Urnengang in IndienWo Wahlkämpfer wie Götter einschwebenSeite 2/2

Deshalb wittern nun mächtige Regionalfürsten wie Kumari Mayawati ihre Chancen. Als erster Unberührbarer in der Geschichte Indiens werden ihr, wenn auch nur winzige, Chancen eingeräumt, die Macht in Delhi zu erobern. Noch vor zehn Jahren spottete Delhis versnobbte Politikclique über ihre fleischfarbenen Socken, ihre unmöglichen Handtaschen und ihr schlechtes Englisch. Doch heute fürchten die großen Parteien die schillernde „Königin der Dalits“, wie die Unberührbaren in Indien heißen. Mit ihrer Kastenpartei BSP hat Mayawati 2007 im größten der 28 Bundesstaaten, Uttar Pradesh, die Mehrheit erobert und die 125 Jahre alte Kongresspartei der Gandhis düpiert. Nun will sie in Delhi ihr Glück versuchen. Dabei gilt die 53-Jährige als eine der korruptesten Figuren im Lande. In kurzer Zeit hat sie ein riesiges Vermögen angehäuft und zahlt angeblich mehr Einkommensteuer als Multimilliardär Anil Ambani.

Die wachsende Parteienzahl macht stabile Mehrheiten fast unmöglich

Indiens Parteienlandschaft befindet sich im Umbruch. Keine der großen Parteien kann noch alleine regieren. Bei den Wahlen 2004 kam die Kongresspartei, einst unangefochtene Alleinherrscherin, auf gerade 26 Prozent, die BJP folgte mit 22 Prozent. Die wahren Gewinner heißen Mayawati, Jayalalitha oder Lalu Prasad. Sie führen Regional- und Kastenparteien, die wie Pilze aus dem Boden schießen. 1951 zählte Indien 72 Parteien, 2004 waren es schon 230 und ihre Zahl steigt weiter. Daher entscheiden immer weniger Sachthemen, sondern Allianzen über Sieg oder Niederlage. Es gibt den UPA-Block um die Gandhi-Partei, den NDA-Block um die BJP und eine dritte Linksfront, die aber äußerst brüchig ist.

Wenn am 16. Mai alle Stimmen ausgezählt sind, beginnt der große Kuhhandel. Die zahllosen Regional- und Kastenparteien werden sich zu Koalitionen sortieren und Königsmacher spielen. In ihrer Regierungszeit von 1999 bis 2004 schlug sich die BJP mit 23 Koalitionspartnern herum. Und die zuletzt regierende Kongresspartei brachte es auch mit 13 Partnern nicht auf eine eigene Mehrheit und musste die Kommunisten bitten, die Regierung von außen zu stützen.

Die wachsende Parteienzahl macht es immer schwerer, stabile Mehrheiten zu organisieren und das Land zu regieren. „Regierungen werden immer mehr zur Geisel von Regional- und Kleinparteien“, klagen die Medien. Das musste auch Regierungschef Singh erfahren. In den vergangenen fünf Jahren musste er fast alle großen Reformen dem Koalitionserhalt opfern. Auch den zivilen Atomdeal mit den USA konnte die Regierung nur durchs Parlament hieven, weil kräftig geschmiert wurde. Nur aufs Geldausgeben konnte sich die fragile Koalition leicht verständigen. In den vergangenen Jahren machte Delhi viele fragwürdige Wahlgeschenke. Die Rechnung bekommt die aufstrebende Wirtschaftsnation nun präsentiert. Obgleich die Wirtschaft über Jahre brummte, steht der Staat in der Finanzkrise mit leeren Händen da. Nur mühsam konnte Indien ein Konjunkturpaket von acht Milliarden Euro auflegen.

Eine stabile Mehrheit, die das Land durch die Krise lotsen kann, ist auch dieses Mal nicht in Sicht. Selbst die unzähligen Astrologen Indiens, die sonst alles besser wissen, sind überfragt. Nicht ausgeschlossen, dass nach zähen Verhandlungen der Spitzenkandidat einer kleinen Partei Premierminister wird. Zumindest für eine Weile – bis wieder neu gewählt wird.

 
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