ZEIT ONLINE: Seit 2005 wird den Bürgern immer wieder versprochen, sie sollten demnächst die elektronische Gesundheitskarte in Händen halten. Wie kommt es zu diesen ständigen Verzögerungen?

Klaus Theo Schröder: Ich denke nicht, dass von ständigen Verzögerungen gesprochen werden kann. Es hat einige Zeit in Anspruch genommen, bis die Organisationen der Selbstverwaltung, also der Krankenkassen, Krankenhäuser, Ärzte, Zahnärzte und Apotheker eine arbeitsfähige Gesellschaft für die Durchführung des Projektes aufgebaut haben. Dies ist aber Rückschau und Vergangenheitsbewältigung. Wenn wir nach vorne schauen, sehen wir, dass der Rollout der elektronischen Gesundheitskarte inzwischen in der Region Nordrhein mit der Beschaffung der Kartenterminals läuft.

ZEIT ONLINE: Erst wenn 85 Prozent der Ärzte sich ein Lesegerät angeschafft haben, wollen die Kassen die Karten verschicken. Derzeit haben in der Region Nordrhein erst 130 von 21.000 Ärzten ein solches Terminal – ein halbes Prozent. Bis wann werden die 85 Prozent in der Region Nordrhein erreicht?

Schröder: Wenn sich alle Beteiligten so professionell wie die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein verhalten, können die vereinbarten Meilensteine Mitte des Jahres 2009 erreicht werden.

ZEIT ONLINE: Wann erhalten die Versicherten in den nächsten Regionen wie Oberbayern nun ihre elektronische Gesundheitskarte?

Schröder: Nach den Planungen der Selbstverwaltung wird der Rollout ausgehend von Nordrhein konzentrisch auf die Bundesrepublik Deutschland ausgeweitet.

ZEIT ONLINE: Welche Fehler hat das Gesundheitsministerium bei diesem Projekt zu verantworten?

Schröder: Das Bundesgesundheitsministerium hatte in diesem komplexen Projekt die Rahmenbedingungen zu setzen. Diese wurden mit einer breiten politischen Mehrheit und enger Einbindung des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit realisiert. Die konkrete Umsetzung ist Aufgabe der Selbstverwaltung.

ZEIT ONLINE: Halten Sie die Beteiligten angesichts eines derart unglücklichen Projektmanagements für fähig, ein so komplexes Projekt dauerhaft erfolgreich zu betreiben?

Schröder: Das deutsche Gesundheitswesen ist kein zentralstaatlich organisiertes System, in dem Entscheidungen von einer einzigen Stelle gefällt werden. Es ist ein selbst verwaltetes System, bei dem das Bundesgesundheitsministerium den gesetzlichen Rahmen vorgibt. Die Herausforderung bestand und besteht darin, die teilweise unterschiedlichen Interessen der einzelnen Akteure der Selbstverwaltung auf eine Zielrichtung zu bündeln. Um diesen Prozess zu beschleunigen, wurde Anfang 2005 die "gematik", eine Betriebsorganisation der Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens, gegründet. Die bisherigen Arbeiten in der Testphase und beim laufenden Rollout zeigen, dass die gematik die gestellten Aufgaben immer besser umsetzt.

ZEIT ONLINE: Die Ärzte drohen trotzdem mit Boykott. Die AOK verlangt eine gesetzliche Verpflichtung der Ärzte zur Kooperation. Wird es eine derartige Verpflichtung geben?