigt Sie sogar am Kreuz.
Klinsmann: Das sind Dinge, die ich mitbekomme, die aber, so extrem sie auch sind, nicht in meiner Macht stehen. Ich kann mich nicht in jemanden hineinversetzen, die so etwas macht. Ich habe dennoch Respekt vor jeder Person, auch vor jeder Meinung. Ich nehme das so hin, und weiß, welche Freude und welche Ehre es ist, Trainer beim FC Bayern zu sein, mit all seinen positiven, aber auch negativen Momenten. Da muss ich jetzt durchgehen. Ich bin nicht derjenige, der dann mit dem Finger zurückzeigen wird. Ich kenne die Mechanismen der Medien. Ich weiß, wie deren Geschäft funktioniert. Aber ich konzentriere mich auf meine Aufgabe.
(Einwurf des anwesenden Mediendirektors Markus Hörwick : Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir gegen die vielleicht schlimmste Entgleisung, die es je in den deutschen Medien gegeben hat, rechtlich vorgehen werden.)
ZEIT ONLINE: Mit dem Torwart-Tausch des 34-jährigen Jörg Butt für den 23-jährigen Michael Rensing haben Sie für zusätzliche Diskussionen gesorgt.
Klinsmann: Jörg Butt war in Barcelona der einzige, der seinen Kopf im Wortsinn hingehalten hat. Er kam aus dem Tor heraus und wurde von Thierry Henry im Gesicht aufgeschlitzt. Er musste dann vom Platz gehen mit vier Treffern ins Netz, war malträtiert, weil seine Mitspieler leider nicht dafür gesorgt haben, Revanche zu zeigen. In einem solchen Moment lasse ich mir das normalerweise nicht bieten. Dann stehe ich zu einem Kerl, der zu einem Leader geworden ist, auch als Nummer zwei. Er ist ein Typ, der seinen Mund aufmacht, der sehr intelligent ist, die Dinge richtig sieht und in dieser Phase der Mannschaft viel Ruhe, Erfahrung, Gelassenheit gibt. Deswegen habe ich ihn in Barcelona vor 96.000 Zuschauern gebracht.
ZEIT ONLINE: Gegen Frankfurt aber saß Rensing erneut auf der Bank. Ist das nicht illoyal?
Klinsmann: Nein. Das sind Entscheidungen, die immer das nächste Spiel betreffen, in denen es nun um alles oder nichts geht. Wir gehen von Endspiel zu Endspiel. Wir haben nach wie vor die Chance, Meister zu werden, wovon ich überzeugt bin. Und da muss ich in dieser Situation Michael leider wehtun und ihm sagen: "Deine weitere Entwicklung muss im Moment hinten anstehen, damit wir die Resultate einfahren, an denen wir alle gemessen werden." Michael muss von der Qualität her noch dahin kommen, wo Butt schon war und noch ist. Das ist eine Qualitätsfrage. Die muss ich jetzt sechs Wochen vor Saisonschluss durchziehen. Das ist keine einfache Entscheidung. Michael hat sie professionell aufgenommen, ist aber natürlich tief enttäuscht.
ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie den mühelosen 4:0-Sieg gegen Frankfurt zwischen den beiden Spielen gegen den FC Barcelona?
Klinsmann: Es war eine Klassereaktion der Mannschaft auf das Debakel von Barcelona. Der Stachel saß sehr tief am Mittwoch. Wir wollten die Dinge wiedergutmachen für unser Publikum. Das ist uns gelungen. Klar, nach einer Stunde war die Luft ein bisschen raus an so einem wunderschönen Sommertag im Frühling. Jetzt nehmen wir uns viel vor für Dienstag, um den Leuten ein tolles Champions-League-Spiel zu zeigen. Vielleicht gelingt es sogar, dieses Ausnahme-Team Barcelona zu schlagen. Wir werden sie nicht mit vier Toren Unterschied besiegen, das ist uns sehr wohl bewusst. Aber wir werden uns mit Anstand und Charakter präsentieren.
Aufgezeichnet von Hartmut Scherzer
- Datum 14.4.2009 - 15:04 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Gerade an Ostern bietet sich auch für die Führungsriege des FC Bayern eine gute Gelegenheit, eigene Positionen zu überdenken und von der sprichwörtlichen Überheblichkeit zu mehr Bescheidenheit zurückzufinden.
Für das CSU-Mitglied Uli Hoeneß dürften christliche Werte nicht nur die Einladung zum Nockherberg bedeuten. Spätestens dort müßte der Manager des FC Bayern gelernt haben, was es heißt, ordentlich "derbleckt" zu werden.
Der Trainer des FC Bayern am Kreuz mag eine besondere Geschmacklosigkeit sein. Aber die schlimmsten Entgleisungen der deutschen Medien finden woanders statt.
Was ist das öffentlich zelebrierte Leiden von Angehörigen gegen das unwirsche Management des FC Bayern.
In einer Zeit, in der Millionen Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten, schieben sich ein paar ausgesuchte Millionäre auf grünem Rasen den Ball zu und sind beleidigt, wenn sich das Publikum abwendet.
Erst die GEZ-Gebühr als Abwrackprämie für Fußballvereine, dann ein peinliches Spiel gegen Barcelona und nun ein Medienverantwortlicher, der jegliche Bodenhaftung verloren hat.
Der FC Bayern wandelt auf einem schmalen Grat.
Als Überheblichkeit würde ich es aber nicht bezeichnen. Hier liegt meiner Meinung nach eher eine krasse Wahrnehmungsstörung und Realitätsverzerrung vor.
Wenn ein Mediendirektor es gewohnt ist Medien zu dirigieren, fällt es ihm schwer zu ertragen, durch die Manege gezogen zu werden. Hätte er als fundamentaler Christ eine Verunglimpfung von Jesus Christus angeprangert, hätte er sich nur auf das Niveau der Mohammedkarikaturenkritiker begeben. So aber hebt er die Führungsetage eines Fußballvereins auf den Schild der Unantastbarkeit. Das ist peinlich.
Als Überheblichkeit würde ich es aber nicht bezeichnen. Hier liegt meiner Meinung nach eher eine krasse Wahrnehmungsstörung und Realitätsverzerrung vor.
Ohne das Interview in der ZEIT hätte ich dieses Osterei doch fast nicht gefunden. Thanx!
F. Mayer
P.S.: Vermutlich ist die pdf-Datei nur über Ostern 2009 unter dem Link erreichbar, habe aber nichts anderes gefunden ..
Danke. Der taz-Titel ist zwar hart an der Grenze des guten Geschmacks, besonders an Ostern.
Aber, er bildet wohl die zu erwartende Opferung des Schuldigen K. ab.
Danke. Der taz-Titel ist zwar hart an der Grenze des guten Geschmacks, besonders an Ostern.
Aber, er bildet wohl die zu erwartende Opferung des Schuldigen K. ab.
… erscheint tagtäglich und firmiert unter dem Namen BILD.
Keine Welt braucht Signaturen.
Um ein guter Trainer zu werden braucht man zehn Jahre, ein Naturtalent vielleicht 6 Jahre. Klinsmann ist kein Naturtalent. Er wird, ähnlich wie Berti Vogts, ein Arbeitstier bleiben. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Coach und Trainer.
Und wenn er nicht lernt seine latente Arroganz abzulegen, wird er weder das Eine noch das Andere, denn so etwas können sich nur ganz Große leisten.
Übrigens, wieso der dritte Platz bei der WM im eigenen Land ein Sommermärchen gewesen sein soll, erschließt sich mir nicht, wo doch Rudi Völler den zweiten Platz im Ausland geholt hat.
Das Wetter war schön und wir wollten Weltmeister werden. Pustekuchen.
Sollte ich mich nicht verzählt haben hat, der Herr aus Schwaben doch glatt 24 Mal das Wörtchen "Ich" in diesem doch überschaubaren Interview fallen lassen. Soviel zu einer Tugend, die die Schwaben gemeinhin auszeichnet: Bescheidenheit.
Im übrigen, so neu ist es nicht einen Fußballer ans Kreuz fixiert zu zeigen. Bereits in seinem Heft 17 von 1995 hat das Fußball-Fanzine "Der Übersteiger" aus HH-St. Pauli anläßlich eines Spiels des FC Bayern München in St. Pauli den zeitweiligen Klinsmann-Kollegen Matthäus ans Kruzifix genagelt gezeigt. An die Reaktion der leitenden Herren aus München kann ich mich nicht mehr erinnern...
http://www.uebersteiger.d...
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