StaatsangehörigkeitGeheimnis Integration

Tausende Jugendliche müssen sich in den kommenden Jahren für oder gegen die deutsche Staatsangehörigkeit entscheiden. Doch keine Behörde erfasst ihre Zahl von Andrea Dernbach und Katja Reimann

Die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts 2000 war die womöglich am härtesten umkämpfte in der jungen Geschichte des vereinigten Deutschlands. Doch wie das Gesetz gewirkt hat, wie viele der jungen Doppelstaatsbürger, die es seit damals gibt, sich als Erwachsene für oder gegen den deutschen Pass entscheiden, das wird vorerst ein Geheimnis bleiben: Sie werden nämlich statistisch noch nicht erfasst.

Nach der sogenannten Optionsregel des Gesetzes erhalten ab dem Jahr 2000 hier geborene Kinder von Ausländern zusätzlich zur Staatsangehörigkeit der Eltern die deutsche, wenn die Eltern sich hier mindestens acht Jahre rechtmäßig aufhalten. Rückwirkend gilt diese Regelung auch für Kinder ab dem Geburtsjahrgang 1990. Sie müssen sich mit 18 Jahren, spätestens bis zu ihrem 23. Geburtstag, für eine der Staatsbürgerschaften entscheiden. Tun sie dies nicht, verlieren sie die deutsche automatisch. Die ersten Jugendlichen betraf dies 2008. Die sogenannte "Optionsregel" war ein Kompromiss zwischen der Union, die Mehrstaatigkeit ganz und gar ablehnte, und der Mehrheit des rot-grünen Lagers, die sie für hier geborene ausländische Kinder grundsätzlich zulassen wollte. Die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts hatte vor gut zehn Jahren die deutsche Politik erschüttert und der damals frisch gewählten Regierung Schröder nicht nur ihre erste schwere Niederlage auf einem der rot-grünen Kernfelder bereitet: Sie kostete Rot-Grün auch die Mehrheit im Bundesrat, nachdem Roland Koch (CDU) im hessischen Wahlkampf Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft sammelte und so die Landtagswahl für sich und die CDU entschied.

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Doch was nun aus den "Optionskindern" wird, ist unklar; keine Behörde erfasst bislang, wie viele der Jugendlichen bereits von der Regelung Gebrauch gemacht und sich für den einen oder anderen Pass entschieden haben: Zwar gebe es beim Bundesverwaltungsamt seit Februar 2009 ein neues Register (EStA), in dem die Entscheidungen der Optionskinder gesammelt würden, sagt Harald Grölinger vom Bundesverwaltungsamt. Allerdings könnten viele der dezentralen Daten "aus technischen Gründen" erst ab Juni 2009 in das Register aufgenommen werden. Statistische Aussagen seien daher noch nicht möglich. Das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zählt zwar alle Optionskinder in Berlin bis zum Alter von 18 Jahren, erfasst jedoch nicht, wer sich nach Erreichen der Volljährigkeit für welchen Pass entscheidet. Auch das Statistische Bundesamt registriert die Fälle nicht. Ebenso wenig das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Für Einbürgerungen seien laut Gesetz die Bundesländer zuständig, heißt es dort.

Allerdings handelt es sich bei den Optionskindern nicht um eine Einbürgerung: Die Jugendlichen sind regulär Deutsche, da sie bereits einen deutschen Pass besitzen. Mit ihrem 18. Geburtstag werden sie lediglich dazu aufgefordert, offiziell zu erklären, ob sie es bleiben wollen und dafür bereit sind, ihre weitere Staatsbürgerschaft abzugeben.

Offensichtlich ging im Grabenkrieg zwischen Schwarz und Rot-Grün vor Jahren die Frage unter, wie man die Wirkung des Gesetzes und die Zahl der Optionskinder erfasst, die sich für oder gegen den deutschen Pass entschieden haben. Die Grünen-Politikerin Marieluise Beck, damals Ausländerbeauftragte, erinnert sich, dass allein die Änderung der Verwaltungsvorschriften acht Jahre gedauert habe. "Detailfragen wie diese konnten wir nicht ins Gesetz schreiben."

Dafür, die jungen Nicht-mehr-Doppelstaatler zu zählen, wird es Zeit. Schon letztes Jahr nämlich wurde es für die ersten rund 3300 Jugendlichen ernst. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag erhielten sie einen Brief vom Meldeamt – mit der Aufforderung, sich bis zu ihrem 23. Lebensjahr für eine der beiden Staatsangehörigkeiten zu entscheiden. 2009 kommen weitere 3800 Jungen und Mädchen hinzu, bis 2018 werden es knapp 50.000 sein.

Leserkommentare
    • iboxa
    • 17. April 2009 12:56 Uhr

    Die Türkeideutschen dürften sich wohl eher für den deutschen Pass entscheiden, denn soweit ich weiss gibt ihnen die Türkei dann immer noch einen neuen türkischen Pass. Damit hätten sie dann trotz der Regelung in Deutschland in der Praxis weiter Wahlfreiheit. Das selbe gilt natürlich auch für andere Länder mit entsprechenden Regelungen.

  1. Ich habe eine Freundin, deren türkische Eltern sie nicht für die deutsche Staatsbürgerschaft angmeldet hatten bei der Geburt in Deutschland. Als ich sie in den U.S.A traf, war sie dorthin geflüchtet, illegal, weil ihre Eltern sie schon mit 14 verheiraten wollten und sie zwingen wollten sich trotz ihrer deutschen Bildung an die türkischen Traditionen zu halten.
    Meine Freundin fühlte sich als Deutsche, sie ist schliesslich hier wie die anderen Deutschen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie musste flüchten aus dieser bedrohlichen Situation oder den Ehrenmord durch ihre Brüder fürchten.

    All diese Diskussionen um Optionen sind doch mal wieder nur halbgare, zögerliche Zugeständnisse, denn es wäre nur logisch in Deutschland geborenen Kindern, egal welcher Abstammung, automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft zu geben. Meinetwegen auch erst ab dem Einschulungsalter, aber ab da ganz bestimmt und ohne Verzögerung.
    Woher sollen denn bitteschön die Kinder wissen, dass sie die Option auf eine Staatsbürgerschaft haben, wenn sie von den Eltern abgeschirmt werden oder sogar erpresst und bedroht.
    Es ist doch kein Wunder, dass in Deutschland die wirkliche Integration nicht stattfindet.

  2. Was gerne vergessen wird ist die Tatsache dass nicht alle Migranten bettelarm sind, und durchaus etwas zu erben haben in Ihren Ursprungsländern.

    Wenn man ausschließlich die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt gibt es Komplikationen wenn es mal soweit ist dass der Besitz der Großeltern aufgeteilt werden muss.

    Das fängt mit hohen Steuersätzen für "Ausländer" an und reicht bis hin zu erheblichen Nachteilen vor Gericht wenn es denn mal zum Streit kommt mit anderen Familienmitgliedern.

    Aber das sind Probleme von Erwachsenen. Die würden ja schon, zusätzlich, die deutsche Staatsangehörigkiet annehmen, aber nicht ausschließlich. Das das nur mit Jugendlichen geht ist absurdes Theater.

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    • J.E.B.
    • 17. April 2009 19:03 Uhr

    Ah ja... für die zu erwartenden materiellen Nachteile Deutscher, die in der Türkei die türkische Famile beerben wollen, muß dann natürlich der deutsche Staat die Gesetze ändern.

  3. Ich hatte gestern ein Termin zwecks Anstragstellung in der Einbürgerungsbehörde - welch ein "Zufall", dass dies heute ein Thema ist.
    Nun informierte ich mich (obwohl ich hir seit Jahren lebe), was es eigentlich bedeutet im Pass "Deutsch" zu sein und ich fand etwas (www.brd-matrix.de) was ich mich erst beunruhigt hat und weshalb ich mit der Einbürgerung abwarten möchte.
    DAss auf BRD die andern Mächte noch Zugriff haben (kein Friedensvertrag) behalte ich lieber meine liebe alte Staatsangehörigkeit...

  4. Wen interessiert, wie viele 18-jährige sich so oder so entscheiden? Jeder wird für sich private Gründe haben und die stehen sowieso nicht in der Statistik.
    Interessant wäre doch höchstens, warum sich Leute so oder so entscheiden.

    • J.E.B.
    • 17. April 2009 19:03 Uhr
    6. .

    Ah ja... für die zu erwartenden materiellen Nachteile Deutscher, die in der Türkei die türkische Famile beerben wollen, muß dann natürlich der deutsche Staat die Gesetze ändern.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • J.E.B.
    • 17. April 2009 19:06 Uhr

    für die = wegen der ...

    Wie wäre es denn mit einem pragmatischen Ansatz: Akzeptieren dass dieses Problem existiert, ein bilaterales Abkommen aushandeln das es den entsprechenden Personen leichter macht sich ausschließlich für den Deutschen Pass zu entscheiden.

    Grundsätzlich gilt: Wir sind hier nicht auf Island, wir können uns nicht vor der Welt hinter einem Eismeer und drei Gletschern verstecken.

    • J.E.B.
    • 17. April 2009 19:06 Uhr
    7. .

    für die = wegen der ...

    Antwort auf "."
  5. Wie wäre es denn mit einem pragmatischen Ansatz: Akzeptieren dass dieses Problem existiert, ein bilaterales Abkommen aushandeln das es den entsprechenden Personen leichter macht sich ausschließlich für den Deutschen Pass zu entscheiden.

    Grundsätzlich gilt: Wir sind hier nicht auf Island, wir können uns nicht vor der Welt hinter einem Eismeer und drei Gletschern verstecken.

    Antwort auf "."
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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Schlagworte CDU | Integration | Roland Koch | SPD | Staatsangehörigkeit | Bundesrat
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