Das Problem beschäftigt die Energiebranche seit langem: Wohin bloß mit zu viel produziertem Windstrom? In Prenzlau bei Berlin will man nun die Lösung gefunden haben. In ihrer Heimat Uckermark gibt heute Bundeskanzlerin Angela Merkel den Startschuss zum Bau eines 21 Millionen Euro teuren Kraftwerks, das erstmals in der Lage sein soll, überschüssigen Ökostrom in Form von Wasserstoff zu speichern.

Glaubt man dem
brandenburgischen 
Energieunternehmen Enertrag, entsteht so das "weltweit erste industrielle Hybrid-Kraftwerk". Die kleine Anlage vernetzt zwei unterschiedliche Ökoenergien: drei Windräder mit einer Leistung von jeweils zwei Megawatt und zwei Biogasanlagen à 350 Kilowatt. Der Clou aber ist die angeschlossene Wasserstoffproduktion. Die wird angeschmissen, wenn die Windräder zuviel Strom produzieren, und sich eine Einspeisung ins Stromnetz nicht lohnt.

Das Prinzip: Mit dem überschüssigen Strom stellt das Kraftwerk Wasserstoff her. Das flüchtige Element wird daraufhin in Tanks gelagert und kann bei Bedarf rückverstromt werden. "So erreichen wir die gleiche Prognosefähigkeit wie ein echtes Kraftwerk", sagt ein Enertrag-Sprecher. "Es ist ein Paradigmenwechsel, denn Windstrom wird erstmals mit Hilfe von Wasserstoff speicherbar."

Tatsächlich sucht die Branche seit Jahren nach einem Weg, überschüssigen Strom zu speichern. Denn dieser macht große Probleme: Sinkt der Bedarf und ist zu viel Windstrom im Netz, kommt es immer wieder vor, dass Windparks abgeschaltet werden müssen. Still stehende Windräder stoßen jedoch auf wenig Verständnis in der Bevölkerung – erst recht nicht, wenn der Wind stark bläst.

Ob allerdings Wasserstoff das Speichermedium der Zukunft ist, darüber sind sich Energieexperten noch völlig im Unklaren. Die Rückverstromung gleicht zumindest einer reinen Energieverschwendung. "Der Wirkungsgrad der Ein- und Ausspeicherung liegt bei nur etwa 20 bis 40 Prozent", sagt Martin Pehnt, Energieexperte am Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Der Betreiber Enertrag kontert solche Bedenken mit dem Einwand, man verwende nur Ökostrom in energieeffizienten Blockheizkraftwerken. Hierdurch entstehe kein Gramm des Treibhausgases Kohlendioxid.

Doch selbst das Argument zieht nach Ansicht von Experten nur begrenzt. "Auch Windkraftpotenziale sind beschränkt, man sollte sich gut überlegen, was der effizienteste Einsatz von Ökostrom ist", gibt Stefan Lechtenböhmer vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie zu bedenken. So ist es womöglich ähnlich sinnvoll, das europäische Stromnetz stärker zu verzahnen, um überschüssigen Windstrom in anderen Ländern nutzen zu können.

Hinzu kommt das Problem der Lagerung. Enertrag will den Wasserstoff vorerst in oberirdischen Tanks deponieren. Langfristig sind auch unterirdische Speicher angedacht. Das aber dürfte schwierig werden, denn der Platz unter der Erde wird langsam eng. "Bei größeren Mengen Wasserstoff bräuchte man größere Speicher - aber unterirdische Kavernen werden gerade vielfach verplant", sagt Pehnt. Für die Speicher, die in Frage kämen, interessieren sich auch die Entwickler von so genannten CCS-Anlagen, die das Treibhaus Kohlendioxid im Kraftwerk abscheiden und unter Tage verpressen. Und auch Geothermie-Projekte (Erdwärme) spekulieren auf Grund und Boden.