Der Parteien- und Wahlforscher Oskar Niedermayer ist Professor an der Freien Universität Berlin. ZEIT ONLINE sprach mit ihm über die unterschiedlichen Wahlkampfstrategien von SPD und Union.

ZEIT ONLINE: Herr Niedermayer, die SPD hat mit dem Wahlkampf bereits begonnen. Am Wochenende hat sie ihren Spitzenkandidaten in einer Großveranstaltung gefeiert, das Wahlprogramm steht. Die Union hält sich dagegen auffallend zurück. Ihr Wahlprogramm will sie erst Ende Juni beschließen. Was ist die bessere Strategie?

Oskar Niedermayer: Wenn man bedenkt, wie flexibel und volatil die Wähler geworden sind, dann birgt ein früher Wahlkampfauftakt die Gefahr, dass man sich bis zur Wahl verzettelt. Aber das weiß die SPD natürlich auch. Beide großen Parteien werden das Hauptaugenmerk deswegen auf die letzten paar Tage legen, und das ist auch notwendig.

ZEIT ONLINE: Welche Gründe hat die CDU für ihren späten Wahlkampfauftakt?

Niedermayer: Ein Grund könnte sein, dass man im Vorfeld des Europawahlkampfes Auseinandersetzungen zwischen CDU und CSU vermeiden will. Die wird es im Zuge der Aufstellung des Bundestagswahlprogramms aber noch geben.

Parteienforscher Oskar Niedermayer warnt die CDU davor, auf einen Wahlparteitag zu verzichten © FU Berlin

Hinzukommt allerdings, dass die CDU diesmal auch intern Probleme hat sich auf ein Wahlprogramm festzulegen. Ich unterscheide immer zwischen zwei wesentlichen Konfliktlinien, die das Parteiensystem prägen: Das eine ist der sozioökonomische Konflikt, das andere der soziokulturelle. Auf beiden Feldern gibt es in der CDU derzeit heftige innerparteiliche Diskussionen. Auf der einen Seite steht das ordnungspolitische Selbstverständnis der Partei infrage, auf der anderen Seite hat die Frage nach der gesellschaftspolitischen Positionierung der CDU durch den Streit um Merkels Papstkritik und Erika Steinbach neue Nahrung erhalten. Ein Programm vorzustellen, hinter dem die gesamte Partei steht, ist da nicht leicht.

ZEIT ONLINE: Anders als die SPD und alle anderen Parteien will die Union möglicherweise auf einen Wahlparteitag verzichten. Ist das die richtige Entscheidung?

Niedermayer: Das würde ich eher für einen Fehler halten. Ein Wahlparteitag ist zwar nicht sehr viel mehr als symbolische Politik. Ein klassisches Pseudoereignis also, das primär gemacht wird, damit die Medien darüber berichten. Trotzdem, ein halbwegs gut inszenierter Wahlparteitag erhält natürlich mehr Aufmerksamkeit, als wenn nur ein Führungszirkel das Programm beschließt.