Schriftsteller Kulturverweser, Sitzriesen, ihr alle!Seite 2/2

Der Journalist Werner Mathes, der Fauser Anfang der achtziger Jahre zum Berliner Tip holte, macht für dessen Tiraden auch den "Reflex des Zurückgestoßenen" verantwortlich, wohl nicht zu Unrecht. "Er wollte schon eine Nummer im Betrieb sein, ganz sicher. Und als der ihm diesen Gefallen nicht tat, bekam er es mit Fauser zu tun." Seine Vorbildstellung in der Szene resultiert auch aus dieser Apostaten-Pose und nicht allein aus den unbestreitbaren Qualitäten seiner Prosa. Hier hatte es einer geschafft, sich außerhalb, gegen den Widerstand der Klüngel, zu etablieren – kann es eine noch attraktivere Schriftstellergestalt für einen jungen, vom Literaturbetrieb links liegen gelassenen Autor geben?

In seiner Zeit als Kolumnist beim Tip erweitert sich sein Repertoire: kulturkritische Besinnungsaufsätze, Kommentare zum Zeitgeist, politische Leitartikel. Sie gehören nicht zu seinen stärksten Arbeiten. Als politischer Analytiker ist Fauser bestenfalls gutes Mittelmaß. So lesen sich gerade die Kolumnen – ganz untypisch für Fausers notorisches Stilideal – oft überamplifiziert, so als habe er selbst bemerkt, dass er nicht sehr tief unter der Oberfläche schürft, und versucht, es wortreich zu vertuschen.

Harry Rowohlt hat ihm mal bescheinigt, er habe "alles schreiben" können. Es gibt kein Format, das er nicht irgendwann einmal bedient hätte. In dieser neuen, fast 1600seitigen Edition des Alexanders Verlags lässt sich die ganze Vielfalt und die dahinter stehende Energieleistung halbwegs ermessen.

In einem ebenfalls in dem Band abgedruckten Interview erklärt Fauser, worauf seine manische Produktivität zurückzuführen ist – und das sollte man vielleicht auch nicht vergessen, wenn man liest, mit welchem heiligen, beinahe unheimlichen Ernst er immer wieder von der Schriftstellexistenz spricht: "Ich produziere gerne. Ob ich für eine Zeitung schreibe, ein Hörspiel mache, einen Film schreibe, ist mir an sich wurst. Wenn ich 14 Tage nicht geschrieben habe, werde ich unruhig."

Man darf sich im Nachhinein schon fragen, was eigentlich gegen eine solche Gesamtausgabe sprach. Dass nicht alle Artikel weltliterarischen Rang beanspruchen können – geschenkt. Gerade diese chronologisch geordnete Fülle aber macht das Buch wertvoller als einzelne herausragende Essays. So lässt sich dieses Buch nämlich auch noch anders lesen, zum einen als verkappte "Autobiographie des Publizisten Jörg Fauser", wie der Fauser-Biograf Matthias Penzel in seinem souveränen Vorwort schreibt, zum anderen aber auch als eine kleinteilige, materialreiche, meinungsfreudige und immer wieder brillante (Sub-)Kulturgeschichte der siebziger und achtziger Jahre.

 
Leser-Kommentare
  1. »Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern«
    Dieses Fauser-Zitat kann man nicht oft genug wiederholen. Wenn man das Elend sieht, daß sich die Literatur-Kritik Ihre Themen in den Bestsellerlisten sucht, dann wünscht man sich einen Fauser herbei, der z.B. seinen (kreativen) Spaß daran gehabt hätte, daß heutzutage Lesungen von Eltern verhindert werden (aktuell: Jaromir Konecny).
    Bücher in Mülltonnen kloppen kann jeder. Perlentaucher gibt es wenige.

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