Wirtschaftskrise
"Die Schwelle zur Gewalt sinkt"
Jobverlust und Abstiegsangst: Die Wirtschaftskrise wird neue Verteilungskämpfe hervorbringen, sagt der Soziologe Klaus Dörre - und warnt vor gewaltsamen Protesten

© AFP / Getty Images
Ein französischer Gewerkschaftler spricht zu den Beschäftigten des Continental-Werkes in Clairoix im Norden Frankreichs
ZEIT ONLINE: Herr Dörre, in Frankreich nehmen aufgebrachte Arbeitnehmer ihre Manager in Geiselhaft, in Großbritannien fliegen Steine in Bankfilialen. In Deutschland ist es so ruhig, dass der Berliner Korrespondent der New York Times, Roger Cohen, unlängst gar von der "German Lässigkeit“ sprach. Überrascht Sie das?
Klaus Dörre: Ich halte die These, die Deutschen seien gelassen und ruhig, für falsch. An der Oberfläche mag das so aussehen. Darunter aber brodelt es, die Wut ist längst da. Sie hat nur noch nicht ihr Ventil gefunden.
ZEIT ONLINE: Sie nehmen an, dass sich der Zorn entladen wird.
Dörre: Ja. In Frankreich lässt sich bereits beobachten, was geschieht, wenn die Krise fortschreitet. In Deutschland gibt es das Instrument der Kurzarbeit, das den Abschwung am Arbeitsmarkt verzögert. Im Frühsommer aber werden die ersten Massenentlassungen kommen, dann haben wir andere Verhältnisse.
ZEIT ONLINE: Welche Slogans wären in der Lage, diesen Protest zu bündeln, und gegen wen soll er sich richten?
Dörre: Es liegt nahe, die Krise zu personalisieren. Schon jetzt gibt es Blitzableiter der Nation, Figuren wie den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann. Doch die Art des Protests wird sich wandeln. Bislang rufen die Demonstranten noch "Wir zahlen nicht für eure Krise". Das ist abstrakt und weit weg. Es gibt noch keine besseren Begriffe, um diese Krise zu fassen. Aber es wird sie bald geben.
ZEIT ONLINE: Was macht sie da so sicher? Zum Bedauern mancher Feuilletonisten verhalten sich doch alle potentiellen Protestgruppen – Studenten, Gewerkschaften – versöhnlich.
Dörre: Das ist ein altes bundesrepublikanisches Reaktionsmuster: versöhnen statt spalten. Der Kitt aber wird nicht ewig halten. Wenn der materielle Wohlstand knapp wird, werden wir härtere Verteilungskämpfe erleben. Die Mittelschicht wird versuchen, sich nach unten abzugrenzen, um ihre Pfründe zu wahren. Das werden die Abgehängten der Gesellschaft jedoch nicht mehr hinnehmen. Wenn Ohnmachtserfahrungen zunehmen, sinkt auch die Schwelle für Gewalt.
ZEIT ONLINE: Aus welchen Ecken der Gesellschaft wird diese kommen?
Dörre: Wenn man sich etwa in Arbeitsloseninitiativen umhört, stößt man seit längerem auf eine explosive Stimmung. Dort gibt es Menschen, die glauben, es bedürfe einer neuen RAF, um sich endlich Gehör zu verschaffen.
ZEIT ONLINE: Auf der anderen Seite plagt sich die Mittelschicht mit Abstiegssorgen, obwohl viele - vor allem aus dem akademischen Milieu - nicht viel zu fürchten haben.
Dörre: Einen Teil dieser Ängste halte ich durchaus für berechtigt. Die Krise wird vor den Stammbelegschaften nicht halt machen, vor den lohnabhängigen Arbeitern, die den Anschluss an die Mittelschicht geschafft hatten. Die ein gutes Leben geplant hatten, mit Haus, Kredit und Familie. Da droht etwas kaputt zu gehen, was 40 Jahre Bestand hatte. Noch schwerer trifft es allerdings die Randbelegschaften.
ZEIT ONLINE: ... Leiharbeiter und solche mit Zeitverträgen.
Dörre: Sie haben ziemlich geräuschlos ihre Arbeit verloren. Der Protest blieb weitgehend aus. Bei VW sind sieben Leiharbeiter in den Hungerstreik getreten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Weil sie auf Solidarität hofften, begaben sie sich in die Opferrolle – bislang vergeblich. In der Krise rückt die Stammbelegschaft eben zusammen. Sie wird geschützt, während die anderen schutzlos dastehen.
- Datum 1.5.2009 - 16:24 Uhr
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Er hat ja in vielem Recht, der Soziologe.
Aber eins glaube ich nicht :
Dass sich auf Deutschlands Strassen noch etwas tut.
Dazu gibt es die sogenannte "Unterschicht" inzwischen schon zu lange,
es gärt, aber es passiert NICHTS.
Eher Resignation.
Sieht man ja auch an den Wahlen.
Wo sind denn diese Wähler ? Gut, ein Teil wählt die Linke, aber sicher nur ein Teil. Der Rest geht nicht zur Wahl. Und, ändert sich dadurch etwas ?
In dem Interview geht es doch gerade darum, dass auf Frustration, Ausgegrenzung, Perspektivlosigkeit und Verlust statt mit Resignation auch mit Gewalt reagiert werden könnte.
Wer in eine Ecke gedrängt und trotzdem weiter angegriffen wird, der muss sich zwischen Selbstaufgabe und Verteidigung entscheiden.
Das hat nichts mit demokratischen Wahlen zu tun, sondern mit Darwin.
dass am 1. Mai in Berlin die Gewalt im Vergleich zu den Vorjahren gewaltig zunehmen wird! Man braucht sich bloß die Plakate ansehen, die von Revolution und Widerstandsparolen mit hysterischen Gesichtern geprägt sind.
Blöd nur, dass da denn wieder die gewalttätig werden, die noch nie gearbeitet haben, und friedlichen Leuten ihr letztes Hab und Gut abfackeln werden.
denn die nicht mal arbeiten wuerden wenn ihnen einen Job ins Haus traegt sind die Ersten die auf die Barrikaden gehen weil sie dann endlich mal wieder richtig Randale machen koennen.
Das werden die mit Sicherheit auch TUN können, wenn das Volk sich weiter so entwaffnen lässt!
...aber auch wenn die Schwelle zur Gewalt auf Null sinkt, wird in Deutschland nichts passieren. Nicht umsonst war die Revolution französisch und nicht deutsch.
Oder wie Lenin es treffend beschrieben hat:
"In Deutschland kann man keine Revolution machen, weil der Revolutionär in Ausübung seines Berufes ab und zu über den Rasen laufen muß. Das ist in Deutschland verboten."
Ich denke da an die Reformation oder auch die Badische Revolution. Nur leider gibt es heute einen allmächtiges Kontrollinstrument: das Fernsehen.
Solange die breite Masse mit Promiskandalen und irgendwelchen Großereignissen abgelenkt werden können muckt sie nicht auf.
Wenn die theoretischen künstlichen Systeme praktisch versagen renkt es sich naturürlich ein. Die Natur des Menschen kennen wir ja. Die Einteilung in Gewinner und Verlierer ist sozusagen das gleiche wie heißes und kaltes Wasser. Trifft es aufeinander in der jeweils vorherrschenden Menge so nähert sich der Mittelwert dem Größeren Summanden. Das Ergebnis wäre lauwarm wenn gleichviel kaltes auf gleichviel warmes Wasser trifft.
Vorraussetzung um diesen Mittelwert in der Gesellschaft zu erreichen ist logischerweise alles auf einen Nenner zu bringen.
1/Gewinner + 1/Verlierer hat kein Ergebnis. Sondern muss so stehen bleiben.
Bei den vorherschenden verschiedenen Einstellungen der Einzelnen wird es immer schwanken. Deshalb wird es immer wieder Probleme geben, mal im Kleinen und mal im Großen.
Wer sich mit der Tatsache zufrieden gibt einer unter Vielen (Menschen) zu sein kann dann anfangen zu überlegen, wie er sich zu verhalten hat ohne das er Schaden anrichtet.
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"Die Natur des Menschen kennen wir ja" ist wohl ein sehr schwieriger Satz. Psychologen von Freud bis Skinner bis Rogers werden da wohl verschiedene Meinungen haben. Auch Staatentheoretiker angefangen mit Hobbes und Aristoteles hatten sehr verschiedene Vorstellungen vom Menschen. Weiterhin bauen auch Wirtschaftstheoretiker, Philosophen, ... ihre Theorien immer auf verschiedenen Bildern bzgl. der "Natur des Menschen" auf.
1+1=0 nee... also die Rechnung geht nicht auf.
Wenn nun auf jeden Gewinner der Gesellschaft ein Verlierer kommt also Extremfall: 41 Mio. Millionäre und 41 Mio. Arbeitslose wird der Zustand des Staates nicht so verbleiben wie er ist und dass die Anzahl an der beiden Rändern (Gewinner - Verlierer) steigt, ist seit Jahren geläufig und auch im letzten Armutsbericht nachlesbar.
"Probleme mal im Kleinen mal im Großen" und "Wer sich mit der Tatsache zufrieden gibt einer unter Vielen zu sein kann dann anfangen zu überlegen, wie er sich zu verhalten hat" sind so schwammige Aussagen das man auch noch "So jung kommen wir nicht mehr zusammen" hinzufügen könnte, also vom Prinzip her ist durch diese Artikel nichts benannt worden und er wurde so "in mehr oder weniger" undeutlicher Sprache verfasst um vielleicht besonders bewandert zu klingen.
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Das Gefühl der Ohnmacht zu instrumentalisieren, um eine gewaltsame Änderung bestehender Verhältnisse zu erreichen, ist ein oft angewandtes und bisher immer gescheitertes Verfahren. Die vordergründigen Erfolge, die man damit erzielt, sind noch immer durch die langfristigen Nachteile zunichte gemacht worden, die Aufkündigung des rechtstaatlichen Konsenses zwangsläufig nach sich ziehen, vor allem der Verlust oder Einschränkung von Grundrechten unter einem autoritären, die demokratische Ordnung ablehnenden Herrschaftssystem, das sich unter diesen Bedingungen etablieren kann. Wer die alarmierenden Vorgänge in Frankreich als Muster für die Konflikte ausgibt, die uns hierzulande ins Haus stehen, übersieht einen wesentlichen Unterschied der politischen Kultur beider Länder. Die soziale Marktwirtschaft hat bei uns eine Tradition der sozialen Auseinandersetzung begründet, die den Interessenausgleich dem Konflikt vorzieht. Die gegenwärtigen harten Zeiten stellen diese Tradition auf eine harte Probe, wobei auch die bisher bewährten Handlungsmuster hinterfragt werden. Uns allen ist zu wünschen, dass dabei als Option notfalls alle Formen des gewaltfreien Widerstandes, auf keinen Fall aber die Anwendung illegaler Gewalt erwogen wird.
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gewaltfreier Widerstand ist das Ziel und setzt viel Wissen voraus und ich hoffe mal das die Masse nicht allzu unwissend ist.
"Die soziale Marktwirtschaft hat bei uns eine Tradition der sozialen Auseinandersetzung begründet, die den Interessenausgleich dem Konflikt vorzieht."
Die Tendenz ging doch schon seit mehr als einem Jahrzehnt dahin, die soziale Marktwirtschaft als "rheinischen Kapitalismus" schlechtzumachen und mehr und mehr auszuhöhlen. Angeblich taugte das Konsensmodell doch nicht. Wenn man den Kessel der sozialen Probleme mit Fleiss am Kochen hält, muss man sich nicht wundern, wenn der Druck wächst. Druck erzeugt hoffentlich Gegendruck - aber das wollten unsere tüchtigen Globalisierer und Reformer ja nicht wahrhaben - oder es war ihnen egal. jetzt wo wir die Konsequenzen sehen, rufen sie wieder nach dem angeblich jede Reform verhindernden "Konsensmodell".
You cannot eat your cake and have it.
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Theo Rem
Ich denke da an die Reformation oder auch die Badische Revolution. Nur leider gibt es heute einen allmächtiges Kontrollinstrument: das Fernsehen.
Solange die breite Masse mit Promiskandalen und irgendwelchen Großereignissen abgelenkt werden können muckt sie nicht auf.
"Solange die breite Masse mit Promiskandalen und irgendwelchen Großereignissen abgelenkt werden können muckt sie nicht auf."
Na, dann brauchen wir uns wohl keine Sorgen zu machen - die nächste Staffel "DSDS" oder "GNTM" kommt bestimmt! (Sagt aber auch etwas über den Geisteszustand der Masse aus - nichts Schmeichelhaftes allerdings...)
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