Schriftsteller Kulturverweser, Sitzriesen, ihr alle!
Das Zeugnis eines manischen Außenseiters: Jörg Fauser schrieb zeitlebens gegen den Literaturbetrieb an. Ein Buch fasst nun sein journalistisches Werk zusammen

© Archiv Gabriele Fauser
Der Einzelgänger Jörg Fauser
Es gibt Schlaumeier, die nur Jörg Fausers journalistischen Texten überdurchschnittliche Qualitäten zubilligen. Ihnen sollen die Tippfinger abfallen. In einem Punkt haben sie Recht: Man kennt Fauser nicht, wenn man sein journalistisches Werk nicht gelesen hat. Die Zeitungs- und Magazinschreiberei war sein Hauptgeschäft, damit hat er die meiste Zeit in seiner kurzen Laufbahn zugebracht, und hier war er vielleicht am ehesten der Profi, der er immer sein wollte.
Er beginnt in den Sechzigern mit konventionellen Literaturkritiken. Hier ist noch nichts vom toughen, nassforschen Geist zu spüren, den seine Arbeiten seit den siebziger Jahren atmen. Die Fronterlebnisse und existenziellen Grenzerfahrungen, die er später besonders bei der deutschen Literatur forderte – er begegnete ihnen im Slum in Istanbul, wo er 1967/68 versackte und sich soviel miese Opiumderivate in die Venen drückte, dass der Schriftsteller Carl Weissner Fausers Überleben und Entzug eine der "großen Erfolgsgeschichten der Szene" nannte.
Und sie haben ihn maßgeblich geprägt, verhärtet. Mit Junk – Die harten Drogen, einem rücksichtslosen Erfahrungsbericht für die Zeitschrift twen, beginnt seine eigentliche Karriere als Journalist. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits sein erstes Buch mit Avantgardeprosa fertig, er ist vor allem Schriftsteller. Und so sollen seine nun Schlag auf Schlag folgenden Reiseskizzen, Porträts und Reportagen nicht nur literarischen Maßstäben genügen, er schreibt auch vornehmlich über Literatur.
Eine Literatur, die das bereits eingelöst hat, wovon er selbst noch träumt. Bevor er seine eigenen großen Zeitromane veröffentlicht, arbeitet er sich erstmal ab an seiner langen Ahnenreihe: Jack Kerouac, Chester Himes, Raymond Chandler, aber auch an den deutschen Süchtlingen Joseph Roth und Hans Fallada. Und Bukowski, den er sich wirklich erschreibt, dessen Größe und Qualität er in immer neuen Artikeln zu taxieren versucht. In Bukowskis Literatur zeige sich nicht nur der eigene autobiografische Sinneswandel, sondern seiner Ansicht nach auch der seiner Generation.
"Nach Acid und Fernweh und Ausflippen, nach Mystik und Junk und Nirvana", heißt es bereits in seiner ersten Kritik, "zeigt uns Bukowski die Welt, in die wir zurückgekehrt sind, und er zeigt uns, dass es richtig war, in sie zurückzukehren ... Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir haben nichts mehr zu verlieren außer einem Bündel wertloser Illusionen und verramschter Träume. Ich finde, das ist ein guter Ausgangspunkt." Das ist Fausers ganz private Stunde Null.
Allerdings wollte seine Generation bei der neuen "Kahlschlagliteratur" nicht unbedingt mitmachen, und der Literaturbetrieb hatte darauf ohnehin nicht gewartet. Fauser besetzte infolgedessen eine Nische in der sogenannten Gegenkultur – und kaum eine seiner Hymnen auf seine literarischen Entdeckungen kommt nun ohne Ausfälle gegen die "Kopf- und Zopfwelt", gegen die Sitzriesen und "Kulturverweser" der deutschen Literatur aus.
Der Journalist Werner Mathes, der Fauser Anfang der achtziger Jahre zum Berliner Tip holte, macht für dessen Tiraden auch den "Reflex des Zurückgestoßenen" verantwortlich, wohl nicht zu Unrecht. "Er wollte schon eine Nummer im Betrieb sein, ganz sicher. Und als der ihm diesen Gefallen nicht tat, bekam er es mit Fauser zu tun." Seine Vorbildstellung in der Szene resultiert auch aus dieser Apostaten-Pose und nicht allein aus den unbestreitbaren Qualitäten seiner Prosa. Hier hatte es einer geschafft, sich außerhalb, gegen den Widerstand der Klüngel, zu etablieren – kann es eine noch attraktivere Schriftstellergestalt für einen jungen, vom Literaturbetrieb links liegen gelassenen Autor geben?
In seiner Zeit als Kolumnist beim Tip erweitert sich sein Repertoire: kulturkritische Besinnungsaufsätze, Kommentare zum Zeitgeist, politische Leitartikel. Sie gehören nicht zu seinen stärksten Arbeiten. Als politischer Analytiker ist Fauser bestenfalls gutes Mittelmaß. So lesen sich gerade die Kolumnen – ganz untypisch für Fausers notorisches Stilideal – oft überamplifiziert, so als habe er selbst bemerkt, dass er nicht sehr tief unter der Oberfläche schürft, und versucht, es wortreich zu vertuschen.
Harry Rowohlt hat ihm mal bescheinigt, er habe "alles schreiben" können. Es gibt kein Format, das er nicht irgendwann einmal bedient hätte. In dieser neuen, fast 1600seitigen Edition des Alexanders Verlags lässt sich die ganze Vielfalt und die dahinter stehende Energieleistung halbwegs ermessen.
In einem ebenfalls in dem Band abgedruckten Interview erklärt Fauser, worauf seine manische Produktivität zurückzuführen ist – und das sollte man vielleicht auch nicht vergessen, wenn man liest, mit welchem heiligen, beinahe unheimlichen Ernst er immer wieder von der Schriftstellexistenz spricht: "Ich produziere gerne. Ob ich für eine Zeitung schreibe, ein Hörspiel mache, einen Film schreibe, ist mir an sich wurst. Wenn ich 14 Tage nicht geschrieben habe, werde ich unruhig."
Man darf sich im Nachhinein schon fragen, was eigentlich gegen eine solche Gesamtausgabe sprach. Dass nicht alle Artikel weltliterarischen Rang beanspruchen können – geschenkt. Gerade diese chronologisch geordnete Fülle aber macht das Buch wertvoller als einzelne herausragende Essays. So lässt sich dieses Buch nämlich auch noch anders lesen, zum einen als verkappte "Autobiographie des Publizisten Jörg Fauser", wie der Fauser-Biograf Matthias Penzel in seinem souveränen Vorwort schreibt, zum anderen aber auch als eine kleinteilige, materialreiche, meinungsfreudige und immer wieder brillante (Sub-)Kulturgeschichte der siebziger und achtziger Jahre.
- Datum 17.04.2009 - 12:51 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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»Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern«
Dieses Fauser-Zitat kann man nicht oft genug wiederholen. Wenn man das Elend sieht, daß sich die Literatur-Kritik Ihre Themen in den Bestsellerlisten sucht, dann wünscht man sich einen Fauser herbei, der z.B. seinen (kreativen) Spaß daran gehabt hätte, daß heutzutage Lesungen von Eltern verhindert werden (aktuell: Jaromir Konecny).
Bücher in Mülltonnen kloppen kann jeder. Perlentaucher gibt es wenige.
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