Am 23. Mai wird Geburtstag gefeiert und die meisten Kommentatoren sind sich einig: 60 Jahre Grundgesetz sind eine Erfolgsgeschichte. Es hat dem Westen nach dem Faschismus ein demokratisches Gemeinwesen beschert und auch die Ostdeutschen leben seit 20 Jahren nicht schlecht damit.

Umso verwunderlicher ist, dass der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering am Wochenende ein Zeitungsinterview nutzte, um scheinbar unvermittelt eine Verfassungsdiskussion anzustoßen. Er spüre die "Skepsis" mancher Ostdeutscher gegenüber dem Grundgesetz, das ihnen nach der Wiedervereinigung "übergestülpt" worden sei, "anstatt eine gemeinsame Verfassung zu schaffen", sagte Müntefering und fügte dann hinzu: "Das muss man aufarbeiten."

Ausgerecht im Jubiläumsjahr mache Müntefering das Grundgesetz schlecht, schallt es ihm nun entgegen. Für die Union ist es eine "gefährliche Debatte", weil sie das Misstrauen nährt. Für die Grünen ist die Kritik so richtig wie vor 20 Jahren, weil das Land schon damals eine gesamtdeutsche Verfassung gebraucht hätte. Die Linkspartei hält die Debatte für überflüssig, weil eine Verfassung wohl nicht anders aussähe als das Grundgesetz.

Aus den Einwänden spricht viel Wahrheit: Es gibt in Deutschland keine neue Stunde Null, keinen revolutionären Umbruch und - noch nicht einmal im Ansatz - einen Kollaps der Institutionen. Die Deutschen sind mehrheitlich stolz auf ihr Grundgesetz und auch angesichts der schärfsten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren scheint die bundesdeutsche Politik ihrer  demokratischen Verantwortung gerecht zu werden.

Dennoch ist eine Debatte über das Grundgesetz wichtiger denn je. Denn es ist offensichtlich, dass Deutschland an einer  latenten Verfassungskrise leidet. Dass das Grundgesetz nie vom Volk in freier Selbstbestimmung beschlossen wurde und die Ostdeutschen sich diesem nur anschließen durften, ist bloß ein Teil dieser Krise.

An vielen Artikeln des Grundgesetzes ist in den letzten Jahren herumgebastelt worden, nicht immer hat das Werk dadurch gewonnen. Im Gegenteil. Auch nach zwei Föderalismusreformen ist das Problem der Kompetenzenabgrenzung im föderalen Staat nicht gelöst. Der Bund mischt weiterhin in der Länderpolitik mit, im Gegenzug missbrauchen die Ministerpräsidenten den Bundesrat immer noch als Blockade-Instrument.