Fussballgeschichte Tore unseres Lebens

Grafite hat das Tor des Jahres geschossen. Wir waren begeistert! Und haben uns an weitere Tore für die Ewigkeit erinnert. Die Favoriten der Redaktion in Text und Video.

Grafite: Der Brasilianer demütigt den FC Bayern mit dem 5:1-Siegtreffer

Grafite: Der Brasilianer demütigt den FC Bayern mit dem 5:1-Siegtreffer

VfL Wolfsburg - Bayern München 5:1, Saison 2008/09, 26. Spieltag

Zehn Ballberührungen in acht Sekunden. Ein Wolfsburger gegen fünf Münchner. Grafite bekommt den Ball im diffusen Mittelfeld, noch weit genug weg vom Strafraum, er treibt Ottl vor sich her, einen Schritt nach links, einen nach rechts, immer weiter, Lell kommt zur Hilfe, der Ball ist längst im Strafraum, Grafite touchiert ihn ein einziges Mal mit dem linken Fuß, gleich danach kommt die entscheidende Körpertäuschung, Grafite schlüpft in die Lücke zwischen Ottl und Lell, Torwart Rensing stürmt ihm entgegen, Grafite weicht ihm aus mit der neunten Berührung, die zehnte ist ein Kick mit der Ferse gegen Rensings Fallrichtung, Lahm kann nicht mehr eingreifen, Breno streckt den Fuß, zu kurz, Ottl dreht sich, eine letzte Anstrengung, aber er kann nicht mehr beschleunigen, in aufreizend geringem Tempo rollt der Ball über die Linie, 5:1, was für ein Tor!

Von Sven Goldmann

Deutschland - Wales 2:1, WM-Qualifikation 1988/89

Was habe ich gejubelt, im November 1989. Das Siegtor von Icke Häßler gegen Wales war für mich als Zehnjährigen ein fußballerisches Erweckungserlebnis. Ich hüpfte auf der Couch herum, warf mich kreischend auf den Boden. Zum ersten Mal habe ich bei einem Spiel richtig mitgefiebert.

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Es ging um alles. Hätte Häßler nicht getroffen, wäre Deutschland nicht zur WM nach Italien gefahren. Und danach sah es lange aus, nachdem die damals starken Waliser in Köln mit 1:0 in Führung gegangen waren.

Rudi Völler glich aus, vermutlich mit typischem Tante-Käthe-Dusel. An das Tor kann ich mich nicht mehr erinnern, auch kein anderer, den ich gefragt habe. Anders das 2:1: ein Knaller, unvergesslich. Flanke Littbarski von links, Volleyabnahme Häßler, in Halbseitenlage, hart und präzise. Ich sehe es heute noch vor mir, was wichtig ist für das Nachstellen im Park, knapp 20 Jahre später. 1989 gab es schließlich noch kein Youtube.

Von Michael Schlieben

Werder Bremen - Alemannia Aachen 3:1, Saison 2006/07, 30. Spieltag

20. April 2007: Ein Tor gegen Alemannia Aachen zu erzielen, ist eigentlich nichts Besonderes. Eigentlich. Es ist die letzte Minute der Nachspielzeit. Aachens Torhüter Kristian Nicht befindet sich gerade nicht dort, wo er eigentlich hingehört. Anstatt den Aachener Kasten zu hüten, mischt er sich in das Getümmel im Bremer Strafraum. Beim Stand von 2:1 für Werder versucht die Alemannia noch den Ausgleich zu erwirken. Doch der Freistoß von Jan Schlaudraff landet bei den Grün-Weißen.

Diego reagiert blitzschnell. Aus genau 62,60 Metern schießt der Brasilianer in hohem Bogen auf das Tor. Weder die Abwehr der Alemannen noch Torwart Nicht sind so schnell wie der Ball. Der kommt kurz vor der Torlinie auf, springt an die Latte und fällt ins Netz. Diegos Treffer verzückt die gesamte Bundesliga und wird zum Tor des Jahres 2007 gewählt und ich freue mich über eines der schönsten Tore, dass ich je sah.

Von Susanne Gough

Deutschland – Italien 0:2 n.V., WM-Halbfinale 2006

Bis zur 119. Minute steht es 0:0. Alle 65.000 Zuschauer im Dortmunder Westfalenstadion denken ans Elfmeterschießen. Dann spielt Andrea Pirlo diesen irren Pass in den Strafraum und Fabio Grosso schlenzt den Ball mit dem linken Fuß ins lange Eck.

An diesem Dienstagabend, am 4. Juli 2006, habe ich gespürt, wie schauderhaft Fußball auf eine Menschenmenge wirkt. Die Männer haben nach diesem Tor eine Stunde lang geheult, die Frauen nur geschrien. Ich fand es großartig.

Nein, für Italien war ich nicht. In den Tagen zuvor hatte ich Angst, für niemanden wirklich zu sein. Mehrere Monate hatte ich mich als Journalist nur mit Fußball und dieser WM befasst. Ich befürchtete, nicht mehr mitfiebern zu können: Wenn aus Hobby Beruf wird, wird das Hobby emotionslos. Aber dieses Tor bewies das Gegenteil. Meine Freunde saßen neben mir. Ihr Gesicht war bemalt, ihr Ausdruck leer. Es war "nur" ein Fußballspiel, aber wir schauten uns an, als hätten wir den Termin für den Weltuntergang erfahren. Es waren keine schönen Momente nach Andrea Pirlos Pass. Aber unvergessliche.

Von Steffen Dobbert

Lukas Podolski lässt sich nicht aufhalten

Lukas Podolski lässt sich nicht aufhalten

 1. FC Köln - 1. FC Saarbrücken 3:0, 2. Bundesliga Saison 2004/05, 24. Spieltag

Ein hundsordinäres Tor werden die Ahnungslosen rufen, die sich jenen Podolski-Treffer aus der Saison 2004/2005 noch einmal ansehen werden: Ein Stürmer rennt frei auf den Torwart zu – und trifft. Dabei kommt es aufs Detail an, in diesem Fall auf die Außenseite des linken Beins des Kölner und Bald-wieder-Kölner Stürmers.

In Zeitlupe: Ein langer Pass kommt aus dem Mittelfeld, halb hoch springt der Ball auf, schwer zu nehmen. Podolski wartet nicht etwa, wie es andere Stürmer täten, um ihn mit dem Fuß anzunehmen, sondern lässt ihn galant von seinem Bein in den Lauf abspringen. So als sei das die gängige Art, sich die Bälle in einem Zweit-Liga-Spiel vorzulegen gegen  - äh - Saarbrücken.

Dass Podolski den Ball anschließend nicht einfach aufs Tor drischt, sondern zum Zungeschnalzen über den heraus laufenden Schlussmann hebt, ist fast schon Nebensache.

Von Philip Faigle

VfB Stuttgart - Bayern München 3:0, Saison 1987/88, 16. Spieltag

Mein Idol aus Jugendzeiten, Jürgen Klinsmann, vollbrachte am 14. November 1987 ein seltenes Kunstwerk: ein Fallrückziehertor. Die Sportschau-Zuschauer wählten es zum Tor des Jahres, auch weil es perfekt in die Wege geleitet wurde: Asgeir Sigurvissons Flankenwechsel über fünfzig Meter formte Günther Schäfer in eine Volley-Flanke um, die Klinsmann in Position brachte.

Für mich bleibt es auch deswegen in ewiger Erinnerung, weil es das 1:0 gegen die verhassten Bayern war. Als der Stürmer Klinsmann 1995 zu den "Bösen" wechselte, traf mich das in meinem VfB-Herzen – obwohl er bereits sechs Jahre zuvor Stuttgart Richtung Italien, Frankreich und England verlassen hatte. Dass er nicht zu diesem Verein in der Bussi-Bussi-Stadt passt, hätte ich ihm schon damals sagen können.

Zwei Jahre später verließ er den Klub mit den Worten: "Nie mehr Bayern!" Offensichtlich braucht diese Erkenntnis alle zehn Jahre eine Auffrischung. Seit 2008 ist er wieder in München, diesmal als Trainer. Wieder scheint es auf eine unglückliche Trennung hinauszulaufen. Ich allerdings lasse mich allenfalls von Frauen zwei Mal enttäuschen, nicht von Fußballern.

Von Oliver Fritsch

Frankreich - Brasilien 1:1, Freundschaftsländerspiel 03. Juni 1997

In den 80er Jahren eroberten Spieler wie Klaus Augenthaler, Martin Kree und vor allem Karl Allgöwer mit ihren knackigen Toren aus 20 Metern und mehr mein Herz. Doch keiner der Anwärter auf den härtesten Schuss der Liga brachte es fertig, ein Tor wie Roberto Carlos zu erzielen. Der brasilianische Außenverteidiger mit den strammen Waden versenkt 1997 im Länderspiel gegen den späteren Weltmeister Frankreich einen Freistoß, wie ihn die Fußballwelt davor und danach nicht gesehen hat.

40 Meter vor dem Tor legt sich Carlos den Ball mit viel Gefühl zurecht. Die Franzosen stellen nur eine Vier-Mann-Mauer auf – ein fataler Irrtum. Carlos nimmt einen langen Anlauf und drischt den Ball mit dem linken Fuß nicht wie es üblich wäre über sondern rechts an der Mauer vorbei. Im ersten Moment scheint es so als zischt der Schuss meterweit am Tor vorbei.

Urplötzlich ändert sich die Flugbahn, der mit dem Außenspann getretene Ball erhält einen irren Spinn und dreht sich in Richtung Tor. Die Kugel schlägt krachend neben dem Innenpfosten ein. Fabien Bartez kann es nicht fassen. Was für ein Knaller. Mich haben schon immer Gewaltschüsse aus der Distanz begeistert. Fußball-Ästheten mögen mich steinigen: So ein Hammer ist mir allemal lieber als ein Sololauf von Maradona oder Messi.

Von Matthias Bossaller 

Deutschland - Dänemark 0:2, EM-Finale 1992

1992 organisierte ich mein erstes Public Viewing. Es war heiß, die Deutschen standen im EM-Finale gegen Dänemark und meine Eltern hatten sich geweigert, den Fernseher in den Garten zu verlegen. Also hockten meine Schulfreunde und ich im Wohnzimmer, mein Kumpel Joe hatte sich den Chefplatz erobert, den breiten, grünen Lesesessel meines Vaters.

Es war eine seltsame Europameisterschaft – wegen des Bosnien-Kriegs war Jugoslawien für das Turnier gesperrt worden. Dänemark rückte nach, die Mannschaft musste erst aus dem Urlaub zurückgeholt werden. Wie immer, wenn die Deutschen gegen einen angeblich schwachen Gegner spielen, wurde es fatal. Doch das wussten wir mit 17 noch nicht.

Wir hatten Hoffnung, auch nach dem 1:0 für Dänemark. Bei jedem Angriff des deutschen Teams sprang Joe aus seinem Sessel und schrie "Ja!Ja!Ja!" Nur – es fiel kein Tor. Dann, in der 78. Minute, sprintete plötzlich Kim Vilfort auf das deutsche Tor zu, Joe flog förmlich an die Decke, und brüllte "Nein!Nein!Nein!" Es war ein harter Aufprall. Nicht nur für die deutsche Elf, die 0:2 verlor, sondern auch für Joe, denn er war durch die Sitzfläche gebrochen. Das nächste Public Viewing fand dann endlich bei uns im Garten statt.

Von Carolin Ströbele

Legendär: Klaus Fischer mit Fallrückzieher

Legendär: Klaus Fischer mit Fallrückzieher

 Deutschland - Frankreich 8:7 n.E. , WM-Halbfinale 1982

Dieses Halbfinalspiel zwischen Frankreich und Deutschland sahen wir in einer Kneipe in Bodrum. Die Gäste waren außer uns alles Türken, in der linken Kneipenhälfte saßen die Fans der Deutschen, in der rechten die der Franzosen. Offenbar hatten sich die Anhänger der Deutschen alle zu uns gesetzt.

Die deutsche Mannschaft war seinerzeit eine seltsame Mischung aus Edelkickern - Rummenigge, Magath, Stielike, Kaltz, Littbarski - und extremen Rauhbeinen vom Schlage Briegels und der Förster-Brüder. Deutschland war zwei Jahre zuvor Europameister geworden und kaum jemand zweifelte, dass das Team bei der WM 1982 ins Finale kommen müsste. In der Verlängerung des Halbfinales jedoch führten die Franzosen plötzlich mit 3:1. Erst der eingewechselte Rummenigge schaffte den Anschlusstreffer. Und in der 108. Minute dann schließlich ein explosionsartiger Aufschrei in der linken Kneipenhälfte: Pierre Littbarski flankt, Horst Hrubesch legt mit dem Kopf vor und Mittelstürmer Klaus Fischer jagt seinen Fallrückzieher ins linke obere Eck.

Das Spiel endete im Elfmeterschießen, dass Deutschland gewann. Das folgende Endspiel sahen wir dann auf dem zentralen Busbahnhof von Izmir. Aber über dieses Spiel schweigt man besser.

Von Steffen Richter

Borussia Dortmund - Juventus Turin 3:1, Finale Champions-League 1997

Was für ein Schuss, was für ein Treffer, was für ein Sieg. Lars Ricken kam spät ins Spiel, war erst zehn Sekunden auf dem Platz, als er allen Mut zusammennahm und einfach aus 30 Meter Entfernung aufs Tor abzog. Der damals 20-jährige Mittelfeldspieler wurde mit diesem einen Schuss zum Star. Er entschied 1997 das Finale der Champions League.

Ich saß auf dem Sofa meines besten Freundes, starrte auf den Fernseher und knetete bis zu Rickens Schuss nervös die Finger. Wir hatten gewettet: Mein Kumpel hatte Juve zum Sieger erklärt. Die beste Mannschaft Italiens, vielleicht die beste Mannschaft der Welt, gegen die Ballspielvereinigung Borussia. Der Favorit kam aus Turin. Mein Freund setze 3:1 auf Juve, aus Trotz tippte ich daraufhin 1:3. Er, der Kicker-Leser, der ausgezeichnete Fußballspieler, das wandelnde Sportlexikon, er, der sich so sicher war – er irrte. Lars Rickens Treffer bescherte mir nicht nur eine Kiste Cola – der harmlose Wetteinsatz unter 16-Jährigen  – sondern auch einen kurzen Triumph. Was für ein Tag!

Schade nur, dass Ricken mit diesem Treffer, das zum Tor des Jahres 1997 gewählt wurde, bereits den Höhepunkt seiner Karriere erreichte und immer das ewige Talent blieb. Ich bleibe wohl für immer sein Fan.

Von Hauke Friederichs

Bayern München - Werder Bremen 1:3, Saison 2003/04, 32. Spieltag

Was hatte der FC Bayern alles getönt: Vom Platz fegen werde man die Bremer in der Münchener Arena und die Meisterschaft damit am 32. Spieltag wieder spannend machen. Für Uli Hoeneß war die Klatsche nur eine Frage der Höhe. Es dauerte bis zur 19. Minute bis Werder dem Bayern-Manager das gegenteil bewies. Kein schönes Tor, aber eines für die Ewigkeit.

Ailton spielt einen Steilpass in die Spitze auf Ivan Klasnic. Der Ball fliegt viel zu weit, eigentlich ein Kinderspiel selbst für jeden Kreisligatorhüter. Oliver Kahn stürmt aus seinem Tor, aber der Ball springt ihm aus den fangbereiten Armen. Der Titan kriecht auf allen Vieren durch seinen Strafraum und kann nicht verhindern, dass der Bremer Stürmer den abprallenden Ball schnappt, einmal um die eigene Achse dreht und diesen von halblinks in das leere Tor schießt. Das ist die Vorentscheidung.

Noch vor der Halbzeit erzielen Micoud und Ailton die Tore zwei und drei. Selbst der Anschlusstreffer von Makaay kann die grünweiße Meisterfeier im Stadion des Erzfeindes nicht mehr verhindern.

Von Christoph Seils

England - Griechenland 2:2, WM-Qualifikation 2000/01

6. Oktober 2001: Es läuft die 93. Minute des WM-Qualifikationsspiels. Um sich direkt für die Weltmeisterschaft 2002 zu qualifizieren, benötigen die "Three Lions" lediglich ein Unentschieden. Doch sie liegen 1:2 zurück. Einzige Hoffnung der Engländer ist David Beckham, der sich in den letzten Sekunden der Nachspielzeit den Ball zum Freistoß zurechtlegt.

Die Torentfernung beträgt 25 Meter. Der englische Kapitän läuft an, schießt und der Ball fliegt über die Mauer in den linken Torwinkel. Der Keeper Antonis Nikopolidis bewegt sich nicht einmal. Was für ein Treffer! Die 67.000 Zuschauer im Stadion Old Trafford sind aus dem Häuschen. England fährt zur WM nach Japan und Südkorea und David Beckham wird zum englischen Volkshelden.

Von Susanne Gough

 
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