Dichte graue Wolken hängen tief am Himmel über Caracas. In der von Smog verseuchten Hauptstadt Venezuelas ist Gewalt stets gegenwärtig. Nicht nur auf den Hügeln in den Slums mit ihren dicht an dicht gebauten Häusern, auch in zentral gelegenen Vierteln trauen sich viele Bewohner nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. Zu groß ist die Gefahr, ausgeraubt zu werden oder – schlimmer noch – in die Schusslinie rivalisierender Straßenbanden zu geraten. Ein Menschenleben zählt hier wenig.

In dieser trostlos erscheinenden Welt hat der Dirigent, Komponist und Ökonom José Antonio Abreu vor mehr als 30 Jahren ein vorwiegend staatlich finanziertes System von Kinder- und Jugendorchestern mit inzwischen rund 300.000 Mitgliedern gegründet. Wie es die Musik vermag, Kinder aus notleidenden Familien von der Straße zu holen und ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu machen, zeigt auf beeindruckende Weise der Dokumentarfilm El Sistema, der jetzt in deutschen Kinos angelaufen ist. Er schildert den Alltag von Kindern, die ohne Unterstützung des "Systems" sicherlich niemals ein Instrument erlernt hätten.

Mit schnellen und harten Schnitten führt der Film durch die staubigen Straßen der barrios, vorbei an graffitibemalten Mauern in schmucklose Hinterhöfe, in denen ein paar Jungs Basketball spielen. Parallel dazu existiert eine Welt, die angesichts einer solch tristen Realität fast unwirklich erscheint. Kinder und Jugendliche sitzen konzentriert vor Notenpulten und spielen Geige, Flöte, Kontrabass oder Horn. Mit so viel Intensität, als ginge es um ihr Leben.

Einer von ihnen ist der elfjährige Yobran Bravo aus dem Elendsviertel La Rinconada. Sein Instrument ist die Trompete, die ihm seine Musikschule kostenlos zur Verfügung stellt. "Spielt mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand", habe ihnen der Lehrer gesagt, meint der Junge. Er und seine Freunde wirken reifer und verantwortungsbewusster als so manche Gleichaltrige in Deutschland. Er sei stolz darauf zu musizieren und hoffe, damit seiner Familie zu helfen, sagt der Elfjährige. "Und wir ziehen dabei voran mit Riesenschritten – so wie die Elefanten."