Ostern in Jerusalem Der Muslim mit dem Kreuz

Christliche Pilger aus aller Welt strömen nach Jerusalem. Saleh Abou-Tin verleiht Kreuze an sie und zeigt ihnen, wie sie den Leidensweg Jesu beschreiten können

Der Kreuzverleiher Saleh Abou-Tin

Der Kreuzverleiher Saleh Abou-Tin

Heute wird Saleh Abou-Tin wieder sein Kreuz tragen. Die Nachbarn werden ihm hinterherschauen, flüstern und schimpfen: Muss er, als Muslim, wie ein Christ den Jesus spielen? Saleh Abou-Tin wird sie ignorieren. Wie jedesmal, wenn er die 30 Kilogramm Olivenholz auf seinen Rücken wuchtet und mit der Querstrebe über der Schulter gebeugt durch die Gassen der Altstadt Jerusalems geht, auf dem Leidensweg Christi.

Der 29-jährige israelische Araber glaubt an den Koran – aber noch mehr an sein Geschäft. Er verleiht Kreuze an religiöse Pilger, an Christen aus aller Welt, die die Spuren Jesu auf der "Via Dolorosa" nicht nur erkunden, sondern erleiden wollen. "Sollen sie machen, was ihnen Spaß macht. Für mich ist Jesus ein Prophet und starb nicht am Kreuz, für sie ist das anders. Ich kümmere mich nicht um diese Unterschiede", sagt Abou-Tin.

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Er steht im Schatten eines Kreuzganges und zeigt auf den Eingang der Verurteilungskapelle. "Dort ist gerade meine Gruppe aus England drin", sagt er. "Der Priester hat gesagt, dass er auch für mich beten wird." Abou-Tin grinst.

Er verleiht seine Kreuze stets an Gruppen, nur gemeinsam wollen Pilger das ultimative Christen-Event erleben, alleine schultert man kein Kreuz. Abou-Tin macht für sein Geschäft keine Werbung, sondern hält Kontakte zu Priestern in aller Welt, die ihm die Pilgergruppen vermitteln.

"Ich mag die Priester und sie lieben mich", sagt Abou-Tin. "Ich vermiete die Kreuze, weil ich ihnen gerne helfen möchte. Aber ich würde nie Geld dafür nehmen." Die Gruppen bezahlen Abou-Tin für die Fotos, die er während des Kreuzweges schießt. Zwar gibt es von ihm kein Kreuz ohne seine Fotos – doch hier geht es Abou-Tin ums Prinzip: für Kreuze nimmt er kein Geld, und über Preise spricht er nicht.

Seit 45 Jahren sind er und seine Familie im Kreuzverleih tätig. Sein Vater hat das Geschäft von einem armenischen Christen übernommen, seitdem sind sie laut eigener Aussage die einzige Familie in Jerusalem, bei der man Holzkreuze mieten kann. 20 bis 25, so genau weiß Abou-Tin das nicht, hat er davon im Angebot: Schlichte braune Kreuze, 15 bis 35 Kilogramm schwer, einige neu und blank lackiert, einige abgestoßen und mit dickem Klebeband umwickelt. Manchmal, da fällt eins eben doch herunter.

Seine besten Kunden kommen aus Italien, Spanien, Polen und Amerika, erzählt Abou-Tin. Die Polen mögen die schweren Kreuze, die Italiener die leichten. "Ich zeige den Leuten, wie man das Kreuz richtig handhabt, wie man es alleine oder auch gemeinsam tragen kann", sagt Abou-Tin. "Schließlich möchte jeder mal drankommen."

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