Musikerziehung Mit der Geige aus den Slums
Erstaunlich: Mehr als 300.000 Kinder Venezuelas spielen ein Instrument und suchen damit einen Weg aus Armut und Gewalt. Der Kinofilm "El Sistema" dokumentiert dies

© Luis Cobelo/novapool
Der elfjährige Yobran Bravo (rechts) und seine Freunde "ziehen voran mit Riesenschritten"
Dichte graue Wolken hängen tief am Himmel über Caracas. In der von Smog verseuchten Hauptstadt Venezuelas ist Gewalt stets gegenwärtig. Nicht nur auf den Hügeln in den Slums mit ihren dicht an dicht gebauten Häusern, auch in zentral gelegenen Vierteln trauen sich viele Bewohner nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße. Zu groß ist die Gefahr, ausgeraubt zu werden oder – schlimmer noch – in die Schusslinie rivalisierender Straßenbanden zu geraten. Ein Menschenleben zählt hier wenig.
In dieser trostlos erscheinenden Welt hat der Dirigent, Komponist und Ökonom José Antonio Abreu vor mehr als 30 Jahren ein vorwiegend staatlich finanziertes System von Kinder- und Jugendorchestern mit inzwischen rund 300.000 Mitgliedern gegründet. Wie es die Musik vermag, Kinder aus notleidenden Familien von der Straße zu holen und ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu machen, zeigt auf beeindruckende Weise der Dokumentarfilm El Sistema, der jetzt in deutschen Kinos angelaufen ist. Er schildert den Alltag von Kindern, die ohne Unterstützung des "Systems" sicherlich niemals ein Instrument erlernt hätten.
Mit schnellen und harten Schnitten führt der Film durch die staubigen Straßen der barrios, vorbei an graffitibemalten Mauern in schmucklose Hinterhöfe, in denen ein paar Jungs Basketball spielen. Parallel dazu existiert eine Welt, die angesichts einer solch tristen Realität fast unwirklich erscheint. Kinder und Jugendliche sitzen konzentriert vor Notenpulten und spielen Geige, Flöte, Kontrabass oder Horn. Mit so viel Intensität, als ginge es um ihr Leben.
Einer von ihnen ist der elfjährige Yobran Bravo aus dem Elendsviertel La Rinconada. Sein Instrument ist die Trompete, die ihm seine Musikschule kostenlos zur Verfügung stellt. "Spielt mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand", habe ihnen der Lehrer gesagt, meint der Junge. Er und seine Freunde wirken reifer und verantwortungsbewusster als so manche Gleichaltrige in Deutschland. Er sei stolz darauf zu musizieren und hoffe, damit seiner Familie zu helfen, sagt der Elfjährige. "Und wir ziehen dabei voran mit Riesenschritten – so wie die Elefanten."
Der Dirigent Gustavo Dudamel und sein Simón Bolívar Jugendorchester
In ganz Venezuela gibt es mittlerweile 270 Musikzentren, die sich auf Städte und ländliche Gemeinde verteilen. Aufgenommen werden Kinder ab zwei Jahren. Das Besondere an Abreus pädagogischem Ansatz ist, dass die Kleinen sofort in ein Orchester kommen und gemeinsam mit anderen das Musizieren erlernen. Jahrelanges Üben allein zu Hause ist kein Thema. Stattdessen wird von den jungen Menschen verlangt, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen.
Nicht jeder Ton sitzt auf Anhieb, aber darum geht es auch nicht in erster Linie. Die Kinder sollen Verantwortungsgefühl entwickeln und sich als Teil eines sozialen Ganzen fühlen – denn davon ist Abreu überzeugt. "Ausgrenzung ist die Wurzel allen Übels in der Gesellschaft". Deshalb dürfe Kunst nicht nur einer Minderheit zugänglich sein. In dem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung unter Armut leidet, steht das Orchestersystem auch denjenigen bei, die am äußersten Rand der Gesellschaft stehen.
Junge Strafgefangene dürfen Musik machen, für behinderte Kinder wurden eigene Chöre geschaffen. Einer davon ist der Chor der weißen Hände, in dem hörgeschädigte und sogar taube Kinder durch rhythmische Bewegungsübungen ein Gefühl für Musik bekommen. Weltbekannte Dirigenten wie Simon Rattle und Claudio Abbado waren tief beeindruckt von den Kindern, die weiße Handschuhe tragen und ihre Arme voller Freude in den Himmel recken.
Wer in das System aufgenommen wird, muss bereit sein, regelmäßig zu üben. An sechs Tagen in der Woche wird musiziert, zusätzlich zu Schule und Hausaufgaben. Beethoven, Wagner und Tschaikowsky stehen ebenso auf dem Programm wie Villa-Lobos und andere lateinamerikanische Komponisten. Miteinander zu musizieren bedeutet auch, miteinander Fortschritte zu machen – und sei es nur an Papierinstrumenten, an denen die Allerkleinsten ihre ersten Griffe ausprobieren. Disziplin ist für die Mitglieder der Orchester kein Schreckgespenst, sondern der Weg zu ihren Zielen.
Die meisten Musiker träumen davon, die Leiter des "Systems" weiter zu erklimmen und irgendwann auf der höchsten Stufe zu stehen. An der Spitze der Pyramide steht das Simón Bolívar Jugendorchester, das in aller Welt gefeiert wird. Sein Chefdirigent Gustavo Dudamel, bisher auch musikalischer Leiter des Sinfonieorchesters Göteborg, nimmt im Herbst als Nachfolger von Esa-Pekka Salonen die Spitzenposition beim Los Angeles Philharmonic ein.
Auch die Kontrabassistin Mairi Padron aus La Rinconada wollte in ein weiterführendes Orchester aufrücken. Ausgerechnet am Tag des Vorspiels habe man ihr aber in ein Bein geschossen, erzählt sie vor laufender Kamera. Dennoch mobilisierte die heute 18-Jährige ihre Kräfte, ging in die Schule und spielte ihr Instrument trotz großer Schmerzen. Inzwischen studiert sie Erdölingenieurwesen. Nicht alle Jugendlichen in den Orchestern werden später professionelle Musiker. Sie alle entwickeln aber ein anderes Verhältnis zu Musik als diejenigen, die nie ein Instrument erlernt haben. So sieht es auch Gustavo Dudamel, der einmal stolz erklärte, nirgendwo sonst als in Venezuela gebe es ein so gebildetes Konzertpublikum.
Filme wie El Sistema sind wichtig, weil sie dabei helfen, Abreus Philosophie, die Entwicklung des venezolanischen Orchesternetzwerks und den Alltag der Musiker über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen. Mehrere Länder Lateinamerikas sind bereits diesem Modell gefolgt, das auch in Europa auf großes Interesse gestoßen ist. Innerhalb Venezuelas tauschen die Musikschulen regelmäßig Videos von Proben und Aufführungen aus, um sich gegenseitig zu unterstützen. Jugendliche aus den Orchestern stellen die Filme auf Portale wie Facebook und YouTube, kommentieren sie und verschicken Einladungen zu Konzerten. Ihre Begeisterung könnte Altersgenossen in aller Welt davon überzeugen, dass klassische Musik kein Dasein im Elfenbeinturm führen muss.
Der Dokumentarfilm von Paul Smaczny und Maria Stodtmeier, eine Koproduktion von EuroArts mit ARTE France, NHK und SF, ist vom 16. April an in deutschen Kinos zu sehen.
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- Datum 16.04.2009 - 17:11 Uhr
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